Gefahren beim Sex - Geschlechtskrankheit Syphilis ist zurück | Wissen & Umwelt | DW | 01.09.2018
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Sexuell übertragbare Krankheiten

Gefahren beim Sex - Geschlechtskrankheit Syphilis ist zurück

Syphilis gehört der Vergangenheit an? Falsch. Die Zahl der Infektionen mit der Geschechtskrankheit ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. 2007 gab es in Deutschland noch 4309 gemeldete Fälle - 2017 schon 7476.

FSU Jena Moulagen-Sammlung Wachsmodell zu Syphilis (picture-alliance/ZB/Universität Jena)

Wachsmodell zu Syphilis

Heute Berlin, morgen New York oder Bangkok und dabei wechselnde Partner - da steigt die Gefahr, sich zu infizieren - auch mit Syphilis. "Safer Sex" - eine Selbstverständlichkeit in den 1980er-Jahren nach dem Auftreten der HIV-Pandemie - wird mittlerweile nicht mehr so konsequent praktiziert wie damals. Gerade junge Menschen haben die Panik, die durch die ersten HIV-Fälle ausgelöst wurde, nicht erlebt. Bei vielen herrscht ein großes Informationsdefizit. 

Wie merkt man/frau eine Syphilis-Infektion?

Nicht alle Infizierten haben die gleichen Symptome. Meist entsteht an der Eintrittsstelle des Bakteriums, dem sogenannten Treponema pallidum, ein Ulkus, ein Geschwür. Manchmal hat es die Größe eines Pickels, aber es kann sich auch bis auf etwa einen Zentimeter ausdehnen.

Bei Männern tritt es am Glied auf, bei Frauen vaginal oder an den Schamlippen. Es kann sich auch im Analbereich bilden. "Bei einigen taucht ein Geschwür an den Gesichtslippen oder an der Zunge auf. Aber dieses Bakterium kann man auch am Finger haben. Das ist das erste Stadium der Syphilis, der Primäraffekt", erklärt Norbert Brockmeyer vom Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin  in Bochum. 

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Was von alleine kommt, geht von alleine

Betroffene schätzen die ersten Symptome oft falsch ein und glauben, dass sich das Problem von selbst löst. Das ist zunächst auch der Fall, denn nach etwa drei Wochen ist das Geschwür meist von selbst abgeheilt.

"Nach einem nicht klar definierten Zeitraum kommt es zu einem Hautausschlag, weil die Erreger sich über das Blut im ganzen Körper ausgebreitet haben", erläutert Brockmeyer. "Das heißt: Sie kriegen am ganzen Körper Hautveränderungen. Manche sind erhaben, manche schuppen ein bisschen, andere wiederum sind rötlich", sagt Brockmeyer. 

Syphilis Bläschen auf der Haut (Universitätsklinikum Bochum)

Im zweiten Stadium der Syphilis kommt es zu Hautausschlägen

Diese Hautausschläge befinden sich meistens an den Fußsohlen oder in den Handinnenflächen. "Sie jucken nicht und lassen sich so recht gut von einem allergischen Hautausschlag unterscheiden", ergänzt der Mediziner. Diese Phase ist das zweite Stadium der Erkrankung. 

Im sogenannten Tertiärstadium sind nicht nur innere Organe, Luftwege, Magen und Leber beeinträchtigt, sondern auch Muskeln und Knochen. Ganz schlimm wird es, wenn sich ein sogenannter syphilitischer Knoten an der Aorta, der Hauptschlagader, bildet. Kommt es dadurch im späteren Verlauf zu einem Aortenaneurysma, also einer Aussackung, ist das lebensgefährlich. 

Mehr zu bakteriellen Infektionen: 90 Jahre nach Penicillin: Artilysine könnten Antibiotika ablösen

Eine Horrorvorstellung

Die Syphilis ist eine Systemerkrankung und kann in der vierten Phase weitere irreversible Folgen haben. Oft sind diese gekennzeichnet durch Herzentzündungen und Lähmungserscheinungen, die Leberwerte können sich verändern, die Augen erkranken und das Gehirn.

Bei etwa 25 Prozent der Patienten kommt es zu einer chronischen Hirnentzündung. Die Erkrankung kann auch die Augen befallen. "Es kommt sowohl zu einer Störung der Nervenbahnen als auch der Zellen selbst. Bei vielen berühmten Persönlichkeiten hat die Syphilis die geistigen Fähigkeiten angegriffen", sagt Brockmeyer. Zu diesen Personen gehören zum Beispiel Ludwig van Beethoven, Friedrich Nietzsche, und auch Katharina die Große hatte offenbar Syphilis.

