″Frühwarnsystem muss verbessert werden″ | Asien | DW | 01.10.2018
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Asien

"Frühwarnsystem muss verbessert werden"

Der Tsunami in Indonesien wurde möglicherweise wegen fehlender geologischer Daten unterschätzt, erläutert der Experte Widjo Kongko im DW-Interview. Dennoch hätte der Alarm nicht so früh beendet werden dürfen.

DW: Was war die Hauptursache für den Tsunami, der die Städte Donggala und Palu im Nordwesten der Insel Sulawesi überspült hat?

Widjo Kongko: Darüber spekulieren Experten derzeit noch. Die Richtung der Bewegung an den tektonischen Verwerfungen oder Plattengrenzen, die das  Beben auslöste, wies zum Ozean. Diese Richtung ist noch nicht deutlich kartographiert, möglicherweise gibt es eine weitere Plattengrenze. Wir wissen bislang noch nicht, welche Plattengrenzen sich wo genau in diesem Seegebiet befinden, das ist bislang nicht erforscht worden.

Das Beben war das Resultat einer sogenannten Blattverschiebung der beteiligten tektonischen Platten, die sich in diesem Fall aneinander vorbei schieben.  Diese Art von Plattenbewegung führt normalerwiese nicht zu einem großen Tsunami. Das Erdbeben von Padang an der Westküste Sumatras von 2012 zum Beispiel  hatte eine Stärke von 8,4 bis 8,7, aber nur eine Flutwelle von 30-40 Zentimeter Höhe zur Folge. Das jetzige Beben von Palu  war schwächer, aber erzeugte einen Tsunami von zwei bis drei Metern Höhe, was eine völlige Überraschung war. Nach den Berechnungen hätte er nur eine Höhe von einem halben bis einen Meter erreichen sollen. Es ist jetzt wichtig herauszufinden, ob es nur eine Ursache oder mehrere für diesen Tsunami gab, damit wir für künftige Fälle besser gewappnet sind. 

Indonesien Widjo Kongko (Privat)

Tsunami-Experte Widjo Kongko: Weder Gesetze zur Katastrophenprävention noch die vielerorts installierten Frühwarnsysteme haben signifikante Resultate gezeigt

Hat die Regierung aus den bisherigen Beben und Tsunamis nicht genug gelernt und sich nicht  ausreichend auf solch einen Katastrophenfall vorbereitet?

Es ist eine Herausforderung für uns alle. Das entsprechende Gesetz wurde erst nach der Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004 erarbeitet, bei der die Provinz Aceh verwüstet wurde. Wir Indonesier sind an Katastrophen gewöhnt, wir akzeptieren, dass wir in einer Region leben, die oft von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Eben darin besteht die Herausforderung für uns.

Seit 1900 gab es dreimal einen Tsunami in Palu und Donggala. Wissenschaftler haben sie untersucht, es gibt diverse Veröffentlichungen über die Palu-Koro-Verwerfung. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen in das Regierungshandeln einfließen. Wir Wissenschaftler fordern die Regierung dringend auf, insbesondere  das Amt für Meteorologie, Klimaforschung und Geophysik (BMKG)  und die nationale Katastrophenschutzbehörde (BNPB), mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten,  um in Zukunft eine besseres Katastrophenmanagement zu erzielen.

Zehn Jahre nach dem Mega-Tsunami war das Gesetz über Katastrophenmanagement und –prävention in Kraft  und wir hatten Erdbebensensoren in jeder Provinz und in vielen Kreisen installiert. Aber diese Maßnahmen haben noch keine signifikanten Resultate erbracht, wie sich gerade erst im August beim Beben in Lombok gezeigt hat. Die Lokalbehörden brauchen immer noch massive Unterstützung für ihr Katastrophenmanagement, wie auch jetzt in Palu und  Donggala. Wir müssen uns auf die Verbesserung des Frühwarnsystems konzentrieren, das meiner Meinung nach nicht optimal funktioniert. Hier gibt es noch eine Menge für die Regierung zu tun. Man könnte schon sagen, dass die Regierung hier versagt hat.

Symbolbild Erdbeben vor Indonesien Seismogramm (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Bei der Tektonik vor Indonesien gibt es noch viel zu erforschen

Was könnte die Regierung im Bereich technischer Verbesserungen tun?

Mein Vorschlag ist, dass wir uns nicht nur auf Sensoren an Land verlassen, sondern solche auch auf dem Meeresgrund installieren. Wir haben bereits einmal einen seegestützten Sensor installiert, es gab damit aber dann Probleme wegen Vandalismus und ähnlichem. Man könnte dem vorbeugen, indem man Glasfaser einsetzt, was sicherer wäre.  Ein Sensor auf dem Meeresboden müsste Teil des zentralen Frühwarnsystems sein. So könnte ein Beben mit potentieller Tsunami-Gefahr schneller als bisher an die gefährdeten Küsten und Regionen gemeldet werden. 

Was sagen Sie dazu, dass die Tsunami-Warnung kurz nach dem Beben vor Palu beendet wurde?

Nach meinen Berechnungen, die auf nur einem Modell beruhten, hätte die Flutwelle die Strände von Danggalu und Palu binnen fünf bis zehn Minuten (nach den ersten Erdstößen) erreichen sollen, und den Bezirk Mauju weiter im Süden der Küste von Sulawesi 30 bis 35 Minuten später. Dieses Modell war aufgrund der vorhandenen Felddaten validiert worden. Weil jedoch der Tsunami, mit dem man aufgrund des Hauptbebens gerechnet hatte, nicht eintraf, wurde der Frühwarnalarm wieder beendet. Der Tsunami kam mit Wucht aber nicht lange danach. Dafür gab es möglicherweise – wie schon erwähnt - nicht nur eine Ursache. Nach meiner Analyse gab es nach dem ersten Beben eine Spaltenbildung. Nach der relativ heftigen Folge von Nachbeben wurde aus dieser Spalte ein unterseeischer Erdrutsch, der den Tsunami auslöste. Diese Theorie muss noch geprüft werden, das wird Zeit brauchen. Aber ich glaube, dass der Tsunami-Alarm zu früh aufgehoben wurde. Er hätte eine Stunde lang aktiv bleiben müssen.

Widjo Kongko ist Tsunami-Experte am indonesischen Institut für Technologiefolgenabschätzung (BPPT)

 

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