Geteiltes Echo: Literaturnobelpreis für Bob Dylan | Bücher | DW | 14.10.2016
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Geteiltes Echo: Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Endlich hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhalten, sagen die einen. Ein Witz, sagen andere. Auffällig: Viele Musiker und Autoren sind begeistert, doch Literaturkritiker tun sich schwer mit der Jury-Entscheidung.

Bob Dylan gilt zweifelsohne als einer der wichtigsten Musiker unserer Zeit. Ein Folksänger, der seine Karriere mit Protestsongs begann, aber sich nie von einer Bewegung vereinnahmen ließ. Mehr als tausend Songs hat er bis heute geschrieben, darunter Klassiker wie "Blowin' In The Wind", "Like a Rolling Stone" oder "Knockin' on Heaven's Door". Zu seinem Pulitzer-Sonderpreis für sein Lebenswerk, zwölf Grammys, einem Oscar, diversen Ehrenmedaillen und Ehrendoktortiteln ist jetzt noch der Literaturnobelpreis hinzugekommen. Die wichtigste Auszeichnung für Schriftsteller, dotiert mit acht Millionen Schwedischen Kronen, rund 830.000 Euro.

Dylan sei ein "großartiger Dichter" und habe den "Status einer Ikone", sagte Sara Danius, Literaturwissenschaftlerin und Mitglied der Schwedischen Akademie, die jährlich die Nobelpreise vergibt. Auch der scheidende US-Präsident, Barack Obama, ist Fan des "rebellischen, zurückgezogenen, unberechenbaren Künstlers", wie die amerikanische Sängerin und Bürgerrechtlerin Joan Baez ihn anerkennend bezeichnet.

Erstmals hat ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten

Auffällig viel Lob erhält Bob Dylan von Musikerkollegen: von Bruce Springsteen über Jarvis Coker bis zu dem deutschen Rockstar Udo Lindenberg. Sie freuen sich über den ersten Literaturnobelpreis, der je an einen Musiker ging.

"Es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat", sagte der deutsche Musiker Heinz Rudolf Kunze der Deutschen Presse Agentur. Anders als viele Schriftsteller, die in der Vergangenheit mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurden, aber häufig nur einer sehr kulturbeflissenen Elite bekannt waren, ist Dylan ein internationaler Pop-Star, gilt als  Poet, Philosoph und Sprachkünstler, dessen Texte ein Stück Literatur seien – finden der Filmemacher und Philosoph Theo Roos sowie die amerikanische Schriftstellerin und mehrfache Pulitzer-Preisträgerin Joyce Carol Oates.

Mutige Entscheidung des Komitees

Auch der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie kann der überraschenden Entscheidung der Nobelpreisjury nur Gutes abgewinnen. "Ein großartige Wahl", twitterte er. Die Grenzen der Literatur würden immer breiter, sagte Rushdie der britischen Tageszeitung "The Guardian". Es sei erstaunlich, dass der Nobelpreis das anerkannt habe.

Kritik kommt von den Literaturkritikern

Damit spielt Rushdie an auf eine Tatsache, die gleichsam viele Literaturkritiker irritierte – vor allem in den deutschen Feuilletons wird mit der Entscheidung der Jury gerungen. Klar, alle Autoren gönnen Dylan die höchste Auszeichnung für Literatur, aber sie tun sich schwer damit. Denn seine Texte funktionierten nur in Verbindung mit seiner Stimme, seiner Musik. Den Singer-Songwriter nur als Writer zu verstehen, sei unmöglich, schreibt etwa die Süddeutsche Zeitung. "Ist die Welt jetzt verrückt geworden?", fragt auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Dylan-Fan und "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh ist ebenfalls unzufrieden mit der Jury-Entscheidung – und macht sich auf Twitter Luft: Es sei ein "schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostata seniler, sabbernder Hippies."

Nobelpreis für Dylan: ein "Witz"

Ob er es ernst meint oder nur ironisch, bleibt offen. Aber Micky Beisenherz, ein deutscher Hörfunk- und Fernsehmoderator, trifft dennoch ins Schwarze, wenn er schreibt:

Ziemlich erbost, war der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck. Für ihn sei die Auszeichnung Dylans ein "Witz". "Ich glaube, die wollten den Nobelpreis eigentlich Donald Duck geben, aber hatten dessen Telefonnummer nicht", polterte er im SWR-Höfunk. "Auch ich höre Bob Dylan sehr gerne", betonte er. "Er hat ganz tolle Songs geschrieben, aber das sollte einem nicht den Literaturnobelpreis einbringen."

Auch die Literaturkritikerin Sigrid Löffler bezeichnet den Preis im MDR als "fantastische Fehlentscheidung" und vermutete, dass die Akademie sich einfach nur interessant machen wolle. Unverdient sei auch schon die Auszeichnung für die weißrussische Journalistin Swetlana Alexijewitsch im letzten Jahr gewesen.

Die deutsche Publizistin und Dramatikern Sibylle Berg, deren Romane und Theaterstücke inzwischen in rund 30 Sprachen übersetzt worden sind, nimmt den Nobelpreis für Dylan mit Humor.

Dylans Reaktion: Kein Kommentar!

Und wie reagiert Bob Dylan selbst auf die Auszeichnung? Erst mal gar nicht. Bei einem Konzert in Las Vegas, das am Abend der Bekanntgabe stattfand, verlor Dylan kein Wort über den Preis. Warum auch? Hat er sich doch stets unbeeindruckt gezeigt und sich nie von einer Sache oder einer Person vereinnahmen lassen. Seinen letzten Song an dem Abend hat er daher sicher nicht zufällig ausgewählt: "Why Try To Change Me Now" (dt. "Warum versuchen, mich jetzt zu ändern").

(mit dpa, AFP)

 

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