Frauen und Diplomatie - im Glauben für die Zukunft | Welt | DW | 10.11.2020
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Interreligiöser Dialog

Frauen und Diplomatie - im Glauben für die Zukunft

Wie hängen Geschlecht, Glaube und Diplomatie zusammen? Dieser Frage geht in Lindau am Bodensee Religions for Peace nach, die weltgrößte interreligiöse NGO. 600 Teilnehmende diskutieren virtuell.

Es geht um "Hate Speech", die Hassrede im Netz, es geht um die Rolle von Religionen in Konflikten und bei Konfliktbewältigung, vor allem aber geht es um den spezifischen Blick von Frauen auf politische Führung und Führungsverantwortung. Zum zweiten Mal nach 2019 kommt an diesem Dienstag eine viertägige Großveranstaltung von Religions for Peace (RfP) nach Lindau an den Bodensee.

Damit zielt die nach eigenen Angaben weltweit größte interreligiöse Nichtregierungsorganisation sehr grundsätzlich auf aktuelle Herausforderungen ab: auf die Abkehr von klassischer Diplomatie mit multilateraler, zwischenstaatlicher Verbindlichkeit, auf die Hinwendung zu Nationalismus und Populismus, auf die Hinwendung auch zu Gewalt.

Im August vorigen Jahres waren mehr als 900 Delegierte aus allen wichtigeren Religionen der Welt nach Lindau gekommen; Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die Teilnehmer begrüßt. In diesem Jahr findet die Veranstaltung größtenteils virtuell statt, im Internet.

Im 50. Jahr des Bestehens von RfP sorgt die Corona-Pandemie dafür, dass die Konferenz "Women, Faith & Diplomacy" (Frauen, Glaube und Diplomatie) nur in der Inselhalle der Bodensee-Stadt organisiert und zusammengeführt wird. Die Vorträge und Debatten aber sind ins Netz verlagert, sogar die Kaffee-Stunden zum Plaudern der rund 600 Delegierten aus 90 Ländern. RfP-Generalsekretärin Azza Karam, im vorigen Jahr als erste Frau überhaupt in dieses Amt gewählt, ist eine der wenigen, die aus dem Ausland anreiste. Am Donnerstag kam sie aus New York. Für sie und die kleine Schar der Aktiven am Tagungsort gibt es tägliche Corona-Tests und medizinische Begleitung.

Welt an einem "kritischen Punkt der Geschichte"

Karam sieht die Konferenz als Austausch und Ermutigung an einem für die Weltgemeinschaft heiklen Moment. "Der Austausch hier bietet uns die Gelegenheit, zu verstehen, dass wir alle miteinander an einem kritischen Punkt der Geschichte stehen. Nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen der Verschlechterung im Umweltbereich, die das Leben und den Alltag von hunderten Millionen Menschen trifft und nun auch das Gesundheitswesen herausfordert."

Karam, gebürtige Ägypterin mit niederländischem Pass und seit 20 Jahren mit Wohnsitz in den Vereinigten Staaten, befasst sich seit Jahrzehnten mit Fragen rund um Religion, Demokratie und Entwicklung, mit Menschenrechten und der Genderthematik. Von 2000 bis 2004 war sie bei Religions for Peace bereits als Direktorin eines weltweiten Netzwerks von Frauen tätig und beriet die Organisation bei interreligiösen Perspektiven im Nahen Osten.

Danach wurde sie bei den Vereinten Nationen Beraterin für die Bereiche Kultur und Religion. 2019 kehrte Azza Karam als Generalsekretärin zu der religiösen Dachorganisation zurück.

Portrait von Azza Karam, Secretary General Religions for Peace,

Azza Karam, Generalsekretärin von Religions for Peace

Im Vorfeld der Tagung betont sie immer wieder, dass diese nicht einfach eine weitere von zahlreichen Frauen-Konferenzen oder Konferenzen zum Thema Frauen sei. "Da wären wir definitiv nicht die erste. Man kann ja nicht mehr zählen, wie viele Konferenzen es da gibt." Ihr gehe es beim Tagungsthema "Frauen, Glaube und Diplomatie" um eine Verbindung, die weltweit relevant sei.

