Gaza: Leben am Limit | Welt | DW | 18.05.2018
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Nahost

Gaza: Leben am Limit

Gaza ist Ort einer humanitären Katastrophe und der Hoffnungslosigkeit. Zwei Millionen Menschen sind gefangen zwischen israelischer Blockade und Misswirtschaft der Hamas.

Wie verzweifelt muss man sein, um vor einen Grenzzaun zu ziehen, von dem man weiß: Auf der anderen Seite liegen Scharfschützen mit Schießbefehl? Wohl so verzweifelt und hoffnungslos wie die Menschen in Gaza. Seit dem 30. März marschieren immer wieder Zehntausende Palästinenser aus Gaza an den schwer bewachten Grenzzaun zu Israel – trotz der mittlerweile über 100 Toten und 10.000 Verletzten. Ein wesentlicher Grund: Die Lebensbedingungen in Gaza grenzen ans Unerträgliche. 

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen könnte diese Grenze bald überschritten sein. Bis 2020, so warnte ein UN-Bericht im Juli 2017 – werde Gaza "unbewohnbar". Aus Sicht von Marc Frings ist dieser Punkt bereits heute erreicht. Der Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung, KAS, in Ramallah im Westjordanland reist regelmäßig nach Gaza und kennt die Lage vor Ort. Im DW-Interview warnt Frings unter anderem vor den Folgen der Energie- und Wasserkrise: "Die hat mittlerweile ein Niveau erreicht, dass wir jederzeit mit einer Cholera-Epidemie oder einer anderen gesundheitlichen Notlage rechnen müssen."

Wasser und Strom: Mangelware

Im Jahr 2000 hatten 98 Prozent der Einwohner von Gaza Zugang zu sauberem Trinkwasser. Schon 2014 war dieser Anteil auf 14% gesunken. Die einzige Wasserquelle Gazas, warnen die Vereinten Nationen, werde bis 2020 unwiderruflich beschädigt sein, sollte die Übernutzung anhalten. Schon jetzt, erläutert KAS-Repräsentant Frings, könne man mit 98% des Grundwassers nicht einmal mehr Wäsche waschen.

Strom wiederum gibt es in Gaza nur vier bis sechs Stunden täglich. Die Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem, öffentliche Dienstleistungen liegen am Boden.

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Junge Leute in Gaza: Hoffnung auf ein ganz normales Leben

All das hat viel mit der Misswirtschaft und Korruption der radikalislamischen Hamas zu tun, die seit 2007 den Gaza-Streifen kontrolliert. Das hat viel mit dem innerpalästinensischen Streit zwischen Hamas und der Fatah, die das Westjordanland regierenden, zu tun. Die Fatah ist der zentrale Ansprechpartner des Westens: Anders als die Hamas hat sie das Existenzrecht Israels anerkannt, sie unterstützt die Zwei-Staaten-Lösung, sie hat sich zu friedlicher Konfliktregelung verpflichtet – und sie kontrolliert die internationalen Geldflüsse an die Palästinensische Autonomiebehörde. Um Druck auf die verfeindete Hamas in Gaza auszuüben hat die Fatah beispielsweise im vergangenen Jahr die Zahlungen an Israel für Stromlieferungen nach Gaza drastisch heruntergefahren. Mit dem Ergebnis, dass die Menschen dort nur noch zwei Stunden täglich Strom hatten. Die Spaltung zwischen Hamas und Fatah, analysiert Marc Frings, sei so tief, "dass in Ramallah immer wieder Entscheidungen getroffen werden, die zu Lasten der Zivilbevölkerung in Gaza gehen."

Palästina Gazastreifen ohne Strom - Einziges Kraftwerk abgeschaltet (Gettty Images/AFP/M. Hams)

Im April 2017 wurde wegen Treibstoffmangels das einzige Kraftwerk von Gaza abgeschaltet

Freiluftgefängnis Gaza

Zur katastrophalen Lage in Gaza sorgt aber vor allem die seit über zehn Jahren anhaltende, umfassende Blockade des Gaza-Streifens durch Israel – die von Ägypten weitgehend mitgetragen wird. Die Ein- und Ausfuhr von Gütern ist massiv eingeschränkt. Die Ein- und Ausreise aus dem Gazastreifen ist für Palästinenser nur unter strengen Ausnahmeregelungen möglich. Das hat unter anderem die Wirtschaft in Gaza massiv getroffen, führt Omar Shakir von Human Rights Watch im DW-Interview aus. Die Arbeitslosenrate liegt bei knapp 50 Prozent, bei den unter 30-jährigen haben über 60 Prozent keine Arbeit. Israels Abriegelung mache Gaza zu einem "Freiluft-Gefängnis", urteilt Shakir. Eine Einschätzung, die selbst Der britische Economist in seiner jüngsten Ausgabe teilt. "Musiker können nicht zu Konzerten fahren, Studenten nicht zum Studium ausreisen, Ärzte können sich nicht international oder auch nur mit ihren Kollegen aus dem Westjordanland austauschen", so der Human Rights Watch Direktor für Israel und Palästina. 

Kollektivstrafe

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren berichtete die New York Times, das amerikanische Außenministerium habe Fulbright Stipendien für palästinensische Studenten zurückgezogen: Israel hatte ihnen die Genehmigung zum Verlassen von Gaza verweigert. Human Rights Watch Experte Omar Shakir spricht angesichts der Ausmaße der israelischen Blockade von "kollektiver Bestrafung" der Bevölkerung von Gaza. Shakir fährt fort: "Hier geht es nicht um Israels Sicherheit. Es ist eine  politische Strategie, mit der Druck ausgeübt werden soll, um Hamas zu stürzen. Aber diese Strategie wirkt nicht, sie ist illegal und sie ist zutiefst unmoralisch."

Marc Frings von der KAS schließt sich an: "Hier werden zwei Millionen Menschen in Haft dafür genommen, dass politisch Verantwortliche sich ihrer Aufgabe entziehen. Das gilt sowohl für die israelische Seite, als auch für die palästinensische Führung."

Gegenüber der DW weist Frings auf einen weiteren Aspekt hin. Die Blockade trifft eine Bevölkerung, die im nichts dafür kann, dass die Hamas an der Macht ist: 70 Prozent der  zwei Millionen Einwohner von Gaza seien jünger als  29 Jahre. "Sie waren 2006, als die Hamas die Parlamentswahlen gewann, entweder noch gar nicht geboren oder hatten kein Wahlrecht", folgert Frings im Umkehrschluss. 

Schulanfang für palästinensische Schülerinnen in zerstörter Schule (picture-alliance/dpa/Mohammed Saber)

70 % der Menschen von Gaza sind unter 29 - und haben schon deshalb die Hamas nicht gewählt

Der Raum wird enger

Weil Hamas immer wieder Raketen auf Israel abgefeuert hat oder auch Tunnel unter der Grenze gebaut, beansprucht Israel einen Sicherheitsstreifen – auf dem Territorium von Gaza. Wer sich dem Zaun mehr als 300 Meter nähert, riskiert erschossen zu werden. Das gilt auch für Bauern. Ein bedeutender Teil der ohnehin knappen landwirtschaftlichen Fläche ist damit nicht mehr verfügbar.

Im Friedensabkommen von Oslo wurde den Fischern von Gaza zugestanden, innerhalb der 20 Meilen Zone zu fischen. Seit 2006 hat Israel unter Verweis auf seine Sicherheit diesen Bereich auf drei bis sechs Seemeilen eingeschränkt. Das, so der UN-Bericht vom letzten Juli, habe den Sardinenfang massiv behindert. Dieser für Gazas Fischerei wichtigste Fisch wird an der sechs Meilen Grenze gefangen.

Flash-Galerie Palästina Wirtschaft und Aufschwung (AP)

Auch die Fischerei in Gaza ist eingeschränkt

Jamie McGoldrick, UN Koordinator für Humanitäre Hilfe in den besetzten Palästinensischen Gebieten, zeichnet ein düsteres Bild: "Die Leute können unter diesen Bedingungen kein normales Leben führen. Ohne Zukunftsaussichten, ohne Aussicht auf Ausbildung, Abschluss, Job. Heiraten, aus dem Haus der Eltern ausziehen, ein eigenes Leben aufbauen – diese einfachen Dinge, die Menschen in anderen Teilen der Welt anstreben: In Gaza gibt es sie einfach nicht", so McGoldrick

Dazu leiden die Menschen in Gaza unter den Folgen von drei Kriegen mit Israel, 2008, 2012 und – am gravierendsten: 2014. Israelische Bomben zerstörten oder beschädigten nach UN-Angaben  240.000 Häuser. Eine halbe Million Binnenflüchtlinge innerhalb des gerade mal 365 Quadratkilometer großen Gaza-Streifens waren die unmittelbare Folge des Krieges von 2014.

Mittlerweile ist die Lage so schlecht, dass die Hälfte der Jugendlichen keinen Willen zum Leben mehr hat. "Die Leute begehen Selbstmord, jungen Menschen sind verzweifelt, unglücklich", erläutert Jamie McGoldrick. "Das Ausmaß psychosozialer Leiden ist außergewöhnlich. Ärzte erzählen, eins von drei Kindern hat psychosoziale Probleme."

Dass es einmal ein anderes Leben gab haben nur die Älteren erlebt: Gaza als florierendes Wirtschaftszentrum, blühenden Handel mit Israel, problemloses Pendeln zwischen Gaza und West-Bank. Die jungen Menschen kennen nur Schmutz, Mangel, Krieg, Verzweiflung - und den Zaun.

 

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