Frankfurt profitiert nicht direkt vom Brexit | Wirtschaft | DW | 21.11.2017
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Brexit

Frankfurt profitiert nicht direkt vom Brexit

Die noch in London ansässige Europäische Bankenaufsicht EBA wird nicht nach Frankfurt, sondern nach Paris wechseln. Doch das können die Hessen verschmerzen, denn da gibt es noch andere Optionen.

Am Finanzplatz Frankfurt gibt man sich als guter Verlierer: Die Europäische Bankenaufsicht EBA wird nicht, wie von vielen in Frankfurt gewünscht, von London an den Main ziehen, sondern an die Seine. Das ist seit Montagabend klar.

Lutz Raettig, Präsident der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, gratulierte Paris zur Ansiedlung der EBA, auch wenn er immer noch der Auffassung sei, Frankfurt erfülle insgesamt die Kriterien der Vergabe am besten. Die Entscheidung für Paris sei offenbar eine politische gewesen zugunsten des Prinzips einer EU-weiten Verteilung der Institutionen.

EZB, Eiopa, EMSA und die EBA …

Dennoch ist es ein herber Rückschlag für Frankfurt. Die EBA ist zwar mit 220 Beschäftigten - externes Personal eingeschlossen -  eine kleine EU-Behörde, aber es wäre als Signal für den Standort Frankfurt wichtig gewesen, sie an den Main zu holen, hört man in Bankenkreisen. Denn wenn man die Finanzaufsichtsbehörden geschlossen nach Frankfurt geholt hätte, hätte man die Chance auf einen effektiveren Zuschnitt der Aufsichtsbehörden gehabt. Dabei war etwa davon die Rede gewesen, die operative Bankenaufsicht der EZB mit der normativen Aufsicht der EBA in einer Behörde zu bündeln.

Denn Nachteil der Bankenaufsicht bei der EZB ist ja, dass die Notenbank immer wieder in der Diskussion ist, ob ihre Geldpolitik wirklich unabhängig ist - auch wenn die Bankenaufsicht räumlich und organisatorisch weitgehend getrennt ist von der eigentlichen Notenbank. In jüngerer Zeit hatte man auch über eine Bündelung der Banken mit der Versicherungsaufsicht Eiopa nachgedacht, die ihren Sitz ebenfalls in Frankfurt hat. In Paris ist hingegen die Europäische Wertpapier- und Aufsichtsbehörde ESMA angesiedelt. 

Nicht die Aufsicht kommt, aber andere Banken …

Dass als Folge nun weniger Banken nach Frankfurt kommen könnten, diese Sorge hat man am Finanzplatz nicht. Am Montag schon hatte sich Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg, zuversichtlich gegeben: "Durch den Brexit wird die Stadt als Finanzplatz noch weiter an Bedeutung gewinnen - und das unabhängig von  der Entscheidung."

15 Banken haben dem Vernehmen nach bei der deutschen Finanzaufsicht BaFin inzwischen einen Antrag auf Erteilung einer Banklizenz gestellt. Die Behörde bestätigt das nicht. Darunter sollen aber vier japanische Banken, vier große amerikanische, die Silicon Valley Bank und die südkoreanische Woori Bank sein. Unter den vier großen amerikanischen ist auch Goldman Sachs, die allerdings auch in Paris einen weiteren kontinentaleuropäischen Standort eröffnen wollen.

JP Morgan ist zwar schon in Frankfurt vertreten, will aber, so hört man, offenbar sein Geschäft ausweiten. Bisher betreiben die Amerikaner vor allem Unternehmensgeschäft in Frankfurt, wollen sich aber nun auch im Handelsgeschäft engagieren. 

Wieviel Mitarbeiter ihren Wohnsitz an den Main verlegen werden ist ebenfalls noch unklar: Wenn diese 15 Banken zwischen 200 und 300 Mitarbeiter einstellen würden, käme man auf etwa 3000 bis 5000 Jobs, rechnet Oliver Wagner vor, Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken. Die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance hatte diese Zahl bisher auf insgesamt etwa 10.000 geschätzt - dabei war die EBA-Ansiedlung Voraussetzung.

… und möglicherweise auch Geschäfte

Aber nicht nur sie: Auch das Geschäft mit dem Euro-Clearing wird aus London verlagert werden, ein billionenschweres Derivategeschäft. Auch das ist noch nicht endgültig ausgemacht. Allerdings hat die Deutsche Börse im Oktober ein Konzept vorgestellt, mit dem sie die Banken locken will, dieses Geschäft nach demBrexit nach Frankfurt zu verlagern.

Die zehn größten Kunden sollen künftig am wirtschaftlichen Erfolg des Clearinggeschäfts beteiligt werden. Etwa 20 Marktteilnehmer aus den USA, Großbritannien und Kontinentaleuropa hätten sich inzwischen für eine Teilnahme entschieden, sagte Eric Müller, Chef der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing, dem Handelsblatt. Banken, die weltweit "für 80 bis 90 Prozent des Volumens am Markt für Zinsswaps stehen", seien an Bord.

Auch die britische LCH will über ihre Tochter in Paris an diesem Geschäft teilhaben. Doch noch hat sie kein Angebot vorgelegt. Da könnte es also zu einem Wettlauf zwischen beiden kommen, vermuten Banker. "Es ist gut, dass die Deutsche Börse da handelt", sagt Oliver Wagner vom Verband der Auslandsbanken. Sollte sich das Clearinggeschäft erst einmal an einem Platz neu etablieren, könnten auch andere folgen - wie etwa das Währungsgeschäft. Nicht nur die Banker in Frankfurt beobachten also mit Spannung, wer in diesem Wettlauf gewinnen wird. Entschieden ist der noch nicht.

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