Gerald Asamoah: ″Vom Afrika Cup sprechen alle″ | Sport | DW | 20.06.2019
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Größtes Turnier in Afrika

Gerald Asamoah: "Vom Afrika Cup sprechen alle"

Gerald Asamoah kam einst aus Ghana nach Deutschland und wurde Fußballprofi. Der 40-Jährige spricht im DW-Interview über den anstehenden Afrika Cup, Mentalitätsunterschiede und seine "typische" Kindheit im Sand von Accra.

Deutsche Welle: Was bedeutet für Sie der Afrika Cup - auch wenn Sie sich einst für die deutsche Nationalmannschaft entschieden haben? Sie haben ghanaische Wurzeln und sind regelmäßig in Afrika vor Ort.

Gerald Asamoah: Die Verbindung war immer da. Das erste Turnier, das ich geschaut habe, war der Afrika Cup 1992. Das lief damals noch alles im Fernsehen. Es spielten Stars wie Athony Yeboah, Anthony Baffoe, Abedi Pelé. Ich musste alle Spiele mit VHS-Videokassetten aufnehmen, damit mein Vater sie sich anschauen konnte, wenn er von der Arbeit kam. Das habe ich nie vergessen und ich habe so eine dauerhafte Beziehung zum Afrika Cup entwickelt.

Sind Sie durch den Afrika Cup zum Fußball gekommen?

Anthony Yeboah war mein großes Vorbild. Und als Kind habe ich gehofft, dass ich auch mal dahin komme, wo er spielt. Aber Fußball habe ich schon gespielt, seit ich denken kann. Ich habe immer barfuß auf irgendwelchen Sandplätzen in Accra (Ghanas Hauptstadt, Anmerk. d. Red.) mit meinen Freunden gebolzt. Dass ich mal Fußballprofi werden würde, von diesem Gedanken war ich weit entfernt. Das kam erst viel später, als ich in Deutschland war. Hier habe ich erstmals mit Fußballschuhen gespielt, das kannte ich überhaupt nicht.

Wie groß ist das Interesse in Afrika an diesem Cup, wie reagiert die Bevölkerung darauf?

Ich weiß natürlich, was dort - nicht nur in Ghana - los ist, wenn das Turnier läuft. Fußball ist die erste Sportart, alle sprechen davon. Es gibt dann eigentlich nur ein Thema, egal ob auf der Straße, im Radio oder im Fernsehen. Es gibt dort nicht so etwas wie hierzulande das Public Viewing mit vielen tausend Menschen. Aber wenn die Spiele laufen, dann schauen alle und die Straßen sind fast leer.     

Kenianische Fußballfans vor dem TV (imago/Africa Media Online)

Straßenfeger Afrika-Cup: kenianische Fußballfans vor dem Fernsehen

Worin unterscheidet sich zum Beispiel ein deutsches von afrikanischen Teams?

Das kann man nicht grundsätzlich verallgemeinern, da wir ja von einem ganzen Kontinent mit vielen verschiedenen Ländern sprechen. Ich weiß aber genau, was bei vielen Nationen in den Camps oder auf der Busfahrt abgeht. Die Spieler sind lockerer. Da wird gesungen, getanzt, getrommelt. Da ist richtig was los. Im deutschen Bus herrscht eher Ruhe, jeder hat Kopfhörer im Ohr, liest oder hört Musik. Ich war mal als Besucher in Ghana in einem Nationalmannschafts-Trainingscamp. Und was da los war, das war schon heftig. Das hätte ich auch gerne mal von Anfang bis Ende mitgemacht. Manchmal bin ich schon beeindruckt, wie es die die Spieler schaffen, sich so auf ein Spiel zu konzentrieren. Da bin ich mehr so der Deutsche (lacht).  Aber das mitzuerleben hätte mich auf der anderen Seite auch mal gereizt.   

Der Afrika Cup wird erstmals mit 24 statt mit 16 Teams ausgetragen. Das wirkt wie eine weitere Aufblähung eines Wettbewerbs wie derzeit im internationalen Fußball üblich?

