Gazastreifen: Tausende warten auf die Ausreise | Nahost | DW | 18.11.2017
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Nahost

Gazastreifen: Tausende warten auf die Ausreise

Der Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ist für drei Tage geöffnet. Ein schwacher Trost für viele, die auf eine permanente Öffnung warten, berichtet Tania Krämer aus Gaza.

Wasim al Hussein sitzt seit sechs Monaten auf gepackten Koffern. Der 20-Jährige aus Gaza will in die USA, er hat schon die Zusage für ein Studienstipendium bekommen. "Ich habe gerade die Sommerkleider aus dem Koffer genommen und Winterklamotten eingepackt. Aber hier gibt es für nichts eine Garantie", sagt er im DW-Gespräch. Zwar gibt es inzwischen ein Versöhnungsabkommen zwischen den beiden rivalisierenden Palästinensergruppen, der radikalislamischen Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, und der Fatah, die die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland dominiert. Doch dadurch habe sich in seinem Alltag nichts verändert, beklagt Wasim al Hussein.  

Ursprünglich sollte der Grenzübergang Rafah zwischen Gaza und Ägypten schon vergangene Woche offiziell wieder eröffnet werden - mit Beamten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Das Datum verstrich, die Grenze blieb geschlossen. Nun ist sie immerhin für drei Tage geöffnet - zum ersten Mal seit 2007 unter der Federführung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Für viele Menschen im Gazastreifen, die auf eine permanente Grenzöffnung warten, ist das allerdings ein schwacher Trost. Außerdem brauche man auch bei einer Grenzöffnung "Beziehungen, um ganz oben auf der Liste zu stehen", gibt Wasim al Hussein zu bedenken. 

Ägypten öffnet Grenze zum Gazastreifen für drei Tage - Wasim (DW/T. Krämer)

Wasim träumt von einem Studium in den USA - die Zusage für ein Stipendium hat er schon

Auch Afaf Naser al Saafin will reisen. "Ich habe alles versucht, um aus Gaza herauszukommen, aber nichts hat funktioniert", sagt die Ärztin, die gerade eine 24-Stunden-Schicht in der Notaufnahme des Shifa-Krankenhauses hinter sich hat. Ihre Enttäuschung ist groß - und auch die Sorge, dass sich an dieser Situation nie etwas ändern wird. Sie ist 29 Jahre alt und war noch nie außerhalb von Gaza. Schon vor sechs Monaten hat sie sich für eine Ausreise über den Grenzübergang Rafah registriert. "Das letzte Mal - das ist einen Monat her - hatte ich Glück. Mein Name stand auf der Liste", erzählt die junge Frau. Doch ein Attentat von Dschihadisten im ägyptischen Sinai durchkreuzte ihre Pläne. Die ägyptischen Behörden öffneten den Grenzübergang nicht wie geplant für drei Tage. Wieder eine Enttäuschung. "Mein Traum ist es, mich in Neurologie zu spezialisieren. Aber dafür benötige ich zusätzliches Training, das es hier in Gaza nicht gibt." Und überhaupt: Sie würde einfach gerne die Welt sehen.   

Erster Test für den Versöhnungsprozess

Seit mehr als zehn Jahren ist der Gazastreifen von Israel und Ägypten abgeriegelt. Seitdem die Hamas dort herrscht, ist der kleine Landstrich immer mehr in die Isolation versunken - und mit ihm eine ganze Generation. Seit dem neuen Versöhnungsversuch zwischen Hamas und Fatah herrschte zumindest etwas Hoffnung, dass dies auch eine langfristige Öffnung des Grenzübergangs in Rafah bedeuten könnte. Unter ägyptischer Vermittlung soll die jahrzehntelange politische Fehde zwischen der Hamas und der Fatah beendet werden. Nächste Woche sind erneut Gespräche zwischen den Parteien in Kairo angesetzt.

Die Hamas hatte am 1. November die Verantwortung für die Grenzübergänge an die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben. Am Checkpoint vor dem Grenzübergang Erez mit Israel hatte die Hamas innerhalb von wenigen Stunden Tische, Computer und Gepäckscanner abtransportiert. Ein paar hundert Meter weiter, an einem weiteren Checkpoint, koordinieren Mitarbeiter der Palästinensischen Autonomiebehörde wie bisher die wenigen Reisenden, die den Übergang passieren dürfen. Doch Israel lässt hier nur internationale Helfer, UN-Personal und Journalisten ein- und ausreisen. Dazu kommt noch eine beschränkte Anzahl palästinensischer Patienten und Geschäftsleute.

Für die Mehrheit der rund zwei Millionen Einwohner von Gaza ist Rafah das einzige Tor zur Außenwelt. Doch auch hier beschränken die ägyptischen Behörden die Ausreise auf bestimmte Personengruppen wie Patienten, Reisende mit ausländischem Pass oder Studenten. Vor allem aber ist der Grenzübergang seit Jahren nur unregelmäßig geöffnet. Dieses Jahr waren es nach Angaben der UN rund 28 Tage - und an einigen davon erlaubten die Ägypter nur die Rückreise in den Gazastreifen, aber keine Ausreise. Im Oktober blieb der Übergang geschlossen. Schätzungen zufolge stehen etwa 25.000 Menschen seit Monaten auf einer Warteliste. 

"Die Leute werden immer wieder enttäuscht"

Auch hier hatte die Hamas am 1. November die Verantwortung übergeben. Doch es scheint noch nicht geklärt, wie der Grenzübergang in Zukunft arbeiten wird. "Wir haben unsere Mitarbeiter alle abgezogen", sagt Hazem Kassem, Sprecher der Hamas. "Aber alle Parteien lehnen es ab, zu der Vereinbarung von 2005 zurückzukehren." Nach dem Abzug der Israelis aus Gaza vor zwölf Jahren sah diese Grenzvereinbarung vor, dass die Palästinensische Autonomiebehörde den Übergang verwaltet, Israel ihn mit der Hilfe von Kameras aus der Ferne kontrolliert und die EU-Mission EU-BAM den Grenzverkehr beobachtet. Doch diese Vereinbarung gilt schon lange nicht mehr.  

Ägypten öffnet Grenze zum Gazastreifen für drei Tage - Nabil Shurafa (DW/T. Krämer)

Reiseunternehmer Nabil Shurafa (l.) hofft darauf, dass der Grenzübergang wieder regulär geöffnet wird

Die Ungewissheit des Grenzverkehrs kennt der Reiseunternehmer Nabil Shurafa nur allzu gut: "Die Leute werden immer wieder enttäuscht, zu oft wurde ihnen versprochen, dass der Übergang öffnet, und dann bleibt er zu, oder macht nur kurz auf." Aus Prinzip nehme er keine Buchungen mehr an, solange nicht klar ist, wann der Übergang tatsächlich öffnet. "Jedes annullierte Ticket kostet Geld. Unsere Kunden haben schon genug Verluste, wenn die Grenze zu bleibt." Seit den 50er Jahren hält die Familie das Reisegeschäft aufrecht - trotz der extrem eingeschränkten Reisemöglichkeiten. Fotos auf seinem Schreibtisch von ausländischen Airlines, die den Flughafen Gaza anfliegen, sind Relikte einer längst vergangenen Zeit. "Es wäre wichtig für die Menschen", sagt Shurafa, "dass sie zum Grenzübergang gehen können, ohne das Gefühl zu haben, dass sie dort allem ausgeliefert sind. Und dass man weiß, wann er offen ist und wann man reisen kann." 

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