Frauenfußball ist keine andere Sportart | Sport | DW | 03.06.2020
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Sportwissenschaft

Frauenfußball ist keine andere Sportart

Schlechte Nachricht für die Chauvis an Fußball-Stammtischen: Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln stellen fest, dass Fußballerinnen genauso gut taktische Vorgaben umsetzen können wie Männer.

Nichts pflegt sich leichter als Vorurteile. Ein in der Macho-Welt des Fußballs häufig zu hörendes lautet: "Frauenfußball ist ja ganz nett, aber Fußball-Taktik ist definitiv kein weibliches Gen. Das können Männer eindeutig besser." Unsinn, sagt Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln im Gespräch mit der DW. Das Team des 48-jährigen Wissenschaftlers am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik hat die Daten von Fußballspielen beider Geschlechter analysiert: "Die Studie hat dokumentiert, dass die Spiele bei den Frauen und Männern im taktischen Bereich sehr ähnlich sind und gar nicht so verschieden, wie man immer meint", sagt Memmert.

Der Chauvi-Faktor, der bei den sonst üblichen Videoanalysen durchaus eine Rolle spielen kann, wurde eliminiert. "Wir haben nicht Menschen, sondern Maschinen die Daten auswerten lassen. Damit haben wir ausgeschlossen, dass geschlechtsspezifische Vorurteile einfließen." Analysiert wurden je sechs Länderspiele im Männer- und Frauenbereich - mit dabei die Nationalteams Deutschlands und weiterer europäischer Nationen wie Frankreich, Italien, Schweden oder auch Georgien.

Genauso gut gedribbelt, geflankt und gepresst

Die Computer zählten unter anderem Pässe, Flanken, Dribblings und Torabschlüsse. Neben diesen so genannten "Event-Daten" wurden die Positionsdaten der Fußballerinnen und Fußballer über die gesamte Spieldauer sekundengenau ausgewertet: Welches Team hat besser gepresst, welches den Raum durch seine Spielweise effektiver kontrolliert, welches war im letzten Angriffsdrittel zielstrebiger?

FIFA Frauenfußball WM 2019 Finale USA - Niederlande (Reuters/L. Nicholson)

Frauen dribbeln genauso häufig wie Männer: hier die Niederländerin Lieke Martens (2.v.r.) im WM-Finale gegen die USA

Und siehe da: Weder bei den Parametern, die auf den einzelnen Spieler oder die Spielerin abzielten, noch bei jenen, die das Verhalten der Mannschaft erfassten, gab es nennenswerte Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball. Anders gesagt: Fußballerinnen können taktische Vorgaben genauso gut umsetzen wie Fußballer. Oder genauso schlecht. Das Geschlecht spielt dabei jedenfalls keine Rolle.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauenfußballspiele ganz genauso aussehen müssen wie die Partien bei den Männern. Es gebe eben physiologische Unterschiede zwischen Mann und Frau, z.B. in puncto Kraft und Schnelligkeit, sagt Studienleiter Memmert. Doch darum sei es in der Analyse ja nicht gegangen. "Es ist wenig innovativ, physiologische Parameter miteinander zu vergleichen. Das macht man ja auch nicht im Tennis oder im Turnen. Wir wollten die Natur des Spiels in taktischer Hinsicht untersuchen."

Und dabei ließen sich eben keine nennenswerten Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball feststellen. Und welche praktischen Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Zum Beispiel, so Memmert, könnte man "vorsichtig sagen, dass sich das Taktiktraining zwischen Männern und Frauen nicht gravierend unterscheiden sollte".

"Mit Mythen aufgeräumt"

Deutschland | Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS-Pressestelle)

Professor Daniel Memmert will Vorurteile ausräumen

Die Studie der Sporthochschule Köln sei nur ein erster Aufschlag. Weitere Erhebungen müssten folgen. "Um etwa regionale Unterschiede herauszuarbeiten, war die Stichprobe zu klein. Mehr ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht seriös." Der Wissenschaftler appelliert an die Fußballverbände, den Frauenfußball nicht so stiefmütterlich zu behandeln wie bisher, sondern "die Daten so routinemäßig zu erheben, wie es im Männerfußball bereits geschieht".

Dann könnten Memmert und Co. vielleicht auch anderen dummen Sprüchen an männerdominierten Fußballstammtischen den Garaus machen. Immerhin, der Anfang ist gemacht, findet Daniel Memmert: "Wir haben mit Vorurteilen und Mythen aufgeräumt. Das ist wichtig, um Akzeptanz herzustellen. Die Leute sollen nicht mehr sagen: Frauenfußball ist ja eine ganz andere Sportart."

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