Geschwister-Scholl-Preis für Ahmet Altan | Kultur | DW | 25.11.2019
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Literatur

Geschwister-Scholl-Preis für Ahmet Altan

Ahmet Altan bezieht deutlich Stellung - trotz Inhaftierung. Seine Gedanken und Texte lässt er sich nicht verbieten. Er kritisiert unermüdlich die türkische Regierung. Der Preis würdigt freiheitliches Denken und Haltung.

Lebenslänglich - ein vernichtendes Gerichtsurteil für einen Menschen, dessen vermeintliches Vergehen darin besteht, die aktuellen Geschehnisse in seinem Heimatland Türkei kritisch zu kommentieren. 2016 wird Ahmet Altan, Gründer der inzwischen verbotenen türkischen Zeitung Taraf, zum ersten Mal verhaftet. Die Regierung in Ankara wirft ihm vor, Mitglied der Gülen-Bewegung und damit am Putschversuch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan beteiligt gewesen zu sein.

"Ihr könnt mich gefangen setzen, aber ihr könnt mich nicht gefangen halten. Weil ich die Zaubermacht habe, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen", schreibt der Schriftsteller und Journalist daraufhin in einem Manifest, das er in seiner Zelle im Hochsicherheitsbereich des Gefängniskomplexes Silivri verfasst.

Systematische Einschüchterung von Journalisten

Das Urteil gegen ihn und fünf weitere Journalisten war just an jenem Tag verkündet worden, als der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel aus der Haft entlassen wurde. "Ahmet Altans Schicksal ist leider beispielhaft für die Situation vieler unabhängiger Journalistinnen und Journalisten in zunehmend autoritären oder auch diktatorischen Gesellschaften", erklärte die Jury des Geschwister-Scholl-Preises dazu, die den mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis 2019 an diesem Montag an den inhaftierten türkischen Journalisten vergeben.

Mehrere Männer führen Ahmet Altan zu einer geöffneten Autotür (Foto: Getty Images/AFP/B. Kilic).

Erneute Festnahme: Nach nur wenigen Tagen in Freiheit wird Ahmet Altan zum zweiten Mal inhaftiert

Gleichzeitig spiegelt sein Fall auch das aktuelle Kräftemessen innerhalb der türkischen Justiz wider. So wurde das Strafmaß Anfang November 2019 von lebenslänglich auf zehn Jahre und sechs Monate reduziert, zeitgleich kam er gemeinsam mit der Journalistin Nazli Ilicak unter der Auflage frei, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Wenige Tage später jedoch erhob die Generalstaatsanwaltschaft Einspruch. Es drohe eine angebliche Fluchtgefahr - seitdem sitzt Ahmet Altan wieder im Gefängnis.

Standhafter Kritiker trotz Inhaftierung

Die erneute Verhaftung löste international große Bestürzung aus. Es handele sich um ein neues Kapitel der "Justiz-Willkür" in der Türkei, das traurig und wütend mache, kommentierte Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, den Vorgang. "Ihn nach nur einer Woche in Freiheit wieder einzusperren, soll einen allseits bekannten Kritiker der Regierung mürbe machen."

Auch Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk fand klare Worte: "Es ist nicht akzeptabel, dass das Recht auf diese Weise missachtet wird und die Urteile des höchsten Gerichts so dreist mit Füßen getreten werden. Solange die systematischen Ungerechtigkeiten gegen Altan andauern und wir dazu schweigen, ist dies beschämend für uns und unsere Menschlichkeit", kommentierte der türkische Schriftsteller in der Süddeutschen Zeitung.

Ahmet Altan in gestreiften Hemd und West steht vor mehreren Kamerateams und Mikrofonen (Foto: AFP/B. Kilic).

Ahmet Altan am Tag seiner vorübergehenden Freilassung am 4. November 2019

Doch Ahmet Altan ließ sich von dem juristischen Tauziehen nicht einschüchtern. 2018 veröffentlichte er das Buch "Ich werde die Welt nie wiedersehen", für das er nun mit dem 40. Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird. In der Textsammlung, die er im Gefängnis verfasste, schreibt er von seinen persönlichen Erfahrungen in Untersuchungshaft, seinen Begegnungen mit Polizisten, Staatsanwälten und Richtern und von seinen Mithäftlingen in der überfüllten Zelle des Gefängnisses.

Für die Jury des Literaturpreises zeugen diese authentischen Berichte "von einer großen Standhaftigkeit, vom Entschluss, trotz allen Entbehrungen stärker zu sein als die Vernehmer, Ankläger und Richter. In der Situation größter Unfreiheit behauptet Ahmet Altan auf eine bewegende und mutige Weise seine innere Freiheit", heißt es in der Jury-Begründung.

Kraft der inneren Freiheit

Dies bewies der Journalist unter anderem auch in einem Text, den er anlässlich des Tags der Pressefreiheit für die DW im April 2019 verfasste. "Ich empfehle jedem, der sich - aus welchen Gründen auch immer - gefangen fühlt, beklemmt oder betrübt ist, einen neuen Satz zu suchen, der nur ihm gehört. Es kann sein, dass man den Satz nicht findet, aber allein die Suche nach ihm tröstet und erheitert. Freiheit ist vergnüglich. Und diese vergnügliche Freiheit kann man nur in den Abenteuern innerhalb des eigenen Geistes entdecken. Egal, wie dick die Mauern um einen herum sind." 

Ahmet Altan in gestreiften Hemd und West hält seine Tochter im Arm (Foto: AFP/B. Kilic).

Kurzes Wiedersehen: Journalist Ahmet Altan und seine Tochter Sanem am Tag seiner vorübergehenden Freilassung

Dieses Freiheitsdenken und der stetige Appell, nicht wegzusehen, wollte die Literaturpreis-Jury ausdrücklich würdigen: "Ahmet Altan spricht für alle die, die für die Wahrheit eintreten und die Freiheit verteidigen, gerade unter schwierigsten Bedingungen. Auf diese Weise verteidigt er selbst die Freiheit und erinnert an das Vermächtnis der Geschwister Scholl."

Der Geschwister-Scholl-Preis ist der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" um Hans und Sophie Scholl gewidmet, die als Studenten gegen die nationalsozialistische Diktatur kämpften - und von den Nazis hingerichtet wurden. Der Literaturpreis wird jährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels Bayern und der Stadt München verliehen.

Er zeichnet seit 1980 Bücher aus, die sich durch moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut auszeichnen und die bürgerliche Freiheit fördern. Die feierliche Verleihung findet im Rahmen des Literaturfests München statt - in diesem Jahr in Abwesenheit des Preisträgers. Zu den früheren Gewinnern zählen Historiker Götz Aly, der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, die russische Journalistin Anna Politkowskaja und die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf .

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