Gastkommentar: Gemeinsame oder nur nationalistische Wahrheiten? | Kommentare | DW | 06.08.2019
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Westbalkan

Gastkommentar: Gemeinsame oder nur nationalistische Wahrheiten?

Serbien und die Republika Srpska wollen gemeinsam neue Schulbücher für den Geschichtsunterricht entwickeln. Der Versöhnung kann dieses Projekt in der früheren Kriegsregion kaum dienen, meint Christian Schwarz-Schilling.

Ende Juli überraschte uns eine Mitteilung des Erziehungsministeriums der Republika Srpska, dass man beabsichtige neue Geschichtsbücher für die höheren Schulklassen herauszugeben, welche auch die Kriegsjahre 1992-95 behandeln sollen. Diese Zeit werde in den bisherigen Unterrichtsmaterialien nur sporadisch und unter Berücksichtigung einiger weniger Fakten behandelt. Deshalb sei eine Neufassung erforderlich. Eigens hierfür werde nun eine Schulbuch-Zusammenarbeit zwischen den pädagogischen Instituten der Republika Srpska und Serbien vorgesehen.

Diese Mitteilung ist in der Tat hochinteressant. Länderübergreifende Zusammenarbeit bei der Entwicklung neuer Schulbücher ist grundsätzlich etwas sehr positives. Aber hier handelt es sich nicht um eine Schulbuchkommission zwischen ehemals verfeindeten Staaten, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich zustande gekommen ist.

Eine Schulbuchkommission als Keimzelle der Versöhnung

Das Ziel jener gemeinsamen Kommission war, die jahrhundertelange Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen aufzuarbeiten und durch die Schilderung beider nationalen Sichtweisen eine von allen akzeptierte Wahrheitserkenntnis und Versöhnung zu ermöglichen. Das Ergebnis der Schulbuchkommission war die Kooperation zwischen Schülern und Lehrern mit dem Ziel, die gemeinsame friedliche Zukunft beider Länder zu festigen. Seinen politischen Niederschlag fand dies dann im deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, unterzeichnet von Konrad Adenauer und Staatspräsident de Gaulle am 22. Januar 1963. Es entstand das deutsch-französische Jugendwerk, dessen Bedeutung gerade jetzt in einer Zeit wieder aufbrechender nationalistischer Tendenzen neu erkannt und wiederbelebt worden ist.

Dieses gute Beispiel der eng gewachsenen deutsch-französischen Beziehungen war dann Vorbild für die deutsch-polnische Aussöhnung. Die erste Initiative hierzu ging Mitte der 1960er-Jahre von den katholischen Bischöfe beider Länder aus. 1972, als eine der Früchte des deutsch-polnischen Vertrages, wurde auch eine gemeinsame Schulbuchkommission eingerichtet. Die Aufgabe, die geschichtliche Wahrheit der Konflikte zwischen beiden Nationen aufzuzeigen, war hier noch viel schwieriger: Die entsetzlichen Taten Deutschlands während der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs, der Vernichtungswille gegen Polen und der millionenfache Massenmord in den in Polen errichteten Konzentrationslagern war grausame Realität und gab dieser Schulbuchkommission von deutschen und polnischen Fachleuten eine fast übermenschliche Aufgabe. Aber dank der Ernsthaftigkeit der Beteiligten bei der Suche nach historischen Wahrheiten führten alle Mühen auch hier zu einem konstruktiven Ergebnis - und zwar bis heute. Anlässlich der 75. Jahrestages des Warschauer Aufstands reiste der deutsche Außenminister gerade am 1. August nach Warschau, um die tiefe Scham Deutschlands über die damaligen Ereignisse zum Ausdruck zu bringen.

Keine Kroaten und Bosniaken in der Kommission

Vor dem Hintergrund dieser beiden Beispielen gelungener Partnerschaft stellt sich die Frage, welche Aufgabe die neue gemeinsame Kommission der Republika Srpska und Serbien eigentlich hat? Handelt es sich hier doch um eine geschichtlich gänzlich andere Situation. Hier tun sich nicht zwei ehemalige Feindstaaten zusammen, sondern zwei Staaten, die in der Zeit von Diktatur, Aggression und Völkermord auf der gleichen Seite gestanden haben.

In der Ankündigung der Schulbehörde der Republika Srpska wird deswegen auch nicht die Beschreibung der meist komplexen Wahrheit zum Ziel erklärt, sondern die - vermutlich unkritische - Übernahme serbischer Schulbuchtexte durch eine Entitätsbehörde von Bosnien-Herzegowina. Da die anderen Kriegsparteien - Kroaten und Bosniaken - bei dieser Kommission gar nicht mit am Tisch sitzen, müssten die Mitglieder der Kommission zugleich in die Haut der anderen betroffenen Völker schlüpfen, um der allumfassenden Wahrheit näherzukommen. Trauen sie sich das zu? Und was erwartet die Schulbehörde von Serbien eigentlich für ein Ergebnis, wenn es deren politische Elite bis heute nicht für angebracht hält, ihre Mitverantwortung - oder eher Hauptverantwortung? - am damaligen Geschehen einzugestehen? Wie will man zum Beispiel in der Kommission mit dem Völkermord von Srebrenica umgehen, wenn der Präsident der Republika Srpska und Mitglied des dreiköpfigen Präsidiums von Bosnien-Herzegowina, Milorad Dodik, zu dessen Leugnern gehört? Was soll hierüber in den künftigen Schulbüchern von Bosnien-Herzegowina stehen?

Fast übermenschlicher Mut gefordert

Mein Fazit ist: Entweder leistet diese Schulbuchkommission eine Herkulesaufgabe bei der Beschreibung der Wahrheit und besitzt den fast übermenschlichen Mut, diese Wahrheit dann auch die Schulbücher zu schreiben - oder sie wird im Ergebnis mit einem weiteren Schritt staatlicher Propaganda und Einschränkung der Meinungsvielfalt hervortreten. Wäre es da nicht viel angebrachter, auch die betroffenen Nachbarstaaten Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro an dieser Schulbuchkommission zu beteiligen, um einen gemeinsamen Beitrag zur historischen Aufklärung zu leisten? Damit würde tatsächlich ein wichtiger Baustein für den Blick in eine friedliche Zukunft der Westbalkanländer geschaffen. Es wird spannend sein, wie sich die Kommission entscheidet.

Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling war von 1982 bis 1992 Bundesminister für Post und Telekommunikation. Aus Protest gegen die Haltung der Bundesregierung im Bosnien-Krieg trat er vom Ministeramt zurück. 2006/07 amtierte er als Hoher Repräsentant und Sonderbeauftragter der Europäischen Union für Bosnien-Herzegowina.

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