Gastkommentar: Investitionsstau bremst deutsche Wirtschaft | Kommentare | DW | 26.08.2019
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Konjunktur

Gastkommentar: Investitionsstau bremst deutsche Wirtschaft

Nicht Trumps Aggression, Chinas Drohungen oder ein harter Brexit bedrohen Deutschlands wirtschaftliche Prosperität. Es ist die schwache Investitionstätigkeit, die das Land weit zurückwirft, meint Thomas Straubhaar.

Die Aufgeregtheit darüber, ob und wann sich Deutschland in der Rezession befinde, überlagert und verdrängt die Gefahren, die den Wohlstand weit grundsätzlicher infrage stellen. Denn seit der Finanzmarktkrise von 2008 und dem unmittelbar danach folgenden Wirtschaftsabsturz wird hierzulande zu wenig investiert. Lagen die Ausrüstungsinvestitionen gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1991 noch bei zehn Prozent und 2008 immerhin noch bei acht Prozent, erreichen sie momentan lediglich zwischen sechs und sieben Prozent des BIP.

Wie dramatisch sich langfristig das Schneckentempo der Investitionstätigkeit auf die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auswirkt, lässt sich an der Arbeitsproduktivität ablesen. Die Arbeitsproduktivität ist das Spiegelbild der Investition, weil sie die Wertschöpfung misst, die durchschnittlich pro Arbeitskraft oder pro Arbeitsstunde erwirtschaftet wird.

Und da zeigt sich natürlich unmittelbar, ob die Beschäftigten Baugruben mit nackten Händen, Schaufeln und Pickeln oder mit Baggern und schwerem Gerät ausheben und ob Daten von Hand, mit Taschenrechnern, einfachen Rechenmaschinen oder automatisch durch Laser, kluge Algorithmen und künstliche Intelligenz erfasst und weiterverarbeitet werden.

Je mehr Computer und Roboter eingesetzt werden, umso höher ist die Arbeitsproduktivität – nicht zuletzt auch, weil mit neuen Automaten auch der technische Fortschritt Eingang in Herstellungsverfahren findet. Je effizienter und effektiver produziert wird, umso attraktiver werden die Angebote, umso höher die Umsätze und umso mehr Einkommen steht zur Verfügung, das auf Arbeit und Kapital, also Menschen und Maschinen, verteilt werden kann.

Kriechgang bei der Arbeitsproduktivität 

Die Arbeitsproduktivität in Deutschland je Stunde nahm in früheren wirtschaftlichen Aufschwungsphasen in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre real (also preisbereinigt) pro Jahr um durchschnittlich 3,4 Prozent, in den 1980er-Jahren um 3,0 Prozent, in den 1990er-Jahren um 2,2 Prozent und in den 2000er-Jahren bis Anfang 2008 um 1,4 Prozent zu. Während des fast zehnjährigen Aufschwungs von Mitte 2009 bis Mitte 2018 waren es dann jedoch nur noch 1,1 Prozent.

Der Kriechgang bei der Arbeitsproduktivität als Konsequenz der zurückhaltenden Investitionstätigkeit und eines damit einhergehenden langsamen Innovationstempos wird sich rächen und die wirtschaftliche Prosperität in Deutschland mehr als alles andere infrage stellen – mehr auch als Donald Trumps Aggression, Chinas Drohungen und ein ungeregelter Brexit zusammen. Denn das Wachstum der Arbeitsproduktivität ist die Grundlage, aus der sich der Anstieg der Löhne ableitet.

Und da gilt die einfache Regel: Schwache Investitionstätigkeit heute führt morgen zu geringen Fortschritten bei der Arbeitsproduktivität, was Löhne stagnieren oder lediglich noch langsam wachsen lässt – langsamer als in Ländern, in denen auf breiter Front das bargeldlose Einkaufen ohne Kassen, das papierlose Büro ohne Sekretariat, Softwareroboter für das Inkasso, die Belegverarbeitung  zur Klärung von Versicherungsfällen oder künstliche Intelligenz bei medizinischer Diagnostik sowie Auswertung von Röntgenbildern alltäglicher Standard sind.

Buchmesse Leipzig - Thomas Straubhaar (picture-alliance /dpa/J. Kalaene)

Der renommierte Ökonom Thomas Straubhaar

Für die geringe Investitionstätigkeit und den daraus folgenden schwachen Arbeitsproduktivitätsfortschritt gibt es eine Menge von Ursachen. Aber eine davon verdient spezielle Beachtung, weil sie auch mit Blick auf eine künftige Verbesserung entscheidend sein wird.

Hartz-Reformen hatten Nebeneffekte

Die Mitte der vorigen Dekade unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seiner rot-grünen Regierung auf den Weg gebrachte Agenda 2010 und die nach Peter Hartz benannten Arbeitsmarktreformen des „Förderns und Forderns" waren darauf ausgerichtet, möglichst viele Personen in Arbeit zu bringen. Entsprechend wurde der Druck auf Erwerbslose verstärkt, arbeiten zu müssen und auch vergleichsweise schlechter bezahlte Jobs zu akzeptieren. Im Ergebnis nahm die Beschäftigung in Deutschland rasant zu. Die Arbeitslosigkeit ging von fünf Millionen (Anfang 2005) stetig auf mittlerweile 2,275 Millionen im Sommer 2019 zurück – ein riesiger Erfolg.

Allerdings war der deutsche Beschäftigungserfolg mit einem Nebeneffekt verbunden. Er basierte auf einer Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer als Gegenleistung zur Schaffung und Erhaltung von Beschäftigung. Wenn aber für Unternehmen Arbeitskräfte billig(er) werden, fehlen betriebswirtschaftliche Anreize, in Maschinen, Roboter und neue digitale Technologien zu investieren. Warum auf teure(re) Automaten setzen, wenn Arbeit so billig ist? Entsprechend unterblieb ein Modernisierungsschub.

Man hat Menschen eingestellt und nicht Maschinen eingesetzt. So wurden und werden hierzulande immer noch viele Tätigkeiten von Hand und Arbeitskräften und nicht von Automaten und Robotern erledigt - was möglich wäre und in hoch entwickelten Volkswirtschaften mittlerweile gang und gäbe geworden ist. Weit stärker als in Deutschland werden andernorts Software und Algorithmen in der Lohnbuchhaltung, im Rechnungswesen, in der Logistik, im Finanzwesen und bei Versicherungen eingesetzt und sind beim Einkaufen Kassierer oder bei Diagnosen Mediziner überflüssig geworden.

Wie in der DDR?

Was für die DDR typisch war - Vollbeschäftigung sowie hohe Beschäftigungsgarantie bei niedriger Arbeitsproduktivität, entsprechend schlechter Bezahlung und geringem allgemeinen Wohlstand - droht der Bundesrepublik im Zeitalter von Digitalisierung und Datenökonomie, wenn zu lange an veralteten Dogmen der Industriegesellschaft festgehalten wird.

Es geht künftig zuallererst um Produktivität und nicht um Massenbeschäftigung um jeden Preis. Arbeitsplätze zu erhalten, indem man in vielen Bereichen billige Arbeitskräfte schaffen lässt, was Roboter und künstliche Intelligenz fehlerfrei, 24/7, besser und günstiger erledigen können, ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie.

Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand sind langfristig einzig mit mehr Investitionen (auch in Bildung und Forschung) und damit einhergehend mehr Innovation und einer höheren Arbeitsproduktivität zu sichern. Insgesamt weniger, dafür besser, motivierter, gesünder, ausgeglichener und dadurch weit produktiver als heute zu arbeiten, muss das Ziel künftiger Arbeitsmarktpolitik sein. Nur so werden jene hohen Löhne bezahlt werden können, die eine weitere Steigerung des Lebensstandards für kommende Generationen ermöglichen.

Thomas Straubhaar ist ein Schweizer Ökonom und Migrationsforscher. Er ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Er war von 1999 bis 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs (HWWA) und des daraus hervorgegangenen Hamburgischen Weltwirtschaftsinsituts (HWWI).

Dieser Kommentar wurde zuerst auf welt.de publiziert.