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Was macht die Fußball-EM 2024 mit Deutschland?

10. Juli 2024

2006 hatte sich Deutschland bei der WM an sich selbst berauscht. Die EM ist zumindest ein Stimmungsaufheller - in einem Land, das wegen vieler Krisen nicht mehr so unbeschwert ist und an Leichtigkeit verloren hat.

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Deutscher Fan mit Megafon im Stadion zwischen Anhängern
Deutsche Fans beim Spiel gegen die Schweiz in FrankfurtBild: Matthias Koch/picture alliance

Es war einmal ein Land, das sich vier Wochen lang von seiner allerbesten Seite zeigte. Welches das Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" mehr als wörtlich nahm und im Juni und Juli 2006 weltoffen, sympathisch und ausgelassen daherkam – und sich viele Fans aus dem Ausland ungläubig fragten: "Sind das etwa noch die Deutschen?". Einen Monat lang strahlte wie auf Knopfdruck die Sonne vom Himmel, Deutschland ertrank beinahe in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer und überall herrschte grenzenlose, ansteckende gute Laune und Euphorie.

So in etwa geht das Märchen, das als sogenanntes Sommermärchen der Fußball-Weltmeisterschaft in die deutsche Geschichte einging. Leicht verklärt, denn wie sich später herausstellte, war es vom Deutschen Fußball-Bund wahrscheinlich gekauft worden. Nichtsdestotrotz wird es 18 Jahre später zur Europameisterschaft immer wieder aufs Neue beschworen. Die beliebteste Frage im Vorfeld lautete: "Kann diese EM ein zweites Sommermärchen werden?"

EURO 2024 - Ein neues Sommermärchen?

Die Theater- und Buchautorin Dagrun Hintze, die das Fußballbuch "Ballbesitz" geschrieben hat, gibt gegenüber der DW folgende Antwort: "Es ist auch wieder ziemlich deutsch, sich immer an der Vergangenheit zu orientieren, die deutsche Bevölkerung ist auch nicht besonders veränderungsaffin. Doch das Letzte, was wir jetzt gebraucht hätten, wäre wieder so ein ekstatischer Rausch und so eine Selbstverliebtheit, die ja 2006 wunderbar war. Aber wir sind jetzt einfach ganz woanders, was auch gut ist, und müssen darauf einen realistischen Blick gewinnen. 2024 geht es eher darum, wie wir denn hier die Leute wieder zusammen bekommen."

Autorin Dagrun Hintze
"Bei manchen osteuropäischen Teams hat eine Weltanschauungskonkurrenz auf dem Platz stattgefunden" - Dagrun HintzeBild: Florian Heurich

EM als Stimmungsaufheller in einem polarisierten Land

2006 gab es noch keine Corona-Pandemie, keine Flüchtlingskrise, keinen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und noch keinen Rechtsruck mit einer in Teilen rechtsextremen Partei AfD, die bei der Europawahl in allen ostdeutschen Bundesländern stärkste Kraft wurde. Die Europameisterschaft fand jetzt in einem Land statt, dessen gesellschaftlicher Zusammenhalt bröckelt, deren Bevölkerung zunehmend polarisiert ist und wo sich kleine Teile unversöhnlich gegenüberstehen.

Ein Land, das also irgendwie schon ein wenig anders war. Von daher kam der Fußball eigentlich genau zur richtigen Zeit - der Politikwissenschaftler und Sporthistoriker Jürgen Mittag von der Sporthochschule Köln spricht gegenüber der DW zumindest von einem "kleinen Sommermärchen".

"Die Stimmung in Deutschland ist sicherlich positiver, als sie vor der Europameisterschaft gewesen ist. Die EM war bislang für viele Bürgerinnen und Bürger, aber auch für die Gäste aus dem Ausland ein großes Fest, das man zusammen gefeiert hat. Die Befürchtungen, die man zum Beispiel im Hinblick auf Sicherheitsfragen hatte, sind nicht eingetreten. Vielleicht ist auch die deutsche Bevölkerung ein Stück weit näher zusammengerückt."

