Frauen-Bundesliga droht keine Massenpleite - noch nicht | Sport | DW | 05.04.2020
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Frauen-Bundesliga in der Corona-Krise

Frauen-Bundesliga droht keine Massenpleite - noch nicht

Wie bei den Männern ruht auch im Frauenfußball wegen der Corona-Krise der Spielbetrieb. Trotz der generell wesentlich angespannteren finanziellen Situation fürchtet noch niemand eine Pleitewelle von Klubs.

Der europäische Fußball ruht. Hier gibt es ausnahmsweise mal keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball. Der Spielbetrieb ist gleichermaßen betroffen, die Folgen könnten jedoch ganz unterschiedlich ausfallen, im Zweifel mit gravierenderen Folgen für den wirtschaftlich nicht konkurrenzfähigen Frauenfußball. In Deutschland pausiert der Profifußball definitiv bis Ende April. Verlängerung nicht ausgeschlossen. "Wir alle hoffen sehr, dass sich während der Spielpause bis zum 30. April die gesundheitlichen und behördlichen Aspekte so positiv entwickeln, dass die Vereine baldmöglichst wieder ins Training einsteigen können und dass das Programm der Restsaison terminiert werden kann", sagt der Vorsitzende des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen und Manager des 1. FFC Frankfurt, Siegfried Dietrich.

Die Saison soll zu Ende gespielt werden, egal wie. Auch im Frauenfußball stehen dafür so genannte Geisterspiele im Raum. "Für die Frauen-Bundesliga könnten Spiele ohne Zuschauer ein realistischer Rettungsanker sein, um zumindest im Rahmen medialer Präsenz attraktive Spiele zu zeigen und sportliche Entscheidungen herbeizuführen", sagt DFB-Direktorin Heike Ullrich, im Präsidium des Verbands für Frauen- und Mädchenfußball verantwortlich. Ziel sei es, die Liga bis zum 30. Juni "durchzuführen und abzuschließen." Die finanziellen Einbußen eines Saisonfinales ohne Publikum wären für den Frauenfußball wohl überschaubar, da die Spieltags-Einnahmen bei einem nicht mal vierstelligen Zuschauerschnitt (Saison 2018/19) selbst in der höchsten deutschen Spielklasse eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Im Zweifel für den Männerfußball

Eine untergeordnete Rolle spielt auch mal wieder der Frauen- gegenüber dem Männerfußball. Als dort die vier Champions-League-Teilnehmer aus München, Dortmund, Leipzig und Leverkusen finanzielle Hilfen von bis zu 20 Millionen Euro für die restlichen 32 Klubs unter dem Dach der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Aussicht stellten, war von Solidarität gegenüber dem Frauenfußball nichts zu hören oder lesen.

EM-Qualifikation - Gruppe E - Wales gegen Ungarn (Reuters/Actions Images/A. Boyers)

Das EM-Turnier scheint bei der UEFA Vorrang zu genießen - wohl auch, weil es die höheren Einnahmen verspricht

Laut einer Mitteilung des dänischen Fußballverbands DBU hat die UEFA in einer Videoschalte mit allen 55 Mitgliedsverbänden beschlossen, die ursprünglich für 2021 geplante Frauen-Europameisterschaft in England auf 2022 zu verlegen. Grund sind die Verschiebungen der Männer-EM und der Olympischen Spiele von 2020 auf 2021. Der Frauenfußball muss also den Platzhirschen weichen. Die Priorisierung der UEFA ist deutlich: im Zweifel für den Männerfußball. Dabei hatte die UEFA noch 2019 den Frauenfußball als "wesentlichen Bestandteil" ihrer Strategie für die nächsten fünf Jahre bezeichnet.

Keine akute Gefährdung

Martina Voss-Tecklenburg sieht eine Verschiebung der EM auf 2022 eher gelassen. "Wenn wir vielleicht unsere EM verschieben müssen, glaube ich, dass das für das Turnier gut ist, damit wir dementsprechend auch die Aufmerksamkeit haben", sagte die Frauen-Bundestrainerin im ZDF. Auch Teamkapitänin Alexandra Popp gewinnt der Situation etwas Gutes ab. "Eine Verlegung um ein Jahr könnte sogar ein Vorteil für uns sein: Dann hätten wir noch mehr Zeit, um unsere junge Mannschaft zu entwickeln”, sagte Popp dem Fachmagazin "Kicker". Die 28-Jährige verdient ihr Geld beim verhältnismäßig finanzstarken deutschen Branchenprimus VfL Wolfsburg. Doch selbst beim deutschen Meister tagt wegen der Corona-Krise derzeit der Krisenstab.

