Furcht vor neuem Krieg zwischen Israel und der Hamas | Aktuell Nahost | DW | 12.05.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Eskalation in Nahost

Furcht vor neuem Krieg zwischen Israel und der Hamas

Anhaltender Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen und massive israelische Vergeltungsangriffe: Angesichts der jüngsten Gewalteskalation mit über 50 Toten wächst die Sorge, dass im Nahen Osten ein neuer Krieg ausbricht.

Video ansehen 02:03

Noch mehr Tote: Nahost-Konflikt eskaliert

Allen internationalen Aufrufen zur Mäßigung zum Trotz spitzt sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern weiter zu. Angesichts massiver Raketenangriffe radikaler Islamisten auf den Großraum Tel Aviv kündigte Israels Regierung harte militärische Gegenschläge an.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, die Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad würden einen hohen Preis für die jüngsten Angriffe auf Israel bezahlen. "Diese Operation wird Zeit brauchen, aber wir werden den Bürgern Israels die Sicherheit zurückbringen." Generalstabschef Aviv Kochavi erläuterte, Israel habe im Rahmen der Militäroperation "Wächter der Mauern" seit Montag "bereits 500 Ziele im Gazastreifen attackiert und Dutzende Terroraktivisten getötet". 

In Tel Aviv wurde mehrfach Raketenalarm ausgelöst. Dort waren mehrere Explosionen zu hören. "Familien werden eilig in Schutzräume gebracht", twitterte die israelische Armee. Auch in den Städten Beerscheva und Aschkelon heulten die Warnsirenen.

 

In Lod bei Tel Aviv wurden bei den Attacken mindestens zwei Menschen getötet. Zuvor waren schon aus Rischon Lezion und aus Aschkelon drei Todesopfer gemeldet worden. Bei einem Angriff militanter Palästinenser im Gazastreifen wurde am Mittwoch auf der israelischen Seite der Grenze ein Soldat getötet. Die Armee machte die im Gazastreifen regierende Hamas dafür verantwortlich.

Unter Beschuss

Nach israelischen Angaben haben die Hamas und der Islamische Dschihad seit Montag mehr als tausend Raketen abgefeuert - als Reaktion auf einen Angriff im Gazastreifen. Dort hatte das Militär - nach einer Vorwarnung - ein Hochhaus zerstört. In dem Gebäude befanden sich auch Büros von Mitgliedern des Hamas-Politbüros. Bei einem weiteren Luftangriff wurde ein zweites Hochhaus in Gaza-Stadt zerstört. In dem zehnstöckigen Al-Scharuk-Haus waren unter anderem Büros des Fernsehsenders Al-Aksa untergebracht.

Gaza Luftangriff auf Hamas Hamadi Gebäude

Zerstört: der "Hanadi-Turm" in Gaza-Stadt

Nach palästinensischen Angaben wurden bei den Luftangriffen mindestens 48 Menschen getötet, unter ihnen 14 Kinder. Inzwischen gab die Hamas den Tod mehrerer ihrer Anführer bei den israelischen Militärangriffen im Gazastreifen bekannt. Demnach wurden bei den Attacken der Kommandeur des bewaffneten Arms der Hamas in Gaza, Bassem Issa, und mehrere weitere ranghohe Militärverantwortliche getötet. Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet hatte zuvor mitgeteilt, Issa und vier weitere ranghohe Hamas-Anführer seien getötet worden.

Aufrufe zur Deeskalation

International mehrten sich Aufrufe, die Gewalt zu stoppen. Der UN-Nahost-Koordinator Tor Wennesland warnte, Israel und die Hamas steuerten auf einen neuen Krieg zu. Die Vereinten Nationen arbeiteten jedoch mit allen Seiten daran, die Lage zu beruhigen. Ägypten forderte Sicherheitskreisen zufolge in einem Telefonat die Palästinenser-Führung zur Zurückhaltung auf.

Deutschlands Außenminister Heiko Maas verurteilte die Angriffe aus dem Gazastreifen auf Israel nochmals scharf. "Dass es jetzt noch eine derartige Eskalation der Gewalt gibt, ist weder zu tolerieren noch zu akzeptieren, und das haben wir auch gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde sehr deutlich gemacht", sagte er in Rom. Die Raketenangriffe müssten sofort beendet werden.

Video ansehen 05:12

Nahost-Konflikt löst weltweit Besorgnis aus: Gespräch mit Jürgen Hardt (CDU/CSU-Fraktion)

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Bundesregierung verurteile die Raketenangriffe aufs Schärfste. Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung. Justizministerin Christine Lambrecht erklärte, auch die jüngsten Angriffe auf jüdische Synagogen und das Verbrennen von Israel-Fahnen in Deutschland seien auf das Schärfste zu verurteilen. "Dieser antisemitische Hass ist eine Schande".

Erdogan will internationale Friedenstruppe

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte dagegen nach Angaben seines Büros in einem Telefonat mit Russlands Staatschef Wladimir Putin, die internationale Gemeinschaft müsse Israel "eine andere Lektion erteilen". Er bekräftigte seine Forderung nach einer internationale Friedenstruppe zum Schutz der Palästinenser in die Region.

Das US-Präsidialamt erklärte, Israel habe das Recht, sich gegen die Raketenangriffe zu verteidigen. Zugleich übte es aber auch Druck auf Israel wegen des Umgangs mit den Palästinensern aus: Jerusalem müsse "ein Ort der Ko-Existenz" sein.

Angesichts der Gewalteskalation zwischen Israel und den Palästinensern senden die USA einen Vermittler in die Region. Wie Außenminister Antony Blinken am Mittwoch ankündigte, wird der im Ministerium für Israel und die Palästinenser zuständige Vize-Staatssekretär Hady Amr "sofort" abreisen. Er solle mit Verantwortlichen der beiden Konfliktparteien sprechen und "auf eine Deeskalation der Gewalt dringen".

UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich sehr besorgt über die "schwerwiegende Eskalation", wie ein Sprecher in New York mitteilte. "Er ist zutiefst traurig über die zunehmende Zahl von Opfern - darunter Kinder - wegen israelischer Luftangriffe in Gaza sowie Todesfälle in Israel durch Raketen, die aus Gaza abgefeuert wurden." 

Bildergalerie Nahost Konflikt

Ein israelischer Soldat untersucht die Schäden nach einem Raketentreffer in Yehud bei Tel Aviv

Keine Erklärung des Sicherheitsrats

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kam derweil erneut zusammen, um "hinter verschlossenen Türen" über die Lage zu beraten. Er konnte sich aber in der zweiten Sondersitzung zur aktuellen Zuspitzung des Nahost-Konflikts erneut nicht auf eine gemeinsame Stellungnahme verständigen. Nach Angaben von Diplomaten sahen die Vereinigten Staaten ein solches Statement als nicht hilfreich für eine Deeskalation zwischen Israelis und Palästinensern. Auch die Mitarbeit an einer kürzeren Mitteilung lehnte die US-Seite erst einmal ab. 

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April zugespitzt - inzwischen sind es die heftigsten Auseinandersetzungen seit mehreren Jahren. Zunächst gab es vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Auslöser waren unter anderem Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen von Häusern palästinensischer Familien im Ost-Jerusalemer Stadtteil Scheich Dscharrah. Das Land, auf dem sie leben, wird von jüdischen Siedlern beansprucht.

kle/AR (dpa, afp, rtr)

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema