Georg-Büchner-Preis 2019 geht an Lukas Bärfuss | Kultur | DW | 02.11.2019
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Literatur

Georg-Büchner-Preis 2019 geht an Lukas Bärfuss

Er gilt als der Ritterschlag der deutschen Literaturwelt. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde in Darmstadt dem Schweizer Lukas Bärfuss verliehen - für "hohe Stilsicherheit" und "formalen Variationsreichtum".

Die geistig behinderte Dora nimmt auf Anraten von Ärzten und Eltern Psychopharmaka, die sie in einen Dämmerzustand versetzen. Als sich die Mutter nach dem eigentlichen Wesen ihrer Tochter zurücksehnt, werden die Medikamente abgesetzt - und Dora erwacht. Sie durstet aber nicht nur nach dem Leben, sondern auch nach Sexualität - und überfordert damit ihre Umwelt. In dem Theaterstück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" thematisiert Lukas Bärfuss das Recht auf Selbstbestimmung behinderter Menschen. Uraufgeführt 2003 am Theater Basel wurde es mittlerweile in viele Sprachen übersetzt und hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. 

Bärfuss erkundet "existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens"

Der 47-Jährige gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen, deutschsprachigen Dramatiker. Seine rund 20 Theaterstücke, darunter "Der Bus" (2005), "Öl" (2009) oder "Elefantengeist" (2018) wurden unter anderem in Bern, Berlin, Bochum und Zürich uraufgeführt. "Mit hoher Stilsicherheit und formalem Variationsreichtum erkunden seine Dramen und Romane stets neu und anders existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens", begründete die Jury des Georg-Büchner-Preises ihre Entscheidung, die renommierte Auszeichnung in diesem Jahr an den Schweizer zu vergeben.

100 Tage (Bildergalerie Buchpreis-Kandidaten 2008) (Beatrice Künzi)

Der Roman "Hundert Tage" stand 2009 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises

Auch als Schriftsteller schuf Bärfuss vielbeachtete Werke, die sich empathisch und sprachlich virtuos sperrigen und schmerzhaften Themen widmen. Sein erster Roman "Hundert Tage" (2008) erzählt von der Liebe eines Entwicklungshelfers und der Tochter eines Ministerialbeamten in Ruanda - das Ganze vor der Kulisse des Genozids 1994. Das minutiös recherchierte Buch hinterfragt kritisch die Sinnhaftigkeit von Entwicklungszusammenarbeit sowie die Rolle, die diese beim Völkermord spielte. "Hundert Tage" erhielt mehrere Literaturpreise und stand 2009 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Sein zweiter Roman "Koala" (2014), in dem er den Suizid seines Bruders verarbeitet, fand ebenfalls ein großes Echo in der Öffentlichkeit. Sein jüngster Roman "Hagard" (2017) handelt von einem erfolgreichen Geschäftsmann, der sich durch obsessives Begehren aus allen sozialen Bindungen löst.

Bärfuss: "Engelskuss, der einen da trifft"

"Mit Lukas Bärfuss zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen herausragenden Erzähler und Dramatiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus", meint die Jury des Georg-Büchner-Preises. Der Preisträger zeigte sich überrascht. "Damit kann man doch nicht rechnen. Das ist der Engelskuss, der einen da trifft", sagte der Schweizer der Deutschen Presse-Agentur nach Bekanntgabe der Entscheidung. Er hätte sich bislang über jeden Preis gefreut, den er bekommen habe. "Der Georg-Büchner-Preis steht aber einfach für sich alleine. In dieser Reihe zu stehen, ist absolut bewegend und berührt mich sehr."

Berlinale 2015 Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern EINSCHRÄNKUNG (Felix Hächler)

Verfilmtes Theaterstück: "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern" (2015)

Lukas Bärfuss wurde 1971 in Thun/Schweiz geboren und lebt heute in Zürich. Sein Lebensweg ließ anfangs kaum vermuten, dass er ein gefeierter Schriftsteller und Dramaturg werden würde: Er brach die Schule ab, schlug sich als Gabelstaplerfahrer und Tabakbauer durch und fand schließlich über die Mitarbeit in einer kollektiven Buchhandlung zur Schriftstellerei. 

"Gestaltung des deutschen Kulturlebens"

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt seit 1951 den Georg-Büchner-Preis an Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Die Preisträger müssen "durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten" und "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben".

Erich Kästner, Heinrich Böll oder Elfriede Jelinek - die Namensliste der bisherigen Preisträger beeindruckt, die jährlich vergebene Literaturauszeichnung gilt als die renommierteste im deutschsprachigen Raum. Die Vereinigung von Schriftstellern und Gelehrten mit Sitz in Darmstadt, die 1949 am 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe gegründet wurde, widmet sich der deutschen Sprache und Literatur und besteht derzeit aus 190 Mitgliedern, die auf Lebenszeit gewählt werden.

Renommierteste Literaturauszeichnung im deutschsprachigen Raum

Georg Büchner (picture alliance/dpa)

Georg Büchner, der Namensgeber des Preises

Im vergangenen Jahr wurde die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Bei der diesjährigen Verleihung in Darmstadt sagte Preisträger Bärfuss in seiner Dankesrede, die Preisvergabe bringe ihn etwas in Verlegenheit. Als Vater wolle er seinen Kindern Zuversicht und Vertrauen schenken, "aber mein Werk ist in weiten Teilen ein Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit". Aufgabe des Schriftstellers sei es, "mit wachen Sinnen und empfindsamen Herzen" die Gewalt zu erkennen und zur Sprache zu bringen. "Und wenn wir den Mut haben und nicht um unser Leben fürchten, dann können wir uns gegen sie stellen und sie überwinden", so der Preisträger.

Der Namensgeber des Preises, Georg Büchner, war ein deutscher Revolutionär und Dramatiker - einer der wegweisenden Autoren des 19. Jahrhunderts, der bereits 1837 mit nur 23 Jahren an Typhus starb. Finanziert wird der Georg-Büchner-Preis - neben dem Joseph-Breitbach-Preis der höchstdotierte jährliche Literaturpreis für deutschsprachige Autoren - von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Stadt Darmstadt.

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