Frank Wedekind: Dramaturg und Bürgerschreck | Bücher | DW | 09.03.2018
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Bücher

Frank Wedekind: Dramaturg und Bürgerschreck

Er brach alle moralischen Tabus, wegen Majestätsbeleidigung saß er in Festungshaft. Dennoch war Frank Wedekind einer der meistgespielten Dramatiker seiner Zeit. Vor 100 Jahren starb der Freigeist.

Man schreibt das Jahr 1891, als der damals 27-jährige Frank Wedekind das gesellschaftskritische Theaterstück "Frühlings Erwachen" im Eigenverlag veröffentlicht. Es geht um Sexualität in der Pubertät, um Sadomasochismus, Homosexualität, Verführung und Abtreibung. Jahrelang liegt das Drama als unaufführbar in der Schublade. Als es 1906 - mit etlichen gestrichenen Stellen, die als zu obszön gelten - dann doch in München Premiere feiert, schlägt es ein wie eine Bombe. Es ist Wedekinds künstlerischer Durchbruch, fortan kennt jeder seinen Namen, doch das Bürgertum ist entsetzt: ein Skandal!

"Frühlings Erwachen" ist nicht das einzige Stück Wedekinds, das als unsittlich gebrandmarkt und zeitweise verboten wird. Zeit seines Lebens kämpft er gegen die bürgerliche Moral. 1904, da ist er 40 Jahre alt, schreibt er an eine Freundin: "Mit der Literatur bin ich fertig. Die halsstarrige Abneigung des großen Publikums gegen mich würde ich auch in den kommenden zehn Jahren (...) kaum besiegen." Er kann es dann aber doch nicht lassen und greift immer wieder zur spitzen Feder.

Sechs nackte Männer stehen mit dem Rücken zum Betrachter (picture alliance/dpa)

"Frühlings Erwachen" im Jahr 2008 in einer Inszenierung von Claus Peymann am Berliner Ensemble

Behütete Kindheit im Schloss

Benjamin Franklin Wedekind erblickt am 24. Juli 1864 als zweites von sechs Kindern das Licht der Welt. Sein Vater, ein Arzt, benennt ihm nach dem US-Präsidenten, war er doch als ehemaliger Paulskirchenabgeordneter nach der gescheiterten 1848er Revolution nach San Francisco ausgewandert und hatte dort mit Grundstücksspekulationen während des Goldrausches ein Riesenvermögen gemacht. Dort heiratete Wedekind Senior die Schauspielerin Emilie Kammerer, die Tochter des Streichholz-Erfinders, und kehrte 1864 mit ihr nach Hannover zurück. Doch die Familie bleibt nicht lange: Als Gegner des Wilhelminischen Kaiserreichs siedelt Friedrich Wilhelm Wedekind mit Frau und Kindern 1871 in die Schweiz um. Man residiert im Schloss Lenzburg im Kanton Aargau.

Dichten für "Maggi"

Der junge Benjamin Franklin schreibt schon während seiner Gymnasialzeit fleißig Gedichte und gründet den Dichterbund "Senatus". Später studiert er Literatur in Lausanne und, auf Wunsch des Vaters, Jura in Zürich und München. Als der Vater erfährt, dass sein Sohn seine Zeit lieber in Cafés und Theatern verbringt als an der Universität, streicht er dem Filius die monatlichen Schecks.

Zu dieser Zeit lernt der junge Wedekind den Schweizer Fabrikanten Julius Maggi kennen, der ihn als Reklametexter einstellt. Der 22-Jährige reimt Texte wie: "Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat, dieweil man bei der Infanterie nicht Maggi-Suppen hat. - Söhnchen, mein Söhnchen! Kommst Du erst zu den Truppen, so ißt man dort auch längst nur Fleischconservensuppen."  

