Gastkommentar: Warum Litauens Unabhängigkeit Wladimir Putin immer noch schreckt | Kommentare | DW | 11.03.2020
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Zerfall der Sowjetunion

Gastkommentar: Warum Litauens Unabhängigkeit Wladimir Putin immer noch schreckt

Am 11. März 1990 löste sich Litauen von der Sowjetunion. Das Ereignis, das den Untergang des sowjetischen Imperiums einleitete, prägt bis heute das Denken unter den Sowjet-Nostalgikern im Kreml, meint Konstantin Eggert.

Litauen Protest gegen die Rote Armee (Getty Images/AFP)

Demonstration in Vilnius am 50. Jahrestag des Aufstandes gegen Stalin und die Rote Armee

Die Ereignisse in Litauen waren ein "Schwarzer-Schwan-Moment" für die UdSSR und lösten eine Kette von folgenschweren Ereignissen in der ohnehin schon unruhigen sowjetischen Einflusssphäre aus. An diesem Märztag benannte sich der neu gewählte Oberste Sowjet der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik in "Oberster Rat der Republik Litauen" um und proklamierte die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Genauer gesagt, kündigte er die Wiederherstellung des unabhängigen litauischen Staates an - fast 50 Jahre nachdem die erste litauische Republik im Sommer 1940 auf Stalins Befehl hin besetzt und annektiert worden war.

Obwohl sich die UdSSR erst am 25. Dezember 1991 offiziell auflöste, markierte bereits dieser Tag im März 1990 den Wendepunkt, nach dem die Sowjetunion nicht mehr überleben konnte. Zumal selbst die litauischen Kommunisten mit "Ja" stimmten und damit de facto die Kontrolle ihrer Partei - und des Kremls - über die erste der 15 Teilrepubliken der Sowjetunion beendeten. Im Mai folgten zwei weitere Republiken diesem Beispiel: Lettland und Estland.

Ein Schock für Michail Gorbatschow

Die Nachricht aus der Hauptstadt Vilnius war ein Schock und ein schwerer Schlag für den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, Michail Gorbatschow. Er bereitete gerade den Kongress der Volksdeputierten vor, das Superparlament der UdSSR, der ihn ohne Gegenkandidaten zum ersten Präsidenten der Sowjetunion wählen sollte. Vytautas Landsbergis, der noch am 11. März zum Parlamentspräsidenten gewählt und damit zum amtierenden Staatsoberhaupt Litauens wurde, sagte der DW: "Wir hatten es eilig, die Unabhängigkeit vor der Wahl Gorbatschows wiederherzustellen. Als Präsident hätte er mehr Macht gehabt, die 'widerspenstigen' Litauer zu unterdrücken. Wir wollten die sowjetische Führung vor vollendete Tatsachen stellen."

von Eggert Konstantin Kommentarbild App

Konstantin Eggert ist russischer Journalist

Und das gelang ihnen: Sie belebten für ganze 30 Minuten die litauische Verfassung von 1938 wieder, um so die Annahme einer Interimsverfassung für eine Übergangszeit zu ermöglichen. Gorbatschow, der am 14. März zum Präsidenten gewählt wurde, ordnete eine Wirtschaftsblockade Litauens an, die jedoch nicht zu einem Kurswechsel in Vilnius führte. Der Druck Moskaus gipfelte in dem Versuch von Soldaten der örtlichen Garnison der Sowjetarmee, den Fernsehturm in Vilnius zu stürmen und die Stadt am 13. Januar 1991 zu übernehmen. 13 Litauer wurden getötet, aber die neue litauische Regierung überlebte, behielt die Kontrolle über das Land und wurde von Russland unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin offiziell anerkannt.

Keine Glückwünsche aus dem Kreml

Wladimir Putin wird anlässlich des Jahrestags keine Glückwunschkarte nach Vilnius schicken. Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 unternimmt er den energischen Versuch, selbst die dunkelsten Zeiten der sowjetischen Geschichte zu beschönigen. Als Teil dieser revisionistischen Bestrebungen hat Putin vorgeschlagen, eine neue Klausel in die Verfassung aufzunehmen, die Russland offiziell zu einem Nachfolgestaat der UdSSR machen soll. Darüber hinaus soll es eine weitere Klausel zur staatlichen Verpflichtung machen, "Verzerrungen" der Geschichte zu bekämpfen - ein Euphemismus, der bedeutet: alles was den Ruhm Russlands und der Sowjetunion in Frage stellt.

Besonders ist der Kreml daran interessiert, alles zu revidieren, was den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen betrifft. Er ist nicht nur zu der alten sowjetischen Propagandaerzählung zurückgekehrt, dass die Eingliederung Litauens, Lettlands und Estlands in die UdSSR freiwillig geschehen ist und keineswegs eine Annexion war. Moskau stellt auch die Litauer als Nazi-Kollaborateure dar und die antisowjetischen Partisanen, die bis Ende der 1950er-Jahre gegen die Besatzung kämpften, als "Banditen" und "Judenmörder". Die heutigen baltischen Staaten werden als "russophobe Lakaien der NATO" gebrandmarkt.

Die Legende vom "nationalistischen Putsch"

Genau wie bei den Ereignissen auf dem Kiewer Maidan im Jahr 2014 geht Putins Propagandamaschinerie dazu über, die Ereignisse vom März 1990 in Vilnius als einen "nationalistischen Putsch" darzustellen, der vom ewigen Schreckgespenst des Kremls - den Vereinigten Staaten - unterstützt worden sei.

Die russische Führung ignoriert absichtlich, dass die Litauer nicht nur selbst mit der UdSSR brechen wollten, sondern dass sie dies auf legale und verfassungsmäßige Weise getan haben - und nicht durch "Putsch", "Rebellion" oder "Aufruhr". Besonders dieser Punkt ist sehr wichtig. Das Putin-Regime nutzt nicht nur die sowjet-imperiale Nostalgie, um die antiwestliche Stimmung als die dominierende Ideologie des modernen Russlands zu zementieren. Es versucht auch, die russische Gesellschaft davon abzubringen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Die Ereignisse in Vilnius 1990 (ebenso wie die in Kiew 2014) sind wichtig - und beängstigend - für den Kreml. Denn beide haben gezeigt, was passieren kann - wenn auch auf unterschiedliche Weise. Moskaus Machthaber versuchen heute verzweifelt, einen weiteren "Schwarzen Schwan-Moment" zu verhindern.

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