Giovane Elber: ″Deutscher WM-K.o. war gut für Brasilien″ | FIFA WM 2018 in Russland | DW | 04.07.2018
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Interview

Giovane Elber: "Deutscher WM-K.o. war gut für Brasilien"

Im DW-Interview spricht der brasilianische Fußballexperte und Ex-Bayern-Profi Giovane Elber über die Lehre aus der 1:7- WM-Niederlage von 2014, Neymars Schauspielkünste und das Titelpotential der Selecao.

DW: Herr Elber, was läuft bei dieser WM bei der Selecao besser als beim letzten Mal?

Giovane Elber: Wir haben endlich eine Mannschaft. Bei der WM 2014 hatten wir nur Einzelspieler. Der neue Trainer Tite hat aus den Einzelspielern ein Team geformt, und deswegen läuft es besser. Die Spieler haben gelernt, dass man als Mannschaft agieren muss und nicht nur durch Einzelaktionen. Dann können sie jeden schlagen. Der Trainer macht das sehr gut. Er spricht viel mit den Spielern, das sieht man. Selbst Neymar läuft heute nach hinten und verteidigt. Vorne ist er trotzdem brandgefährlich wie immer, zusammen mit Coutinho. Aber die beiden übernehmen jetzt auch Defensivaufgaben, und das ist ganz wichtig.

Für manche Experten ist Brasilien der Topfavorit auf den WM-Titel. Was denken Sie?

Also jetzt, wo Deutschland raus ist... (lacht ungläubig) Brasilien, Frankreich, Belgien und England sind schon Topfavoriten, aber sie sind noch lange nicht im Endspiel. Meine Angst ist Frankreich. Ich habe getippt, dass die Franzosen Weltmeister werden. Brasilien ist gut. Doch wenn wir gegen Frankreich spielen, wird es schwierig. Aber es könnte klappen, wir hätten eine Chance.

FIFA Fußball-WM 2018 | Achtelfinale | Frankreich vs. Argentinien | 2. TOR Frankreich (Reuters/C.G. Rawlins)

Respekt vor den starken Franzosen, auf die Brasilien im Halbfinale treffen könnte

Hat das Schreckgespenst der 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der letzten WM Spuren hinterlassen?

Klar! Das ist ein Ergebnis, das man nicht von heute auf morgen oder von einer WM auf die andere wegstecken kann. Das wird immer bleiben. Aber das Leben geht weiter, man muss nach vorne schauen. Die Nationalmannschaft weiß, dass sie eine neue Geschichte schreiben kann. Und die hat bei dieser WM angefangen. Es wäre schön, wenn Brasilien es jetzt schafft, wieder in einem Finale zu stehen.

Ist es ein psychologischer Vorteil, dass Angstgegner Deutschland ausgeschieden ist?

Auf jeden Fall ist das besser. Meine große Angst war, dass Deutschland weiterkommen und schon im Achtelfinale gegen Brasilien spielen würde. Das wäre für uns sehr schwer geworden. Denn dieses 1:7 bleibt im Kopf hängen. Und bei Deutschland ist es so: Je länger sie in einem Turnier bleiben, desto gefährlicher werden sie. Für die WM ist es schade, dass Deutschland weg ist, aber für uns Brasilianer war es gut.

Fußball WM 2018 Brasilien vs Mexiko (Getty Images/B. Mendes)

Brasiliens Superstar Neymar - mal Held, mal Heulsuse

Neymar polarisiert die Fußballwelt: Mal ist er Matchwinner, mal nach vermeintlichen oder wirklichen Fouls theatralischer Simulant. Was ist er für Sie: Held oder Heulsuse?