Heute gebe es Maßnahmen der politischen Führungen, "die nicht dem entsprechen, was wir uns vorstellen". Dagegen könnten "Menschen des Glaubens" heute auf Mikro- und Makro-Ebene für "eine neue Art der Führung und der Diplomatie" stehen.

"Religion von Männern dominiert"

Azza Karam verbindet ihre Agenda mit dem kritischen Blick auf den gegenwärtigen Zustand von Religion. "Religion ist heute häufig von Männern dominiert." Religiöse Institutionen hätten bei der Suche nach Lösungen und Kompetenzen lange Zeit "Priorität auf die Männer gelegt". Aber 90 Prozent der Arbeit werde von Frauen erbracht. "Sie sorgen dafür, dass Religionen überleben oder überhaupt ein inneres Leben haben." Frauen, auch Frauen in Führungspositionen, hätten einen anderen Leitungsstil und verstünden ihre Verantwortung stets auch als Dienst.

Als Beispiel dafür nennt Azza Karam mit regelrechter Hochachtung die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Sie ist ein großartiges Vorbild für sehr, sehr viele Frauen in der Welt. Übrigens auch für viele Männer." Denn Karams Anspruch eines "alternativen Führungsstils" – das ist ihr wichtig – gelte für Frauen und Männer. Es gehe um Aufmerksamkeit und Sensibilität für Menschen und Themen.

Video ansehen 26:06

Glaubenssachen - Frauen als Peacemaker - 50 Jahre Religions for Peace

Gesprächspartner und vor allem -partnerinnen aus zahlreichen Regionen sollen während der kommenden Tage deutlich machen, wie solche Beiträge heute aussehen und darüber diskutieren. Dazu zählen unter anderem weibliche Abgeordnete aus arabischen Ländern, eine katholische Ordensfrau aus Nigeria, Menschenrechtlerinnen und Umweltexpertinnen aus Kamerun, Sambia, anderen afrikanischen Ländern und auch aus Asien oder Lateinamerika, vom Balkan und aus dem Nahen Osten, eine Bischöfin aus Schweden, und immer wieder Teilnehmende, die in der Wissenschaft oder federführend im interreligiösen Dialog tätig sind.

Am Beginn der Tagung stehen Grußworte von UN-Generalsekretär Antonio Guterres und seitens der Bundesregierung. Das Auswärtige Amt ist an Organisation der Veranstaltung beteiligt.

Friedenssymbol aus Holz: "Ring for Peace"

Bei einer kleinen gemeinsamen Feier "Peace and light" wird am Mittwochabend der "Ring for Peace" im Mittelpunkt stehen. Diese kunstvoll gearbeitete, überdimensionale Holzskulptur hatte Religions for Peace im vorigen Jahr als dauerhaftes Zeichen im Inselpark von Lindau enthüllt. Im August 2019 war für viele der delegierten Männer und Frauen aus verschiedenen Erdteilen und Religionen das Verweilen an diesem Symbol des Zusammenhalts ein Höhepunkt der fünf Tage am Bodensee.

Lindau Interreligiöses Treffen im Allgäu

Friedenssymbol aus Holz: der 7,50 Meter hohe "Ring for Peace"

Sikhs und Buddhisten, Hindus und Juden, Muslime und Christen unterschiedlicher Bekenntnisse, auch Vertreter verschiedener indigener Traditionen waren zusammengekommen, um diesen besonderen Moment zu teilen. In diesem Jahr werden sie die Feier an der Holz-Skulptur im Livestream verfolgen.

Wegen Corona wurde die Lindauer Inselhalle als Zentrum der Tagungsarbeit zum Ort virtueller Vernetzung hochgerüstet. Die Pandemie prägt aber auch die Ausrichtung der Konferenz, führt Azza Karam aus: "Wir stehen an einem Moment, an dem wir als Menschen und Menschenfamilie zusammenstehen und erkennen müssen, dass die Bedrohung eines einzelnen eben eine Bedrohung gegen alle ist. Und zur gleichen Zeit ist das ein besonderer Moment für die Diplomatie." Bis Freitag ist Lindau dafür die virtuelle Bühne.

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