Genialer Trick: Hilfsbedürfte Ratten verströmen Hunger-Duft | Wissen & Umwelt | DW | 27.09.2018
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Sozialverhalten

Genialer Trick: Hilfsbedürfte Ratten verströmen Hunger-Duft

Eine Hand wäscht die andere, sagt man. Das wissen selbst Ratten. Denn die Nager unterstützen sich gegenseitig, um an Futter zu kommen. Warum sie dabei manchmal allerdings besonders großzügig sind, hat andere Gründe.

Dackelblick, Pfötchen auf den Tisch, herzzerreißendes Fiepen: Wenn ein Hund am Tisch bettelt, zieht er alle Register. Und allzu oft fällt der Mensch auf die Masche herein. Er teilt mit dem Vierbeiner sein Mahl, obwohl dieser meistens gut genährt ist und den Extraschmaus überhaupt nicht nötig hätte.

Auch Ratten legen ein solches Verhalten an den Tag, besonders wenn auf der anderen Seite des Käfigs Hochgenüsse wie Bananen locken. Sie laufen dann aufgeregt auf und ab und greifen durchs Gitter, um zu zeigen: "Ich möchte dieses Futter!" Aber im Gegensatz zum Menschen lassen sich andere Ratten durch diese Bettelstrategie nicht so einfach hinters Licht führen.

Winziges Signal, große Wirkung

Karin Schneeberger ist Biologin und hat an der Universität Bern zum Sozialverhalten von Ratten geforscht. Dabei hat sie eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Die Nagetiere können riechen, ob ein Artgenosse wirklich hungrig ist. "Wir sind als Menschen sehr optisch orientiert, aber Hilfsbedürftigkeit wird auf verschiedenen Ebenen signalisiert", sagt Schneeberger. "Und den Geruch unterschätzen wir sehr oft."

Und hierbei geht es nicht um den appetitlichen Duft des Futters, sondern um den der Ratte. Das Forscherteam konnte im Geruch der Nager sieben chemische Stoffe identifizieren, die sich unterscheiden - je nachdem, ob eine Ratte hungrig oder satt ist. Dabei handelt es sich um Stoffe, die während des Verdauungsprozesses im (leeren) Magen und Darm produziert und durch die Atmung wieder "ausgeschieden" werden. Daran kann eine Ratte erkennen, ob der Partner vor kurzem etwas gefressen hat.

Mehr Anstrengung als für eine satte Ratte

Wenn eine Ratte nicht bloß Futtergelüste hat, sondern wirklich bedürftig ist, hat sie gute Chancen auf Hilfe: "Wenn sie hungrig ist, geben die anderen Ratten ihr mehr Futter, als wenn sie satt ist", erklärt die Biologin. Und das karitative Werk geht sogar noch einen Schritt weiter: Der helfende Artgenosse nimmt auch mehr Anstrengungen in Kauf, um für den anderen an Futter zu gelangen, als bei einer satten Ratte.

Aber warum ist das so? "Wir gehen davon aus, dass die Dankbarkeit - im weitesten Sinne - bei einer hungrigen Ratte größer ist", sagt Schneeberger. Entsprechend sei auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sich später bei ihrer Retterin revanchiert.

Ratten erziehen sich gegenseitig

Biologin Karin Schneeberger

Karin Schneeberger ist Biologin und forscht zum Sozialverhalten von Ratten

Denn es gibt zwar eine Art grundlegende Hilfsbereitschaft, die bewirkt, dass Ratten einander helfen. (Das tun sie übrigens auch, wenn sie den Partner nicht kennen.) Aber die größte Motivation für solch eine edle Tat ist der Glaube, dass der Partner vorher selbst schon einmal geholfen hat. Auch das können Ratten erstaunlicherweise riechen: Sie erkennen bei einem unbekannten Partner nur über den Duft, ob er vorher schon einmal kooperativ war oder nicht.

Forscher aus dem Berner Team um den Biologen Michael Taborsky konnten bei Wanderratten drei verschiedene Kooperationsmechanismen nachweisen:

  • Einmal gibt es das sogenannte Prinzip der direkten Reziprozität: Ich helfe dir, du hilfst mir - zwei Tiere agieren miteinander.
  • Dann die generelle Reziprozität: Ich helfe jemand anderem grundsätzlich, weil ich selbst schon einmal Hilfe erhalten habe.
  • Und als drittes die indirekte Reziprozität: Ich beobachte jemanden, der jemand anderem hilft, deshalb helfe ich ihm.

"Man unterstützt damit soziales Verhalten, indem man sozialen Tieren auch hilft", erklärt Schneeberger den letzten Mechanismus. Ratten erziehen sich quasi gegenseitig zu guten Ratten.

"Du Ratte" stimmt so nicht

"Diese soziale Ader ist etwas, das man von Ratten vielleicht nicht erwartet", sagt die Biologin. Wenn wir "du Ratte" als Schimpfwort für eine Person verwenden, die sich fies verhält, täten wir den Nagetieren eigentlich großes Unrecht. Gerade die Weibchen unterstützen sich auf unterschiedlichen Ebenen und können zum Beispiel auch differenzieren: Ich habe Futter von einem Partner bekommen, also putze ich ihn eher. Schneeberger erklärt: "Man mag es Empathie nennen oder Freundschaft. Im Prinzip sind das grundlegende, evolutive Mechanismen, die eine Art sehr erfolgreich machen."

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