Gleiche Bildung für alle ist ungerecht | Spurensuche | DW | 23.08.2018
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Spurensuche

Gleiche Bildung für alle ist ungerecht

Das Beispiel von drei Kindern mit drei Getränkekisten vor einer Hecke veranschaulicht, dass Gleichbehandlung nicht immer gerecht ist. Wer Gerechtigkeit schaffen will, muss sich am Ergebnis seiner Bemühungen orientieren.

Die gerechte Verteilung von drei Getränkekisten

Ein kleines Bild hat mich beeindruckt. Eigentlich sind es zwei Bilder. Sie zeigen drei unterschiedlich große Kinder von hinten. Sie stehen vor einer Hecke und haben drei Getränkekisten dabei.

Hinter der Hecke gibt es etwas zu sehen. Der große ist klar im Vorteil. Er kann über die Hecke schauen. Die anderen beiden stehen vor einer Wand. Ihre Köpfe in unterschiedlichen Höhen. Die Getränkekisten könnten helfen – als Podeste.

Auf dem ersten Bild werden die Kisten gleichmäßig aufgeteilt. Jeder bekommt eine Kiste. Viele hielten das für gerecht. Dem Mittleren hilft es wirklich, dass er sehen kann. Den Großen macht es noch größer in seiner Überlegenheit. Aber die Kleinste kriegt immer noch nichts mit. Wenn man die drei gleich behandelt, haben sie am Ende dennoch nicht den gleichen Überblick. 

Das zweite Bild zeigt, wie alle drei über die Hecke schauen könnten. Das funktioniert nur, wenn man die vorhandenen Ressourcen ungleich verteilt. Der Lange kann auf seine Getränkekiste verzichten – er braucht sie sowieso nicht. Die Kleine muss eine mehr bekommen. Sie kann dann auf zwei Kisten stehend über die Hecke schauen. Der Mittlere ist mit seiner einen Kiste gut versorgt. Alle drei wären dann zufrieden. Sie hätten die gleiche Aussicht.

Inklusion - ein anstrengendes Bildungskonzept

Die Bilder regen dazu an, über gerechte Behandlung in den verschiedenen Bereichen unseres Lebens nachzudenken.

Ich will bei der Bildung bleiben. Dass Kinder mit einer Behinderung gemeinsam mit anderen die Schule besuchen, sollte ihr Grundrecht sein. Wenn sie aber in der Klasse sitzen, dann reicht es nicht, wenn sie genau so behandelt werden, wie die anderen. Sie sind gewissermaßen die Kleinen hinter der Hecke. Neben ihnen die Superintelligenten benötigen keine besondere Hilfe. Auch die durchschnittlich begabten kommen mit relativ wenig Mehraufwand aus. Aber der oder die Dritte im Bunde benötigt ein mehrfaches an Unterstützung. Nur mit überdurchschnittlich viel Ausdauer und Zuwendung haben sie eine Chance, das Klassenziel zu erreichen. Der Erfolg einer inklusiven Schule zeigt sich erst am Ende des Schuljahres.

Eigentlich ist das nichts Neues für eine Pädagogik, die sich am Kind orientiert. Schon seit mehr als hundert Jahren wissen Reformpädagogen: Jedes Kind wird entsprechend seiner Begabungen gefördert. Das bedeutet natürlich unterschiedlich intensive Zuwendung und Hilfestellung – je nach den gegebenen intellektuellen, körperlichen und charakterlichen Voraussetzungen. Pädagogische Arbeit wird dadurch vielseitig - aber auch anstrengend.

Als Jesus gesagt hat: „Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner gering geachteten Geschwister getan habt, das habt ihr für mich getan.“ (Mt. 25,40) hat er gewusst, dass das Arbeit ist, die sich nicht jeder auferlegen will.

Gerecht ist nicht immer gerecht

Im Übrigen bestimmt die Situation sehr stark, was wir als gerecht empfinden. Wenn zum Beispiel die drei auf unserem Bild sich irgendwann zur Brotzeit hinsetzen wollten, dann müsste man die Kisten wieder anders verteilen. Sonst säße nämlich die Kleine auf zwei Kisten und der Große auf dem Boden. Dann wäre es gerecht, alle würden gleich behandelt und jeder bekäme eine Kiste, um darauf zu sitzen.

Wie man sieht, ist das Engagement für Gerechtigkeit tatsächlich kein leichtes Geschäft. Die einfachen Lösungen helfen hier nicht viel.

 

Zum Autor:

Gerhard Richter (Jahrgang 1957) ist seit Dezember 2015 Referent für die Tansania-Partnerschaften im Evang.-Luth. Missionswerk Leipzig.