In der Vorrunde lag er oft auf dem Boden und meckerte immer: gegen den Schiri, gegen die Gegenspieler. Das gehört nicht zum Fußball, das ist zu viel Schauspielerei. Das hat er nicht nötig, denn er ist ein klasse Fußballer. Er muss einfach nur Fußball spielen und fertig. Wenn er sich darauf konzentriert, macht er das Ganze mit links. Man sieht aber auch, dass die Worte des Trainers wirken: Neymar ist ganz ruhig geblieben, nachdem alle Leute kritisiert hatten, dass er nur auf dem Boden liege. Er hat gegen Mexiko schon ganz anders gespielt. Und das ist wichtig.

Seit WM-Beginn halten viele Philippe Coutinho für den eigentlichen Mittelpunkt des brasilianischen Spiels. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Sehr, sehr gut. Das war für uns eine ganz große Überraschung. Klar wusste man, was man an ihm hat. Aber nach den ersten Spielen haben viele Brasilianer gesagt, dass er besser gespielt hat als Neymar. Und das stimmt. Nicht nur wegen seiner Tore, sondern weil er für die Mannschaft da ist. Er kann ein ganz Großer werden. Bei Neymar darf man allerdings nicht vergessen, dass er verletzt war. Er war drei Monate lang außer Gefecht gesetzt. Dann ist es schwer, gleich von Null auf Hundert zu schalten. Gegen Mexiko hat er schon besser gespielt als in der Vorrunde. Und klar, man wünscht sich, dass er noch besser werden kann.

FIFA Fußball-WM 2018 in Russland | Brasilien vs. Serbien (Reuters/M. Shemetov)

Coutinho - bisher der große Gewinner im brasilianischen Team

Brasiliens Viertelfinalgegner Belgien hat sich selbstbewusst durch die Vorrunde gespielt. Wie stark sehen Sie den nächsten Gegner der Selecao?

Es ist eine sehr starke Mannschaft. Aber Brasilien hat einen Vorteil: Unsere Spieler sind WM-erfahren. Und Brasilien hat einen Namen. Klar, nur mit dem Namen allein wird man nicht Weltmeister. Aber ich denke, die belgischen Spieler werden auf unser gelbes Trikot schauen und sagen: 'Oh Gott, das ist Brasilien, das wird nicht einfach!' Aber für Brasilien wird es auch nicht einfach. Man muss laufen, man muss kämpfen. Doch ich glaube, Brasilien kann dieses Spiel gewinnen.

Brasilien ist WM-Rekordhalter: Fünfmal hat die Selecao das Turnier bereits gewonnen. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Gute Frage. Die Leute hier lieben Fußball, jedes Kind will Fußballer werden. Und das Land ist so groß wie ein Kontinent. So hat man eine große Auswahl, um gute Spieler zu finden. Vielleicht deswegen.

Bildergalerie Fußballspieler aus Lateinamerika Giovanni Elber (Getty Images)

Elber als Bayern-Profi (2001)

Wo und wie verfolgen Sie die WM?

Ich bin jetzt im Norden Brasiliens. Ich fahre auf meine Farm und werde dort das Spiel anschauen: Swimmingpool, Grillen, mit der Familie, ganz entspannt. Das ist das Schönste. Bald fängt ja die Bundesliga an, da muss ich wieder nach Deutschland und um die ganze Welt fliegen als Botschafter für den FC Bayern. Deswegen genieße ich jetzt die Zeit in meiner Heimat.

Der Brasilianer Giovane Elber stürmte von 1997 bis 2003 für den FC Bayern und gewann mit den Münchenern unter anderem 2001 die Champions League. Bis Oktober 2010 war er mit 133 Treffern in 260 Spielen der erfolgreichste ausländische Torschütze in der Bundesliga-Historie. Er gehörte auch zur brasilianischen Selecao, spielte aber nie bei einer WM. Heute reist der 45-Jährige als Markenbotschafter für den FC Bayern um die ganze Welt, ist gefragter Fußballexperte beim deutschen Fernsehen und betreibt in seiner brasilianischen Heimat eine Rinderfarm.

Das Interview führte Bianca Kopsch (Rio de Janeiro).

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