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Fürs Gewinnen gut genug

24. Juli 2018

Nicht nur Mesut Özil, auch andere europäische Top-Fußballer fühlen sich wegen ihrer Herkunft diskriminiert: Von Romelu Lukaku über Karim Benzema bis zu Mario Balotelli. Neu ist das Problem nicht.

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WM 2018 - Belgien - Panama
Platz drei bei der WM: Belgiens Nationalstürmer Romelu Lukaku (l.)Bild: picture-alliance/dpa/M.Becker

Heute gefeiert, morgen ausgegrenzt. So fühlt sich nicht nur der zurückgetretene deutsche Nationalspieler Mesut Özil, der twitterte: "In den Augen von Grindel [DFB-Präsident Reinhard Grindel - Anm. d. Red.] und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren." Auch in anderen Ländern Europas sehen sich Fußball-Topstars, die aus Einwandererfamilien stammen, in dieser Rolle. "Wenn es gut lief, las ich Zeitungsartikel und sie nannten mich Romelu Lukaku, den belgischen Stürmer", schrieb der belgische Nationalspieler, in Antwerpen als Sohn kongolesischer Eltern geboren, Mitte Juni in einem Beitrag für die US-amerikanische Internetplattform "The Players Tribune". "Wenn es nicht gut lief, nannten sie mich Romelu Lukaku, den belgischen Stürmer kongolesischer Herkunft."

Auch Zidane wurde angefeindet

Karim Benzema, französischer Nationalspieler mit algerischen Wurzeln, beklagte schon 2014: "Treffe ich, bin ich Franzose. Treffe ich nicht, bin ich Araber." In Frankreich branden immer wieder Diskussionen darüber auf, wie Fußballer aus Immigrantenfamilien behandelt werden. Nach dem WM-Sieg 1998 im eigenen Land war die siegreiche Multi-Kulti-Truppe um Zinedine Zidane noch als Musterbeispiel gelungener Integration gefeiert worden. Später wurde Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, besonders vom rechtsextremen Front National wegen seiner Herkunft angegriffen.

Champions League - Paris St. Germain - Real Madrid
Karim BenzemaBild: picture-alliance/ZUMAPRESS/M. Taamallah

Multi-Kulti als Erfolgsrezept

2010, nach dem blamablen WM-Vorrundenaus der Franzosen in Südafrika, kippte die Stimmung vollends. Plötzlich hieß es, schuld an der WM-Pleite seien die vielen Spieler mit arabischen oder afrikanischen Wurzeln. Ein Jahr später wurde bekannt, dass sich selbst der damalige Nationaltrainer Laurent Blanc bei einer Sitzung des französischen Fußballverbands für den Vorschlag ausgesprochen hatte, in den Ausbildungszentren des Landes nur noch 30 Prozent Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft aufzunehmen. Er glaube, wurde Blanc zitiert, "dass wir uns neu ausrichten müssen, dass wir andere Kriterien haben müssen, unserer eigenen Kultur angepasst". Als das Protokoll der Sitzung öffentlich wurde, ruderte Blanc zurück. Die Quote kam nicht  - und 2018 wurde eine weitere Multi-Kulti-Mannschaft aus Frankreich Weltmeister.

Gullit: "Wenn ich gut spielte, wurde ich akzeptiert"

Dass die Schwelle zum Rassismus im Falle des sportlichen Misserfolgs niedriger zu sein scheint, erlebte auch der Niederländer Ruud Gullit, Ende der 1980er Jahre einer der weltbesten Fußballer. Seine Generation habe Rassismus noch hinnehmen müssen, erinnerte sich Gullit, dessen Vater aus Surinam stammte. "Wir hatten damals keine Rückendeckung, also sagte ich mir, es passiert einfach, weil ich anders bin. Ich fühlte, dass ich es angehen konnte, indem ich gut spielte. Ich sah zwar anders aus, aber wenn ich gut spielte, wurde ich akzeptiert."

Rudd Gullit
Ruud Gullit heuteBild: picture-alliance/Imaginechina/X. Lei

Balotellis Vorschlag abgebügelt

Der Rechtsruck in vielen Ländern Europas hat das Problem verschärft. Der Ton ist deutlich rauer geworden. Menschen mit Migrationshintergrund werden öffentlich diskreditiert, nicht nur im Fußball. Davon kann Italiens Nationalspieler Mario Balotelli ein Lied singen. Der 27-Jährige, in Palermo als Sohn ghanaischer Einwanderer geboren, wurde immer wieder rassistisch angefeindet.

UK Mario Balotelli | Rassismus im Fussball
Mario Balotelli plädiert für einen italienischen Teamkapitän mit afrikanischen WurzelnBild: picture-alliance/dpa/R. Parker

Vor der WM 2018, für die sich die Squadra Azzurra nicht hatte qualifizieren können, sprach sich Balotelli dafür aus, einen wie ihn, der aus Afrika stamme, zum Kapitän der Nationalelf zu machen - als "wichtiges Zeichen für alle Migranten, die nach Italien kommen". Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega, reagierte prompt. Ein Teamkapitän habe repräsentativ zu sein, sagte Salvini und wünschte Balotelli "viel Spaß bei der Arbeit, und zwar mit dem Ball".

DW Kommentarbild Stefan Nestler
Stefan Nestler Redakteur und Reporter