Gezerre um Brasiliens Weltraumbahnhof | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 15.08.2019
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Raumfahrt

Gezerre um Brasiliens Weltraumbahnhof

Brasilien hat den bestgelegenen Weltraumbahnhof der Welt. Die Nutzung durch die USA soll dem südamerikanischen Land Gewinne bringen, sagt die Regierung. Kritiker warnen vor Unterwürfigkeit gegenüber Nordamerika.

Der brasilianische Kongress soll noch diesen Monat über ein Abkommen abstimmen, dass den USA die Nutzung des Raketenstartplatzes Alcântara im nördlichen Bundesstaat Maranhão erlaubt. Der Abkommensentwurf wurde von US-Präsident Donald Trump und dem brasilianischen Präsident Jair Bolsonaro unterzeichnet - im März, als Bolsonaro auf Staatsbesuch in Washington war.

Der 1983 erbaute Alcântara-Stützpunkt ist der weltweit bestgelegene Weltraumbahnhof, da er nur zwei Breitengrade südlich des Äquators liegt. Eine von dort startende Rakete spart im Vergleich zum US-Startplatz Cape Canaveral in Florida 30 Prozent Treibstoff, um eine Ladung in die Erdumlaufbahn zu bringen.

Aufgrund der fehlenden Weiterentwicklung einer Raumfahrtindustrie in Brasilien war die Nutzung von Alcântara in den vergangenen Jahrzehnten von der Zusammenarbeit mit fortschrittlicheren Raumfahrtprogrammen anderer Nationen abhängig. Brasilien unterzeichnete daher 2000 das erste technologische Schutzabkommen mit den Vereinigten Staaten.

Geheimhaltung der amerikanischen Technologie

Dieses Abkommen sah die Geheimhaltung der US-Raketentechnologie und von deren Fracht vor - um zu verhindern, dass Brasilien sich den technischen Vorsprung aneignen kann. Aus diesem Grund sollte Brasilianern auch verboten werden, sich bei US-Raketenstarts auf dem Gelände aufzuhalten. Für Starts von Alcântara aus sollten die USA Gebühren an Brasilien zahlen.

Jair Bolsonaro und Donald Trump vor dem Weißen Haus (19.03.2019) (Getty Images/A. Wong)

Präsidenten Bolsonaro und Trump in Washington (im März): Geheimhaltung und Verbote

Da der Kongress solche Abkommen absegnen muss, verhinderte starker Widerstand der Parlamentarier damals das Zustandekommen der internationalen Partnerschaft. Vielen Abgeordneten forderten insbesondere Garantien, dass keine US-Waffensysteme von Alcântara ins All geschossen werden sollten. Das hätte jedoch detaillierte Informationen über die geplante US-Fracht vorausgesetzt. Außerdem sorgte die geplante Aussperrung von Brasilianern bei Starts der Vereinigten Staaten für Befürchtungen, dass dadurch der Weltraumbahnhof zu einem exterritorialen Gelände werden könnte und so Brasiliens Souveränität verletzt wäre.

Brasiliens Regierung versuchte 2013 erneut den Weltraumbahnhof in Äquatornähe zu vermarkten. Diesmal schien die Ukraine der ideale Partner für eine Zusammenarbeit in Alcântara zu sein. Aber inmitten der Krimkrise und nach Ausgaben von umgerechnet fast einer Viertelmillion Euro wurde der Versuch, eine ukrainische Cyclone-4-Rakete in Brasilien zu starten, aufgrund der hohen Kosten, aufgegeben.

2017 startete Brasiliens damaliger Verteidigungsminister Raul Jungmann einen weiteren Anlauf, ein Abkommen auszuhandeln - diesmal wieder mit den USA. Daraus entstand die Basis für die Vereinbarung zwischen Trump und Bolsonaro vom März. Nun liegt die Entscheidung wieder bei den Kongressabgeordneten.

Neue Bedingungen

Das neue Abkommen, über das der Kongress in Brasília erneut befinden muss, wurde in einigen umstrittenen Passagen geändert. Beispielsweise ist es Brasilien nicht länger verboten, die eingenommenen Gebühren in ein eigenes Raumfahrtprogramm zu investieren. Allerdings darf das Geld weiterhin nicht zur Entwicklung von Raketen genutzt werden.