Porträt Ludwig van Beethoven bei der Komposition der Missa Solemnis, 1820. (picture-alliance)

Ludwig van Beethoven (1770-1827) soll durch die Syphilis sein Gehör verloren haben

Früher trug die Syphilis auch die Bezeichnung "Affe unter den Erkrankungen", denn ein Affe kann eben vieles nachäffen. Sie galt auch als "Chamäleon der Medizin", und der berühmte kanadische Arzt und Pionier, Sir William Osler, formulierte Ende des 19. Jahrhunderts den Satz: "Wer sich mit der Syphilis auskennt, kennt die Medizin." 

Wie wird man sie wieder los?

So gut wie alle Geschlechtskrankheiten unterliegen einem hohen Tabu. Seit bekannt war, dass die Syphilis durch sexuellen Kontakt übertragen wird, hatte sie einen moralischen und anstößigen Beigeschmack. Das hat sich bis heute nicht geändert.

HIV hingegen wird in der Gesellschaft mittlerweile eher akzeptiert als Syphilis. "Wenn ich Menschen mit einer HIV-Infektion frage, ob sie zu einer Diskussionsrunde im Fernsehen mitkommen, sagen viele 'Ja'. Wenn ich Leute frage, die mit Syphilis infiziert ist, sagen fast 100 Prozent 'Nein'", beschreibt Brockmeyer die Situation. 

Behandelt wurde zunächst meist mit Salvarsan, einer Arsenverbindung, die 1910 in den Handel kam. 1943 wurde dann Penicillin das Mittel der Wahl, und das ist es bis heute. "Andere Antibiotika zeigen schon Resistenzen", gibt Brockmeyer zu Bedenken.

"Sollte der Erreger Resistenzen gegen Penicillin aufbauen, werden wir ein Problem haben, das nur mit größten Anstrengungen zu lösen ist. Deshalb ist jetzt Zeit, Reserveantibiotika zu entwickeln und zu testen."

Biologische Kriegsführung

Darüber, wie die Syphilis nach Europa gelangt ist, gibt es zahlreiche Theorien. Eine davon ist, dass Columbus und seine Mannen sie im Gepäck hatten als sie 1492 von der Entdeckung Amerikas nach Spanien zurückkehrten. Die Infektion wanderte durch Italien und Frankreich, Syphilis weitete sich zu einer Epidemie aus. Von Europa breitete sich die "Franzosenkrankheit" - wie sie auch genannt wurde - dann weiter bis nach Asien aus.

Alexander Fleming in seinem Labor in London mit Petrischalen. (Getty Images)

1928 entdeckte Alexander Fleming Penicillin - bis heute das Mittel der Wahl bei Syphilis

Schnell wurde klar, dass es sich bei der Krankheit um eine Infektion handelte, dass sie also übertragbar war. Die sogenannten Marketenderinnen - Frauen, die das Heer in Kriegen begleiteten - dienten auch als Prostituierte. "Wenn man wusste, dass einige der Marketenderinnen mit Syphilis infiziert waren, hat man sie gerne auch mal als Liebesbotschaft zu den feindlichen Heeren geschickt.

Kriege sind so auch durch die Syphilis entschieden worden, denn viele Soldaten infizierten sich und wurden von der Geschlechtskrankheit früher oder später dezimiert. Auch vor vielen Jahrhunderten gab es also schon "biologische Kriegsführung", sagt Brockmeyer.

Ohne Geld läuft gar nichts

Syphilis ist in unseren Breitengraden heute etwas in Vergessenheit geraten. Gerade das macht sie gefährlich, denn verschwunden ist sie nicht. Aufklärung, Beratung, Diagnostik und Therapie sind die wichtigsten Maßnahmen, um die gefährliche Infektionserkrankung besser in den Griff zu bekommen.

Die beste Prophylaxe ist auch hier das Kondom. Das gilt für alle Geschlechtskrankheiten. Und es schützt auch vor einer HIV-Infektion. Aufklärungsarbeit tut weiterhin Not. Information steht deshalb beim Zentrum für sexuelle Medizin und Gesundheit ganz oben, aber die Anstrengungen müssten weitergeführt werden, appelliert Norbert Brockmeyer.

Dafür werde Geld benötigt. "Hier fehlt einfach die Langzeitperspektive. Wir brauchen das Geld jetzt, damit wir in fünf Jahren Erfolge sehen. Die Schutzmöglichkeiten gegen verschiedenste sexuell übertragbare Infektionen müssen wir nutzen: Impfung gegen Humane Papilloma-Viren, Tabletten gegen die HIV-Infektion, Vorsorgeuntersuchungen." Damit die Infektionen nicht nur bei Syphilis, sondern bei allen Geschlechtskrankheiten zurückgehen.

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