Jürgen Mittag Sporthochschule Köln
"Deutsche Fahne wurde in Städten vergleichsweise wenig gezeigt, in ländlichen Gebieten deutlich präsenter" - Jürgen MittagBild: BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl/picture alliance

Trainer Nagelsmann wie ein Bundespräsident

Auch der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann wollte seinen Teil dazu beitragen. In einer flammenden und emotionalen Rede appellierte der 36-Jährige im Stil eines Bundeskanzlers oder Bundespräsidenten an ein besseres Miteinander, die Nationalmannschaft solle ein Vorbild für die Gesellschaft sein. "Wenn ich meinem Nachbar helfe, die Hecke zu schneiden, dann ist er schneller fertig, als wenn er es allein macht", nutzte Nagelsmann einen Alltagsvergleich und erntete dafür auch von der Politik viel Applaus.

Euro 2024: Pressekonferenz Nationalmannschaft
"Wieder zurück zur Gemeinsamkeit, ein bisschen weg von dieser unfassbaren Individualität" - Julian NagelsmannBild: Christian Charisius/dpa/picture alliance

"Der Fußball ist in die Mitte von gesellschaftlichen Debatten gerückt. Das führt dazu, dass auch ein Fußballbundestrainer über den engeren sportlichen Tellerrand hinaus agiert und mit einer gewissen intentionalen Zielsetzung seine eigene Rolle und seine Stellung nutzt, um für bestimmte gesellschaftliche Anliegen zu werben", sagt Mittag, schränkt aber ein: "Der Fußball, wie der Sport auch allgemein, vermag mit seiner Mobilisierungskraft einiges zu bewirken. Aber der Fußball ist grundsätzlich nicht das Instrument, um Fehlentwicklungen zu reparieren, politische Ziele zu retten oder ein Land in eine andere Richtung zu bewegen. Zumindest nicht langfristig und dauerhaft."

Fußballer Kylian Mbappé macht Politik 

Kurzfristig scheint das aber schon zu funktionieren: Der französische Fußballstar Kylian Mbappé hielt während des Turniers eine bemerkenswerte Brandrede zur Neuwahl in Frankreich und bezog klar Stellung: "Die Extremisten klopfen an die Tür. Deswegen: Geht wählen!", richtete er deutliche Worte an die französischen Jungwähler, um später noch einmal nachzulegen: "Wir dürfen nicht erlauben, dass unser Land in die Hände dieser Leute fällt."

Kylian Mbappé
"ich hoffe, dass wir am 7.Juli noch stolz sein werden, dieses Trikot zu tragen" - Kylian MbappéBild: Alexandre Marchi/MAXPPP/dpa/picture alliance

Marine Le Pen vom nationalkonservativen und rechtspopulistischen Rassemblement National kochte vor Wut und konterte, die Franzosen hätten es satt, belehrt und beraten zu werden, wie sie wählen sollen. Am Ende gewann aber der Fußballer, der Politik machte und über die sozialen Medien hunderttausende Menschen erreicht: Im zweiten Wahlgang belegte der RN nur Platz Drei. Sportliche Großereignisse werden seit den letzten 20 Jahren immer politischer, sagt auch der Sporthistoriker Mittag.

"Die Aussagen von Kylian Mbappé zu den Wahlen in Frankreich, die Serben, die bestraft wurden, weil sie in ihrem Fanblock Fahnen mit dem Kosovo als integralem Bestandteil von Serbien gezeigt hatten, und die Debatte um Demiral und den Wolfsgruß dokumentieren beispielhaft die verstärkte Politisierung und dass politische Bekundungen und Symbole mittlerweile sehr gezielt eingesetzt werden."

Die AfD und ihre Probleme mit dem Nationalteam

Ein anderes Symbol, besser ein Trikot, brachte wiederum die AfD zur Weißglut: Das lila-pinke Auswärtstrikot der deutschen Nationalmannschaft sei nicht "männlich" genug und stehe für "Möchtegern-Multi-Kulti-Vielfalts-Propaganda", wetterten die Rechtsaußen. Am Ende wurde das Leibchen zum Verkaufsschlager und meistverkauften Auswärtstrikot in der Geschichte der DFB-Trikots.

Fans mit lila-pinken Trikots auf der Zuschauertribüne
Echter Hit bei den Fans und Coup für Hersteller Adidas: das lila-pinke AuswärtstrikotBild: Gerhard Schultheifl/Jan Huebner/IMAGO

Und auch der Nationalmannschaft wollten viele Politiker der AfD nicht unbedingt die Daumen drücken. Europa-Spitzenkandidat Maximilian Krah bezeichnete sie als "Söldnertruppe" und "Fremdenlegion", Thüringens AfD-Chef Björn Höcke sagte, er könne "sich nicht mehr mit unserer Nationalmannschaft identifizieren". Beim Parteitag in Essen setzte sich ein Antrag nur mit hauchdünner Mehrheit durch, die Sitzung wegen des Spiels gegen Dänemark zu unterbrechen. Und damit zwei Säulen der Mannschaft anzufeuern: Ilkay Gündogan, Kapitän und Sohn türkischer Eltern, und Antonio Rüdiger, Abwehrchef, schwarz und praktizierender Muslim. 

Ausland nimmt Deutschland als nicht so perfektes Land wahr

Die allermeisten Deutschen, das war auch eine gute Nachricht der EM, standen aber nach langer Zeit wieder zu ihrer Nationalmannschaft. Trotz oder vielleicht gerade wegen des unglücklichen Ausscheidens im Viertelfinale gegen Spanien. Dagrun Hintzes These: Es gehe beim Fußball im Kern gar nicht ums Gewinnen. "Der Kern ist die Geschichte, wir verlieren zusammen, wir gewinnen zusammen. Und jetzt haben wir zusammen verloren, und zwar nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Fans. Vielleicht ist es auch eine gute Lektion zu lernen, dass wir uns einfach wieder hinter dieser Mannschaft versammeln konnten und angefangen haben, diese Spieler und das Trainerteam zu lieben."

Nimmt man die Pfiffe der deutschen Anhänger gegen den spanischen Abwehrspieler Marc Cucurella im Halbfinale gegen Frankreich in München mal aus, gab Deutschland bei der EM ein gutes Bild ab: übervolle Stadien, eine fantastische Stimmung nicht nur beim Public Viewing, und der größte Einsatz in der Geschichte der Bundespolizei, mit 22.000 Einsatzkräften täglich, verlief reibungslos. Die ausländischen Fans sahen ein Land, das den Fußball - ganz im Gegensatz zu der doch sehr sterilen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar - mit allen Fasern lebt. Wären da bloß nicht die unpünktliche Bahn, Hinweisschilder nur auf Deutsch und die schleppende Digitalisierung.

Fans mit Fahnen in Deutscher Bahn
Überfüllte und unpünktliche Züge sorgten für Ärger bei den FußballfansBild: Bastian/Caro/picture alliance

"Jetzt wissen nicht nur wir, sondern auch ganz Europa, wo wir bei der Infrastruktur stehen. Von der Deutschen Bahn über die Hotelkapazitäten bis hin zur Organisation. Die Fans haben hier die Erfahrung gemacht, okay, Deutschland ist offenbar doch nicht das Land, in dem alles funktioniert. Das ist jetzt auch einfach nicht mehr zu leugnen", lautet das Fazit von Hintze. "Ich glaube, wir Deutschen sind mit der EM auch ein wenig menschlicher geworden in der Außenwahrnehmung. Nach dem Motto, die kriegen überhaupt nicht so viel auf die Kette, wie wir immer dachten, und vielleicht ist das ja auch ganz sympathisch."

Porträt eines blonden Manns im schwarzen Hemd
Oliver Pieper DW-Reporter und Redakteur