"Sportliche Leitung, Trainerteam und Mannschaft befinden sich bei uns in einem regelmäßigen Austausch. Unsere Spielerinnen haben Trainingspläne erhalten, nach denen sie sich in ihrer häuslichen Umgebung individuell fit halten", sagt Dirk Zilles, Pressesprecher der Frauenfußball-Abteilung des Klubs, der DW. Der Spielbetrieb des Frauenteams sei nicht gefährdet. Noch nicht. Das gilt auch für weniger solvente Klubs. “Wir sind nicht akut gefährdet”, erklärt etwa Florian Zeutschler, Geschäftsführer des Bundesligisten SGS Essen, gegenüber der DW: "Hier handelt es sich aber um eine aktuelle Bewertung."

Stumpfes Schwert

Auf existenzgefährdende Szenarien ist man in Essen vorbereitet: “Aktuell haben wir noch keine finanzielle Krise. Die Pläne für Maßnahmen liegen also noch in der Schublade”, skizziert Zeutschler die Lage des Vereins. Im Etat der SGS Essen sind für die Gehälter der Spielerinnen rund 750.000 Euro eingeplant, nicht mal ein Viertel dessen, was der VfL Wolfsburg für seine Fußballerinnen ausgeben kann (ca. 3,5 Millionen Euro). Wie vielerorts im Sport sind auch beim Bundesligisten aus Essen Gehaltskürzungen für Mitarbeiter und Spielerinnen wegen der Corona-Krise kein Tabu mehr. "Wir haben mit unseren Spielerinnen gesprochen und sie über die Möglichkeiten informiert. Wir werden alles dafür tun, sie davor zu bewahren", sagt Geschäftsführer Zeutschler.

Die Wirkung bliebe allerdings wohl überschaubar, da die Frauen von den Millionengehältern männlicher Fußballer nur träumen können. So spart der italienische Renommierklub Juventus Turin durch den mit Cristiano Ronaldo und Co. ausgehandelten "temporären Gehaltsverzicht" alleine über einen Zeitraum von vier Monaten etwa 90 Millionen Euro.

FIFA Frauen-WM 2019 | Deutschland vs. Schweden | Alexandra Popp (Imago Images/Bildbyran)

"Eine Verlegung um ein Jahr könnte sogar ein Vorteil für uns sein", sagt Alexandra Popp

"Über einen Gehaltsverzicht diskutieren wir nicht", sagte Siegfried Dietrich, Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Der Verdienst der Frauen im Fußball ist mit den Dimensionen bei den Männern überhaupt gar nicht vergleichbar. Die Spielerinnen sind die Hauptakteurinnen, die jeden Cent verdienen und auch für ihren Lebensunterhalt brauchen." Ähnlich äußerte sich Rolf Kutzmutz, Präsident von Turbine Potsdam, gegenüber der "ARD-Sportschau": "Außer einer symbolischen Geste würde das gar nichts bringen." Während sich die Spielerinnen also tief ins eigene Fleisch schneiden würden, wäre ein Gehaltsverzicht im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise für die Frauenfußball-Klubs wohl nur ein stumpfes Schwert.

FIFPro: Frauenfußball darf nicht vernachlässigt werden

Die Spielergewerkschaft FIFPro, die weltweit rund 50.000 Profis vertritt, sieht den Frauenfußball insgesamt gefährdet. "Wir sind zutiefst besorgt darüber, dass das jüngste Wachstum des Frauenfußballs infolge dieser globalen Gesundheitskrise verlangsamt oder sogar rückwärts getrieben wird", sagt Amanda Vandervort. Die US-Amerikanerin, in der FIFPro für den Frauenfußball zuständig, sieht den von vielen Vereinen geforderten Gehaltsverzicht seitens der Spielerinnen und Spielern kritisch. Es gebe für die Klubs durchaus Alternativen, um die Krise zu überstehen, "von staatlichen Beihilfen der nationalen Regierung bis hin zu einem globalen Hilfsprogramm, das die FIFA aktuell diskutiert." Die Hilfsmaßnahmen müssten für Männer- und Frauenfußball gleichermaßen gelten - "um sicherzustellen, dass das Spiel der Frauen effektiv einbezogen, unterstützt und nicht vernachlässigt wird."

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