Ein junges Mädchen trägt eine überdimensionale Maggi-Flasche (picture-alliance/dpa/Fotoreport Maggi)

Poesie mit Würze: Frank Wedekind dichtet 1886 für Maggi

Doch Wedekind will mehr, als Reklamesprüche dichten. Er bringt erste journalistische Artikel bei der Neuen Zürcher Zeitung unter, arbeitet als Theaterdramaturg und heuert als "Sekretär beim Zirkus" an. Als sein Vater 1888 stirbt, erbt er eine beachtliche Summe und muss nun nicht mehr jeden Pfennig umdrehen. Er wechselt seien Wohnsitze, lebt mal in Berlin und Zürich, mal in London und Paris. In München ist er Stammgast im Café Luitpold, in Paris im Moulin Rouge.

"Ein Schlag ins Gesicht der wilhelminischen Gesellschaft" 

Endlich hat er genug Zeit zum Schreiben: Er verfasst "Frühlings Erwachen" und "Der Erdgeist". In einer Pariser Dachstube beginnt er mit seinem Drama "Lulu", basierend auf dem "Erdgeist" und der "Büchse der Pandora", an dem er 21 Jahre arbeitet und das bis heute zu seinen Hauptwerken zählt. Es ist die Geschichte einer notorischen Ehebrecherin, die als Kind vom eigenen Vater missbraucht wurde und als erwachsene Frau zahlreiche Herzen bricht. Am Ende landet sie in einem Luxusbordell in Paris, wo sie von dem berüchtigten Frauenmörder Jack the Ripper erstochen wird. "Wedekinds Skandaldrama ist ein Schlag ins Gesicht der wilhelminischen Gesellschaft, ein Fanal für die Selbstbestimmung des Menschen jenseits moralischer Zwänge und gegen die Ausbeutung der Frauen durch die Männer - und Anlass für etliche Gerichtsverfahren", schreibt ein Rezensent viele Jahrzehnte später.

Bühnenszene Gertrud Eysold und Frank Wedekind in Erdgeist. (picture-alliance/akg-images)

Dr. Schön (Frank Wedekind) macht Lulu (Gertrud Eysold) im Theaterstück "Erdgeist" zu seiner Geliebten

Spottverse gegen die Obrigkeit

In München  gehört Frank Wedekind 1896 zu den Mitbegründern der satirischen Wochenzeitschrift "Simplicissimus", die Kaiser, Militär, Klerus sowie Preußen- und Beamtentum gleichermaßen angreift. Die Spottverse "Meerfahrt" und "König David" über eine Reise Kaiser Wilhelms II. nach Palästina wird Wedekind  findet das Herrscherhaus gar nicht amüsant. Wegen Majestätsbeleidigung sitzt Wedekind sechs Monate in der Festung Königstein in Sachsen ein, dann wird er begnadigt. Während der Haft prägt er mehrere Bonmots, darunter: "Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet."

Anfang des 20. Jahrhunderts versucht sich Wedekind auch als Schauspieler - er tritt vor allem in eigenen Stücken auf. Im Münchner Kabarett "Die Elf Scharfrichter", das Heuchelei und Scheinmoral anprangert, steht Wedekind auf der Bühne und singt dort eigene Lieder und Balladen.

Frank Wedekind mit seiner Frau Tilly Wedekind in einer Szene des Stücks Der Erdgeist (picture-alliance/dpa)

Frank Wedekind mit seiner Frau Tilly 1913 an den Berliner Kammerspielen: Auf dem Programm steht "Der Erdgeist"

Spätes privates Glück

Nicht nur in seinen Werken, auch privat hält Wedekind nichts von sittlichen Konventionen. Er hat Kinder von mehreren Frauen; auch aus einer Affäre mit Frida, der Gattin August Strindbergs, geht ein Sohn hervor. 1905 lernt der Dramatiker dann die 20 Jahre jüngere Schauspielerin Tilly Newes kennen, die die Titelrolle in "Lulu" spielt. Es ist die große Liebe, nur ein Jahr später treten die beiden vor den Traualtar, bekommen zwei Töchter.

Immer wieder steht das Paar gemeinsam auf der Bühne. Doch dann hat Wedekind eines Tages Bauchschmerzen: Er wird ins Krankenhaus eingeliefert und stirbt 1918 an den Folgen einer missglückten Blinddarmoperation. Und bis ins Grab ist der Dramaturg für einen Skandal gut: Bei der Beerdigung auf dem Münchner Waldfriedhof geben etliche Prostituierte dem Dichter das letzte Geleit.

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