Infografik Karte Brasilien mit Alcantara DE

Zudem wird Alcântara im neuen Abkommen als brasilianischer Luftwaffenstützpunkt definiert - um die Ängsten um ein Ende der Souveränität zu mildern. Dennoch soll es weiterhin Zeitpunkte geben, an denen nur US-Fachkräfte zum Weltraumbahnhof Zugang haben.

"Wir sprechen von einem besseren Abkommen, das Fortschritte unserer Raumfahrtindustrie ermöglicht und auf eine neue Vertrauensbasis zwischen den USA und Brasilien hindeutet", versichert Alessandro Candeas, Diplomat und Leiter des Verteidigungsressorts im Außenministerium.

Dieser Einschätzung einer Annäherung mit den Vereinigten Staaten stimmt Juliano Cortinhas nicht zu. Er ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Brasília und war von 2012 bis 2013 Verteidigungsberater der Regierung. "Die USA verlangen die Nutzung von brasilianischem Staatsterritorium im Tausch für Geld." Das würde Brasilien keine großen Vorteile bringen, meint Cortinhas. "Vorteilhaft wäre die Aneignung von technologischem und strategischem Wissen. Wenn sie ihr Fachwissen nicht teilen wollen, dann sollten sie auch nicht unser Staatsgebiet nutzen dürfen."

Pläne für einen Technologiepark

Der Diplomat Candeas betont, dass die globale Raumfahrtindustrie jährlich circa 300 Milliarden Dollar generiert, fünf Milliarden davon allein durch Raketenstarts. Die aus der brasilianischen Beteiligung an diesem Markt gewonnen Mittel könnten die Raumfahrtindustrie in Alcântara fördern.

"Langfristig soll um Alcântara herum ein Technologiepark entstehen. Durch die kommerzielle Erschließung des Standorts werden Investitionen in die Infrastruktur, Tourismus und Bildung angelockt, was die Entwicklung der Region anstoßen wird", so Candeas.

Weltraumbahnhof Alcântara Brasilien (Getty Images/AFP/E. Sa)

Startgelände in Äquatornähe: Kein Zutritt für Brasilianer?

Carlos Moura, Präsident der brasilianischen Raumfahrtorganisation (AEB), die dem Wissenschaftsministerium untersteht, hält das Abkommen nur für den ersten Schritt auf dem Weg zu weiteren kommerziellen Partnerschaften und Initiativen, um die brasilianische Raumfahrtindustrie zu entwickeln. Der Text werde keine Exklusivitätszusammenarbeit mit den USA vorsehen, so Moura.

Er betont auch, dass das Abkommen notwendig ist, um den Weltraumbahnhof instandzuhalten: "Damit ein Stützpunkt funktionieren kann, braucht man funktionsfähige technologische Systeme, Datenverarbeitung, Fernmessung, Radare, meteorologische Systeme und Systeme für die Flugsicherheit."

Marcos Azambuja, einst Generalsekretär des Außenministeriums und jetzt Mitglied des "Brasilianischen Zentrums für Internationale Beziehungen", weist auf die Bedeutung von Details des Abkommens hin, vor allem wenn der Kongress sich damit auseinandersetzt. "Es nützt nichts, die perfekte geografische Lage zu haben, aber nicht die notwendige Technologie. Alcântara funktioniert fantastisch, wenn dort Raketen starten", sagt der Experte. "Also brauchen wir die Technologie der USA. Aber das Abkommen benötigt politische, diplomatische und wissenschaftliche Sorgfalt", mahnt Azambuja an.

Tritt das Abkommen mit den USA in Kraft, würde ein Förderer Brasiliens als potenzieller Nutzer des Weltraumbahnhofs ausfallen. Denn dann darf Brasilien Staaten, die von den Vereinten Nationen sanktioniert wurden oder die dem Trägertechnologie-Kontrollregime (MTCR) nicht angehören, Alcântara nicht zur Verfügung stellen. Darunter ist auch China, das dem MTCR nicht beigetreten ist, aber einer der größten Investoren in Brasilien und der größte Konkurrent der USA im Handel und bei technologischen Fortschritten ist.