Man kann argumentieren, dass bei der Endrunde nur die besten Mannschaften dabei sein sollten. Ich finde aber, dass der afrikanische Fußball dadurch sehr viel gewinnt, wenn auch kleinere Fußball-Nationen mitspielen können. Die Länder, die ohnehin immer in der Qualifikation ausscheiden, dort ist das Interesse an dem Afrika Cup sicher deutlich kleiner oder gar nicht vorhanden. Das ist doch schade. Wenn sie jetzt dabei sind, dann entfacht das doch eine unglaubliche Euphorie wie etwa in Benin, in Mauretanien, in Madagaskar oder in Burundi. Das gibt den ganzen Ländern zusätzliches Selbstbewusstsein, deshalb finde ich es gut, dass etwas geändert wurde. Und wer weiß, vielleicht wird noch das ein oder andere große Talent entdeckt aus diesen bisher kaum beachteten Nationen. 

Ghanas ehemaliger Topstürmer Anthony Yeboah im Trikot von Eintracht Frankfurt (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Ghanas ehemaliger Topstürmer Anthony Yeboah

Der Afrika Cup findet erstmals im Sommer statt. Durch die Terminänderung sollen Probleme bei der Freistellung von Spielern aus europäischen Klubs verhindert werden. Eine gute Entscheidung?

Das finde ich zum einen sehr gut für die Vereine, wo die Spieler nicht so lange fehlen. Aber auch für die Spieler, die in ihren Vereinen gute Leistungen bringen wollen und müssen. Sie können sich voll auf die Saison konzentrieren und müssen nicht zwischenzeitlich fast zwei Monate weg. Sie haben dann zwar einen kürzeren Urlaub. Aber für sie ist es ja auch eine Ehre für ihr jeweiliges Land beim Afrika Cup zu spielen. Das nehmen sie dann gerne in Kauf. 

Es stehen allein mindestens zwanzig Spieler aus der Bundesliga und der 2. Liga in den Kadern der afrikanischen Teams. Was macht die afrikanischen Spieler aus?

In vielen afrikanischen Ländern sind die Spieler meist sehr athletisch, auf der anderen Seite fehlt ihnen oft die technische und taktische Ausbildung. Wenn sie dann nach Europa kommen, können manche zum Beispiel keine richtig guten Distanzschüsse abgeben. Das liegt daran, dass es den Jungs niemand richtig erklärt hat. Es ändert sich aber. Es gibt mittlerweile Akademien, in denen junge Spieler gut ausgebildet werden. Aber die Ausbildungs-Unterschiede zwischen den beiden Kontinenten sind noch immer enorm.

Gibt es weitere Unterschiede?

Wenn Spieler  beispielsweise nach Deutschland kommen, dann wundern sich einige oft, wie streng es hier zugeht. Das ist ein Kulturschock für sie. Deshalb ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, dass sich die richtigen Personen um sie kümmern und sie auch ein wenig an die Hand nehmen. Sie verstehen die Sprache nicht, kennen das Essen nicht, haben noch nie Schnee gesehen (lacht), lauter solche Dinge. Das machen noch immer viele Klubs nicht richtig. Deshalb scheitern auch einige sehr gute Spieler hier. Das müsste nicht sein.

Senegals Stürmerstar Sadio Mané (vorne) in Aktion (Reuters/C. Garcia Rawlins)

Senegals Stürmerstar Sadio Mané (Mitte)

Wer ist für Sie der Favorit bei diesem Turnier?

Ich wünsche mir, dass es Ghana mal wieder schafft. Aber Senegal hat mit Sadio Mané oder Salif Sané richtige Topspieler. Auch Marokko hat ein gutes Team. Und auch Gastgeber Ägypten ist natürlich stark. Für mich ist Ghana ein Geheimfavorit.

Würden sie sich heute womöglich gegen Deutschland und für Ghana entscheiden?

Nein, ich habe mich immer in Deutschland wohl gefühlt und diese Entscheidung habe ich aus dem Bauch heraus getroffen. Das Risiko war hier natürlich größer, weniger Länderspiele zu machen. In Ghana hätte ich es sicher etwas einfacher gehabt. Aber ich würde das wieder so entscheiden.

Das Interview führte Jörg Strohschein

Gerald Asamoah wurde in der ghanaischen Hauptstadt Accra geboren. In seinem zwölften Lebensjahr zog er nach Deutschland, wo er in Hannover lebte und später bei Hannover 96 Fußballprofi wurde. Seine erfolgreichste Zeit erlebte Asamoah beim FC Schalke 04, mit dem er zweimal in Folge den DFB-Pokal gewann. Als Nationalspieler schaffte er es WM-Finale 2002 in Japan und Südkorea. Im Jahr 2015 beendete Asamoah seine aktive Karriere. Heute arbeitet er bei den Schalkern und ist Hotelbesitzer in Accra, wo er auch regelmäßig vor Ort ist.

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