Genetik: Fledermäuse altern nicht und leben länger | Wissen & Umwelt | DW | 23.01.2020
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Wissen & Umwelt

Genetik: Fledermäuse altern nicht und leben länger

Fledermäuse werden sehr alt. Anders als etwa bei Mäusen, altern ihre Zellen nicht. Auch erkranken sie kaum an Krebs. Was das für die Humanmedizin bedeutet, erklärt die Dubliner Biologin Emma Teeling.

Flughund-Babys (cc-by:Wcawikinfo-sa)

Baby-Fledertiere, wie diese Flughunde, großziehen ist eine Lebensaufgabe. Sie können 40 Jahre und älter werden.

Deutsche Welle: Sie erforschen die DNA von Fledermäusen. Warum machen Sie das?

Prof. Emma Teeling: Fledermäuse [im Englischen umfasst der Begriff "bats" auch Flughunde] sind ungewöhnliche Säugetiere. Sie sind die einzigen, die fliegen, übrigens gehört eine von fünf Säugetierarten zu den Fledermäusen. Fledermäuse nutzen Ultraschall. Sie können sich nur durch Schall in kompletter Dunkelheit orientieren.

Aber einer der Gründe, warum ich über sie spreche ist, dass Fledermäuse die Fähigkeit entwickelt haben, nicht zu altern. Wenn wir uns jetzt anschauen, wie sich die Fledermaus-DNA in der Evolution entwickelt hat, fragen wir uns: 'Was tun Fledermäuse, um den Alterungsprozess zu verlangsamen'.

Mehr dazu: Alternsforschung: "Wir möchten wissen, was mit der Haut während des Alterungsprozesses passiert."

Video ansehen 03:56

Wundertier Nacktmull

Und wenn Sie das herausfinden, könnten diese Forschungen auch uns Menschen nützen?

Ja, das glaube ich schon. Genau wie Fledermäuse sind wir Säugetiere. Wir sind eine langlebige, diversifizierte Spezies wie die Fledermäuse auch.

Im Vergleich zu ihrer Körpergröße sind Fledermäuse sogar die langlebigste Art überhaupt. Wenn wir erst einmal herausgefunden haben, was bei Fledermäusen auf der Zellebene passiert, um den Alterungsprozess zu verlangsamen, können wir vielleicht dieselben Gene beim Menschen so beeinflussen, dass sie zum richtigen Zeitpunkt aktiv werden, wie bei den Fledermäusen.

Wie lange wird es dauern, bis wir so weit sind?

Ich war sehr froh, dass der Europäische Forschungsrat mich unterstützt hat. Zusammen mit einer französischen Naturschutzorganisation, die sich schon seit 20 Jahren mit Fledermäusen beschäftigt, haben wir ein Projekt gestartet.

Wir haben Fledermäuse schon als Babys gefangen. So kannten wir ihr Alter. Wir haben ihnen Chips eingesetzt und konnten so später feststellen, wie alt sie geworden sind.

Bei dieser französischen Fledermauspopulation haben wir dann Proben von Blut und Flügeln genommen und immer wieder die für das Altern verantwortlichen Biomarker gemessen. Wir haben erstaunliche genetische Besonderheiten gefunden. Wir hoffen nun, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre Ergebnisse haben, die wir auf den Menschen übertragen können. 

Mehr dazu: Alte Wale - gute Gene

Schweiz Weltwirtschaftsforum in Davos Manuela Kasper-Claridge und Emma Teeling (DW/M. Kasper-Claridge)

Prof. Emma Teeling (links) mit DW-Reporterin Manuela Kasper-Claridge beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Wie alt können Fledermäuse denn im Durchschnitt werden?

Das hängt von der Art ab. Jede Spezies hat eine andere Lebenserwartung. In Frankreich untersuchen wir die Art Myotis Myotis. Die lebt bis zu 37 Jahren. Die älteste Fledermaus, die bekannt ist, hat 43 Jahre gelebt.

Es gibt aber auch eine Art, die nur vier Jahre alt wird. Das würde dem entsprechen, was man bei der Körpergröße einer Fledermaus erwartet.

Wenn man das auf den Menschen hochrechnet, wie alt müsste ein Mensch werden?

Ins Verhältnis gesetzt würde eine Fledermaus 248 Menschenjahre alt werden. Wir reden hier von einer Fledermaus in der Wildnis ohne ärztliche Hilfe. Sie bekommt keine Medizin, keine Antibiotika. Sie hat einen hohen Stoffwechsel und lebt in teilweise feindlicher Umgebung.

Es gibt 1300 Fledermausarten, von denen nur eine so kurz lebt, wie man das erwarten würde. Die meisten leben viel länger. Die Frage ist also, was haben Fledermäuse Besonderes, um der Alterung zu widerstehen. 

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Warum schlafen Fledermäuse mit dem Kopf nach unten?

Was passiert denn beim Altern?

Wir haben Stoffwechsel, unsere Zellen stellen Energie her wie eine Maschine, und irgendwann gehen die Zellen und die DNA kaputt. Wenn diese Zerstörung der Zellen pathologisch wird, das nennt man Altern. Irgendwie können also Fledermäuse diese Zerstörung begrenzen und reparieren und den Prozess verlangsamen.

Dann müssen wir also unsere Vorstellung von Fledermäusen grundlegend ändern?

Auf jeden Fall. Sie sind auch sehr wichtig für die Umwelt. Fledermäuse sind eine sogenannte Schlüsselart. Sie ernähren sich von Insekten. Stellen sie sich nur vor, wie viele Pestizide man bräuchte, wenn es Fledermäuse nicht gäbe. Sie sind natürliche Insektenvernichter. Fledermäuse sind auf vielfältige Art und Weise wichtig für unser Ökosystem.

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Prof. Christoph Englert erklärt, wie wir das Altern aufhalten können

Haben Sie Fledermäuse zuhause?

Nein, zumindest keine lebenden. Manchmal pflegen aber Menschen verletzte Fledermäuse. So findet vielleicht jemand eine Fledermaus, die sich zum Beispiel den Flügel verletzt hat. Die kommt dann in ein Fledermaushospital und würde von einer menschlichen Fledermausmutter gepflegt. Die Tiere sind später sogar in der Lage, ihre Pfleger wiederzuerkennen. Nur bedenken Sie, Fledermäuse werden wirklich sehr alt, so eine Fledermauspflege ist also eine Art Lebensaufgabe.

Das Interview führte Manuela Kasper-Claridge

Die Biologin Prof. Emma Teeling forscht an der School of Biology and Environmental Science, an der Universität Dublin zur Alterung von Fledermäusen. Sie ist die Begründerin des dortigen Labors für Molekulare Evolution und Säugetier-Phylogenetik. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte sie, was wir Menschen genetisch von den Fledermäusen lernen können. 

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