Gibt es eine europäische Erinnerungskultur? | Europa | DW | 14.10.2013
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Europa

Gibt es eine europäische Erinnerungskultur?

Eine immer engere Zusammenarbeit - darin sehen die Staaten Europas ihre Zukunft. Doch bei der Interpretation der Vergangenheit unterscheiden sich die Perspektiven. Gemeinsame Geschichtsbücher bleiben eine Utopie.

Als Held oder als Opfer - so sehen sich viele Völker. Und obwohl jedes Volk "in seinem Schrank Leichen hat", erklärt der polnische Historiker Andrzej Paczkowski, "schielt es lieber in den Schrank des Nachbarn". Das mache es schwierig, eine gemeinsame europäische Geschichte zu schreiben. Paczkowski war zu Gast auf einem Symposium von 120 europäischen Museen, Stiftungen, Vereinen, Gedenkstätten und Forschungszentren in Berlin. Thema des Treffens: Gemeinsamkeiten und Trennlinien europäischer Erinnerungskultur.

Andrzej Paczkowski (Foto: DW/Rosalia Romaniec)

Andrzej Paczkowski: Jeder sucht lieber bei den anderen nach den Leichen im Leller

"Es gibt zwar gemeinsame Orte, an denen sich Geschichte abspielte", sagt Paczkowski. "Doch die Erinnerung darüber, was dort geschah, ist unterschiedlich." Dennoch sei es wichtig, sich nicht auf die eigene Sicht auf die Geschichte zu beschränken. Man müsse akzeptieren, dass andere Völker geschichtliche Ereignisse aus ihrem Blickwinkel bewerten. Das bedeute allerdings keine gemeinsame Geschichtsschreibung.

Gemeinsame europäische Grundwerte

Noch deutlicher wird sein Kollege Matthias Weber. Der Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa warnt vor einem "europäischen Versöhnungskitsch". Diese Gefahr, glaubt Weber, würde bei der Verfassung eines europäischen Schulbuchs der Geschichte bestehen. Dagegen sei es unabdingbar, sich über europäische Grundwerte auszutauschen.

Vesna Teršelič, kroatische Friedensaktivistin, (Foto: DW, Panagiotis Kouparanis)

Vesna Teršelič aus Kroatien

Dazu gehöre nach Webers Überzeugung auch eine unabhängige Forschung. Erst auf dieser Basis, ergänzt Wolf Kaiser, stellvertretender Leiter des Hauses der Wannsee-Konferenz in Berlin, sei man in der Lage, "aus politischen Gründen geschaffene Mythen in Frage zu stellen". Die Anerkennung als wissenschaftlich fundierte Einrichtung sei notwendig, um sich "politischer Instrumentalisierung zu widersetzen".

Die notwendige Zusammenarbeit

Nicht nur der Politik mangele es am Willen, "nationale Mythen" in Frage zu stellen oder sich mit den "dunkelsten Fragen" der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen, betont die kroatische Friedensaktivistin Vesna Teršelič. Die Führungsfigur des Netzwerks Coalition for RECOM, das Menschenrechtsverletzungen auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawiens dokumentiert, sieht auch in den Gesellschaften der jugoslawischen Nachfolgestaaten wenig Bereitschaft dafür.

Deshalb bräuchten Institutionen oder Nichtregierungsorganisationen, die die Erinnerung zum Gegenstand ihrer Arbeit haben, internationale Unterstützung. Vesna Teršelič fordert eine "gemeinsame breite europäische Plattform", die "die Zusammenarbeit der Initiativen und Institutionen stützt und zur Vertiefung des laufenden Dialogs beiträgt".

Wolf Kaiser, stellvertretender Leiter Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin (Foto: DW, Panagiotis Kouparanis)

Wolf Kaiser: Man muss sich der politischen Instrumentalisierung widersetzen

Wie wichtig internationale Zusammenarbeit sein kann, verdeutlicht das Beispiel der rumänischen Behörde, die für die Aufbewahrung der Geheimakten aus der Zeit des sozialistischen Regimes verantwortlich ist. Vor zwei Jahren wurde in den Medien berichtet, die Regierung beabsichtige, sie zu schließen. Daraufhin schrieb die deutsche Behörde für die Aufbewahrung der Unterlagen der DDR-Staatssicherheit einen Brief an ihre rumänischen Kollegen. Man bat um nähere Information und bot sich an, öffentlich dagegen zu protestieren.

Ein paar Wochen tat sich nichts. Aber dann kam doch ein Brief aus Bukarest, erinnert sich der Direktor der Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde, Hans Altendorf. Absender war kein geringerer als der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta. Er schrieb, dass er von dem Brief gehört habe. "Es sei ihm ein persönliches Anliegen zu betonen," so Hans Altendorf, "dass an diesen Gerüchten nichts dran sei und das es selbstverständlich auch zukünftig eine Unterstützung für die rumänischen Kollegen geben solle."

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