Fußball-Theorien: In welcher Spielminute fällt das Tor? | Wissen & Umwelt | DW | 28.06.2018
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Interview

Fußball-Theorien: In welcher Spielminute fällt das Tor?

Dramatische Tore in den letzten Minuten - die Weltmeisterschaft 2018 hat sie in Hülle und Fülle gebracht. Sind späte Tore eigentlich wahrscheinlicher? Der Sportwissenschaftler Daniel Memmert hat genau das untersucht.

Deutsche Welle: Stimmt es, dass mehr Tore in den letzten Minuten eines Spiels fallen?

Daniel Memmert: Wenn Sie viele Tore über viele Saisons in Profi-Fußballligen untersuchen, dann werden Sie feststellen, dass es einige Unterschiede zwischen Fünf-Minuten-Blöcken im Laufe eines Spieles gibt. Aber es gibt zum Beispiel keinen signifikanten Unterschied zwischen dem Block von der zehnten bis 15 Minute in der ersten Hälfte des Spiels zu dem Block von der 85. bis 90. Minute in der zweiten Hälfte.

Und die Daten zeigen sogar, dass die niedrigste Tor-Wahrscheinlichkeit nach der 90. Minute liegt. Das liegt vielleicht daran, dass es manchmal nur drei oder vier Minuten Spielverlängerung gibt, sodass die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch ist, dass eine Mannschaft dort ein Tor schießen kann. Aber es gibt keinen Unterschied bei der Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft ein Tor in einer bestimmten Minute erzielt.

Aber es stimmt, dass die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Tores innerhalb von fünf Minuten nach einem ersten Tor viel höher ist, oder?

Daniel Memmert Kognitions- und Sportspielforschung Sporthochschule Köln (Kenny Beele)

Daniel Memmert ist Professor für Kognitions- und Sportspielforschung an der Sporthochschule Köln

Einige Studien haben diese These analysiert, und das ist definitiv nicht wahr. Man stellt sich das so vor: Wenn eine Mannschaft ein Tor erzielt hat, feiert sie und konzentriert sich nicht richtig. Dann könnte es für die andere Mannschaft einfacher sein, ein Tor zu schießen. Das stimmt statistisch gesehen aber nicht. Es gibt auch die These, dass ein Tor vor der Halbzeit sehr wichtig für das Endergebnis eines Spiels ist. Das ist aber auch nicht wahr.

Mehr dazu: Digitalisierung im Profifußball

... dabei habe ich gerade einen Kommentator genau das Gegenteil sagen hören. Welche anderen bekannten Theorien sind denn auch nicht wahr?

Zum Beispiel die Vorstellung, dass Experten die Ergebnisse von Spielen besser vorhersagen können als Laien: Das ist nicht wahr. Selbst Menschen, die sehr viel Fußball spielen, viel Fußball gesehen haben und sich wirklich in diesem Geschäft gut auskennen haben keine höhere Trefferquote, wenn es darum geht, den Ausgang eines Fußballspiels vorherzusagen als Menschen, die nichts mit dem Sport zu tun haben.

Aber die Fußballexperten haben das Gefühl, dass sie besser sind. Das bedeutet, sie vertrauen sich selbst mehr als Laien. Das bedeutet, diese Experten glauben, dass sie das Ergebnis von Fußballspielen gut vorhersagen können. Sie haben aber keine sehr realistische Sichtweise in Bezug auf die Vorhersage komplexer Ereignisse. Und Laien haben ein besseres Gefühl dafür, ob ihre Vorhersagen gut oder schlecht sind.

Vielleicht sollte ich das nächste Mal also gegen einen zu selbstbewussten "Experten" wetten?

Nun ja, wir haben nicht nur Fußballexperten untersucht, sondern auch Fußball-Glücksspieler - also Menschen, die häufig auf das Ergebnis von Fußballspielen setzen. Und tatsächlich können diese Glücksspieler ein Fußballspiel nicht besser vorhersagen als ein Fußballexperte oder ein Laie.

Professor Daniel Memmert ist Forscher an der Deutschen Sporthochschule Köln und leitet das Institut für Trainingswissenschaft und Informatik im Sport.

Das Interview führte Conor Dillon.

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