Görlach Global: Beim Kampf gegen Corona müssen alle mitmachen | Kommentare | DW | 19.01.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Kolumne

Görlach Global: Beim Kampf gegen Corona müssen alle mitmachen

Der Lockdown dauert immer länger, die Corona-Infektionszahlen bleiben hoch, aber auch die Zahl derer, die sich nicht impfen lassen wollen. Dabei gibt es gar kein Grundrecht auf Dummheit, meint Alexander Görlach.

Den ersten Lockdown, der vor zehn Monaten begann, habe ich in New York verbracht. Noch über Weihnachten und zum Jahreswechsel 2019/20 war Wuhan für uns alle nur irgendeine Großstadt in China und das neue Coronavirus noch weit entfernt. Erst am 1. März wurde in dem US-Bundesstaat der erste COVID-Patient identifiziert. Niemand in der Stadt konnte sich unter einem Lockdown wirklich etwas vorstellen. Wie sollte das pulsierende Leben in einer Stadt, die laut ihrer inoffiziellen Hymne "niemals schläft", herunterfahren?

Wenige Tage später wurden die Bilder, die man bis dahin nur aus Filmen kannte, Realität. Wie nach einer apokalyptischen Katastrophe lag New York ausgestorben da: die Straßen leergefegt, keine Fahrzeuge, die die Brücken nach Manhattan überquerten. Wer als New Yorker die Stadt verlassen wollte, den erwartete an den Grenzen zu den benachbarten Bundesstaaten die Polizei, die jeden auf der Stelle zurück in den Hotspot am Hudson River schickte. Dass der Lockdown drei Monate dauern könnte, konnten sich damals die wenigsten vorstellen.

Mein zweiter Drei-Monats-Lockdown

Ein knappes Jahr später ist es nicht besser geworden. Wieder zurück in Deutschland befinde ich mich jetzt auch hier, je nach Zählweise, schon im dritten Lockdown-Monat. Die Fall- und Todeszahlen übersteigen das, was die Welt im Frühjahr 2020 sehen musste, aktuell um ein vielfaches. Deswegen müssen die Lockdown-Maßnahmen noch einmal verlängert und verschärft werden.

Besonders die neuartige Virus-Variante, die sich seit einigen Wochen von Großbritannien aus ihren Weg in die Welt bahnt, macht den Verantwortlichen in Deutschland Angst. Die Mutation soll weit ansteckender wirken als das bereits bekannte Coronavirus. Werden keine ausreichenden Maßnahmen getroffen, so die Befürchtung, dann könnte das Gesundheitssystem in wenigen Wochen überrannt werden und zusammenbrechen.

Grauhaariger Mann, der einen Mund-Nasen-Schutz mit der Aufschrift Maulkorb trägt

Was ein sinnvoller Infektionsschutz mit Redefreiheit zu tun hat, bleibt das Geheimnis dieses Maskenträgers

Ohne das Mittun der Bürger geht es nicht

Das Hoffen auf den Impfstoff kann nur eingeschränkt Linderung verschaffen. Denn nach wie vor gibt ein gutes Drittel der in Erhebungen befragten Deutschen an, sich nicht impfen lassen zu wollen. Besonders erschütternd: Ausgerechnet beim Personal in der Kranken- und Altenpflege ist die Skepsis besonders groß - rund die Hälfte verweigert die Impfung. Damit gefährden sie diejenigen, die ihnen zum Schutz anempfohlen sind, und setzen sie einer potenziell todbringenden Gefahr aus.

Die Corona-Pandemie hat längst offengelegt, dass es unzählige Menschen gibt, die frei von jedem Verstand sind, obwohl auch sie zum Schulbesuch verpflichtet waren. In einer solchen Situation Politiker sein zu müssen, ringt mir größten Respekt ab. Denn ohne das Mittun der Bürgerinnen und Bürger, die der Staat schützen möchte, kann das Unterfangen nicht gelingen. New York hat den ersten Ausbruch durch radikalen Maßnahmen und das engagierte Mittun der Einwohner in den Griff bekommen.

Ein von hinten fotografierte Mensch mit Regenmantel und Rücktrage , in der ein Baby sitzt. An der Rücktrage ist ein großes Schild mit einer durchgestrichenen Spritze befestigt.

Ein Drittel der Deutschen will sich nicht gegen Corona impfen lassen

Sanktionen für Impfverweigerer

Diejenigen, die als Impfverweigerer Mitmenschen gefährden, sollten es sich in diesem verschärften Lockdown gemütlich machen, denn das könnte auf längere Zeit die Art sein, wie sie leben müssen. Natürlich müssen für Ungeimpfte perspektivisch härtere Regeln gelten als für Geimpfte. Denn die Freiheitseinschränkungen des Lockdowns müssen in dem Moment entfallen, in dem eine Person geimpft ist. Das Aufrechterhalten von Zwangsmaßnahmen kann dann irgendwann nur noch für Impfverweigerer gelten. Das gilt zum Beispiel für die Flugreisen: Wer möchte sich auf dem Weg in den Urlaub oder auf einer Geschäftsreise anstecken lassen, obschon es dafür überhaupt keinen Grund mehr gibt?

Dummheit ist kein Menschenrecht, sie wird nicht von der Verfassung geschützt. In einem Land mit allgemeiner Schulpflicht und kostenfreier Impfung für alle Menschen muss dummes Verhalten sozial geächtet und gesetzlich sanktioniert werden. Wenn die politisch Verantwortlichen von Bund und Ländern den Maßnahmenkatalog zur Überwindung der Corona-Pandemie diskutieren, sollten sie Sanktionen für Impfverweigerer ab sofort mitdenken, so dass vernünftige Menschen möglichst schnell wieder ein normales Leben führen können.

 

Alexander Görlach ist Senior Fellow des Carnegie Council for Ethics in International Affairs und Senior Research Associate an der Universität Cambridge am Institut für Religion und Internationale Studien. Der promovierte Linguist und Theologe war zudem in den Jahren 2014-2017 Fellow und Visiting Scholar an der Harvard Universität, sowie 2017-2018 als Gastscholar an der National Taiwan University und der City University of Hong Kong.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige