Fußball als Integrationsprojekt | Europa | DW | 13.07.2018
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Griechenland

Fußball als Integrationsprojekt

Während die Welt auf das WM-Finale in Moskau hinfiebert, hilft in Griechenland eine Fußball-Initiative Flüchtlingen bei der Integration. Von Marianne Karakoulaki und Dimitris Tosidis, Thessaloniki.

Suleiman war Profi-Fußballer in Damaskus. Er spielte für den Erstligaclub Al-Wahda, einen der ältesten Fußballklubs des Landes. "Ich spiele Fußball schon, seit ich sechs Jahre alt bin. Für Al-Wahda war ich zehn Jahre in der Mannschaft, aber ich musste wegen des Krieges aufhören", sagt der 23-jährige der Deutschen Welle. Suleiman flüchtete 2016 nach Griechenland und lebte vier Monate lang im Notlager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, wo er als Dolmetscher für eine Nichtregierungs-Organisation arbeitete. Über diese lernte er die Hilfs- und Fussball-Initiative Aniko kennen.

"Ich arbeitete für eine NGO, die Aniko während des Trainings unterstützt, mir gefiel das Konzept. Man hat Spaß, man trainiert zusammen und trifft neue Leute", meint Suleiman. Aniko, das im griechischen "Zugehörigkeit" bedeutet, ist eine Graswurzelbewegung, die im Sommer 2015 von Dan Teuma und Jess Johnson gegründet wurde. Bevor sie nach Griechenland kamen, arbeiteten die beiden britischen freiwilligen Helfer in Calais.

Griechenland Flüchtlinge & Fußball in Thessaloniki | Football for All (DW/D. Tosidis)

"Fußball für alle" bringt Griechen und Flüchtlinge zusammen

Nachdem Teuma und Johnson ehrenamtlich in Lesbos und Thessaloniki in verschiedenen Bereichen tätig waren, wurde ihnen klar, dass die Flüchtlinge länger im Land bleiben würden. Sie gründeten die Fußballgemeinschaft, um Flüchtlingen die Integration in die griechische Gesellschaft besser zu ermöglichen. Die gleiche Vision teilte auch Thomas Farines, Trainer von Aniko, der sich der Initiative im Herbst 2016 anschloss. "Fußball schafft Verbindung, es fördert Frieden. Als ich von Gibraltar nach England geflohen bin, war ich ein Außenseiter. Fußball war Teil meiner sozialen Integration in England. Wenn es für mich geklappt hat, warum nicht auch für andere?", erzählt Teuma der DW.

"Fußball für Alle"

"Fußball für Alle" ist ein Event, das Dan, Jess und Thomas auf die Beine stellten, um Menschen zusammenzubringen. Es findet einmal im Monat statt. Die Idee war einfach: Organisiere ein Event, das für jeden aus Thessaloniki offen und einladend ist. Für Dan wird dadurch das Trennende überwunden und es hilft, ein aktiveres Mitglied der Gesellschaft zu werden. Die große Beteiligung auf dem Fußballfeld zeigt, dass es funktioniert. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak, Marokko, Griechenland, Kamerun, Italien und anderen Ländern warten nun gespannt darauf, in Teams aufgeteilt zu werden. Das macht Dan, macht ihnen Mut, und das Spiel beginnt. Ziel der Initiative ist, Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen, Religionen und  Altersgruppen zusammenzubringen und ihnen das Gefühl zu geben, dazuzugehören.

Griechenland Flüchtlinge & Fußball in Thessaloniki | Dan Teuma (DW/D. Tosidis)

Der Gründer von Aniko, Dan Teuma, vor seiner Mannschaft

Die unterschiedlichen Sprachen sind kein Problem. "Es ist nicht schlimm, wenn man eine andere Sprache nicht versteht. Wir verständigen uns einfach mit unserer Körpersprache", sagt Suleiman. Anikos Ziel ist dennoch mehr als ambitioniert. Obwohl "Fußball für Alle" keine neue Idee ist, setzt sich das Team dafür ein, dass es weltweit Schule macht. "Es ist eine große Vision, aber es ist eines unserer größten Ziele, in das wir glauben und das wir erreichen wollen", meint Teuma.

Fußball als Ablenkung

Für die Fußballspieler ist der Sport ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags geworden. Anstatt zu Hause zu bleiben, haben sie die Möglichkeit, sich unter Leute zu mischen, andere kennenzulernen und Fußball zu spielen. Der Sport bringe ihnen einen Sinn, erzählen Flüchtlinge der Deutschen Welle. Der 25-jährige Narcisse, Flüchtling aus Kamerun, kam zu spät und wartet nun darauf, in der zweiten Halbzeit mitzuspielen. "Fußball bringt mich auf andere Gedanken. Es ist eine Ablenkung von meinen Problemen. Wenn ich spiele, kann ich nachts besser schlafen", sagt er der DW.

Griechenland Flüchtlinge & Fußball in Thessaloniki | Narcisse (DW/D. Tosidis)

Fußball hilft Narcisse aus Kamerun das Flüchtlingselend zu vergessen - zumindest für den Moment

Wie auch viele andere auf dem Spielfeld, wartet er auf die Entscheidung über seinen Asylantrag. Zitouni, 23, ein Berber aus Marokko, lebt seit fünf Jahren in Griechenland, glaubt jedoch nicht, dass sein Antrag durchgeht. Neben dem täglichen Warten auf die Entscheidung scheint er beim Fußballspielen alles andere zu vergessen. "Ich bin glücklich, wenn ich Fußball spiele. Bevor ich Aniko beigetreten bin, habe ich gar nichts gemacht. Meine Zeit vorher war ereignislos. Jetzt ist wenigstens was los. Aniko bedeutet alles für mich", sagt er.

Die große Zeit kommt (noch)

Als kleine Initiative hat Aniko Probleme mit der Finanzierung, die die Zukunft des Programms, die wöchentlichen Trainings und andere Events sichert. Trotzdem denkt niemand ans Aufhören. Der 18-jährige Mojtaba aus Afghanistan lebt schon seit zwei Jahren im Flüchtlingslager. Seit sechs Monaten trainiert er bereits für Aniko und hat große Ziele.

Er träumt davon, der beste Fußballspieler der Welt zu werden. "Wir müssen uns langsam und vorsichtig da rantasten. Ich trainiere bei Aniko und einem anderen Team, aber mein Plan ist, der griechischen Profi-Mannschaft Aris beizutreten", sagt er, bevor er auf das Spielfeld zurückläuft. Sich einem griechischen Team anzuschließen ist nicht einfach, besonders, weil die Flüchtlinge nicht die notwendigen Papiere haben, die die Fußballverbände fordern. Vor allem für die, die kein Asyl haben, wird es schwer. Suleiman wird trotz allem bald Iraklis, dem ältesten und traditionellsten Verein von Thessaloniki, beitreten.

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