Geschlechtergerechte Sprache: Gender Star und Binnen-I | Sprachbar | DW | 07.09.2016
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Geschlechtergerechte Sprache: Gender Star und Binnen-I

Männer und Frauen in Deutschland sind laut Gesetz gleichberechtigt und dürfen wegen ihres Geschlechts nicht diskriminiert werden. Doch was ist, wenn wir das gar nicht merken, weil es unbewusst geschieht?

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Geschlechtergerechte Sprache: Gender Star und Binnen-I

In der deutschen Sprache gibt es drei Geschlechter: männlich, weiblich und sächlich. Vor allem männlich und weiblich erkennt man am vorangestellten Artikel und manchmal an einer Endung. Es heißt „der“ Ingenieur und „die“ Ingenieurin oder „der“ Bäcker und „die“ Bäckerin. Die meisten Berufsbezeichnungen oder Wörter, die eine Person beschreiben, sind erst einmal männlich. Kein Wunder, denn die Gleichberechtigung von Mann und Frau existiert noch nicht sehr lange. Inzwischen haben wir Gleichberechtigung, doch unsere Sprache kommt da nicht ganz mit. Sie ist immer noch ziemlich männlich geprägt.

Feministische Linguistik

In den 1980er Jahren machten feministische Sprachwissenschaftlerinnen die ersten Vorschläge, wie sich die deutsche Sprache ändern müsse, um auch Frauen angemessen zu repräsentieren.

Frauen sitzen um 1900 im Telefon-Vermittlungsamt (Foto: pictura alliance/dpa)

Telefongespräche vermittelte jahrzehntelang „das Fräulein vom Amt“

Einige der Ideen von damals sind heute Standard, andere, wie zum Beispiel die Vermeidung des Wortes „man“, haben sich nicht durchgesetzt. Es gab aber schon Zeiten, in denen zumindest an Universitäten statt „man“ gerne auch „Mann/Frau“ geschrieben wurde oder „man“ durch „Mensch“ ersetzt wurde.

Immerhin: Das Wort „Fräulein“ wird heute nicht mehr benutzt, denn eine Frau ist eine Frau, ob sie nun verheiratet ist oder nicht. Doch wie schreibt man nun geschlechtergerechte Texte? Oder, um das Wort „man“ hier mal zu vermeiden: Wie wird die Forderung nach geschlechtergerechter Sprache umgesetzt?

Die Sichtbarmachung

Angenommen wird, dass durch Wörter Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen, dass man also bei einem Satz wie: „300 Ärzte trafen sich auf einem Kongress“ vor allem Männer vor Augen hat.

Deshalb werden in geschlechtergerechter – oder wie es neudeutsch heißt „gegenderter“ – Sprache beide Formen genannt, also: „300 Ärztinnen und Ärzte trafen sich auf einem Kongress“. Diese Methode heißt Sichtbarmachung.

Binnen-I, Gender Gap, Gender Star

Zwei Männer und eine Frau operieren (Foto: Colourbox/Pressmaster)

Wer operiert hier? Ärzte oder ÄrztInnen?

Immer beide Geschlechter zu nennen, ist allerdings ziemlich lang. Deshalb gibt es verschiedene Varianten der Abkürzung: Das Binnen-I: „300 ÄrztInnen trafen sich auf einem Kongress“; das Gender Gap: „300 Ärzt_innen trafen sich auf einem Kongress“; oder der Gender Star: „300 Ärzt*innen trafen sich auf einem Kongress“.

Im Plural funktioniert das auch alles ziemlich gut. Doch die Einzahl birgt so ihre Tücken. Da heißt es nämlich: Der Arzt und die Ärztin. Hier etwas zu kürzen, geht nicht. In Stellenausschreibungen steht deshalb oft: „Wir suchen einen Arzt m/w“. Und, sehen Sie da jetzt einen Mann vor sich oder eine Frau?

Die Neutralisierung

Eine weitere Möglichkeit, die vorherrschenden männlichen Formen zu vermeiden, ist die Neutralisierung. Statt männlicher und weiblicher Wörter werden Begriffe verwendet, die keinen Rückschluss auf ein Geschlecht zulassen. Studentinnen und Studenten werden so zu Studierenden, Lehrer und Lehrerinnen zu Lehrenden, Alkoholiker zu Alkoholsüchtigen.

Studierende im Hörsaal (Foto: Jan Woitas)

Ob Mann oder Frau: Sie alle sind Studierende

Und der Satz: „Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker!“ wird zu: „Holen Sie sich ärztlichen oder pharmazeutischen Rat!“ Statt „Absender“ heißt es dann: „abgesandt durch“ und die Person des „Geschäftsführers“ wird durch die Funktion der „Geschäftsführung“ ersetzt.

Die Neutralisierungsmethode hat noch einen Vorteil: Menschen, die sich weder als weiblich noch als männlich bezeichnen, werden mit dieser Methode auch berücksichtigt.

Auf dem Weg aber noch nicht am Ziel

An Universitäten, in Behörden und in manchen Unternehmen hat geschlechtergerechte Sprache inzwischen Einzug gehalten. Nicht immer konsequent und manchmal auch gegen verschiedenste Widerstände. Doch es tut sich was.

Kritik gibt es natürlich auch – und das nicht nur bei umständlichen, schwer lesbaren Schreibweisen und zu langen Ausdrücken. Es wird zum Beispiel kritisiert, dass es ja nicht die Sprache sei, die die Gleichstellung von Mann und Frau verhindere, sondern die Politik. Und im Journalismus? Na ja, wir geben uns redlich Mühe, geschlechtergerecht zu formulieren. Nicht immer, aber immer öfter.




Arbeitsauftrag
Wie in diesem Text beschrieben, ist sprachliche Neutralisierung eine beliebte Methode geschlechtergerecht zu formulieren. Schreibt zehn männlich oder weiblich geprägte Wörter auf und sucht ihre neutrale Entsprechung. Hilfe dazu gibt es im Internet.

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