Folterknecht Walther Klug Rivera vor Auslieferung | Welt | DW | 25.06.2021
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Lateinamerika

Folterknecht Walther Klug Rivera vor Auslieferung

Am 12. Juni wurde Walther Klug Rivera in Buenos Aires verhaftet, nun überstellt Argentinien den Verbrecher der Pinochet-Diktatur nach Chile. Wer ist der Mann?

Chile Bildergalerie Überlebende Dikatur | Ausstellung Fotojournalist José Giribás

Ausstellung in einem Gefängnis und Folterzentrum in Santiago, Chile

Idyllisch schlängelt sich der Rhein an Vallendar vorbei, einem 9000 Einwohner-Städtchen in Rheinland-Pfalz. Zum bekannten Ausflugsziel Deutsches Eck bei Koblenz sind es nur wenige Kilometer, dort, wo Rhein und Mosel zusammenfließen und dem deutschen Kaiser Wilhelm I. ein Denkmal gesetzt wurde. Der perfekte Ort für einen Tagestrip, ein schöner Ort zum Leben. Und für Walther Klug Rivera ab 2014 der ideale Ort zum Untertauchen.

Mehr als vier Jahre lebt der Deutsch-Chilene, dessen Großvater aus Deutschland stammt, unbehelligt in Vallendar. Und tut alles dafür, ja nicht aufzufallen. Zahlt pünktlich seine Miete, in bar, und auch gerne mal im voraus, wenn er mal für ein paar Wochen verschwindet. Immer höchst korrekt, nur mit der deutschen Sprache tut sich Klug Rivera schwer.

Geld ist ausreichend vorhanden: Als pensionierter Offizier streicht er jeden Monat 1500 Euro plus diverse Zulagen ein, der chilenische Staat lässt sich nicht lumpen. Das ist weitaus mehr als ein mittleres Einkommen in Chile. Und das, obwohl Klug Rivera ein wegen mehrfachen Mordes verurteilter Straftäter ist.

Deutschland als sicherer Hafen für Verbrecher?

Und Deutschland? Schaut lieber weg, obwohl der Aufenthaltsort längst kein Geheimnis mehr ist. Jan Korte, der parlamentarische Geschäftsführer der Linken-Fraktion, sagt gegenüber der DW: "Ich finde es skandalös und bezeichnend, dass Klug Rivera trotz Interpol-Fahndungsersuchen, das sowohl dem BKA als auch der Bundesregierung seit 2015 bekannt war, bis 2019 völlig unbehelligt in Vallendar am Rhein leben konnte."

Jan Korte DIE LINKE

"Klug Rivera und andere deutschstämmige Diktaturverbrecher dürfen sich in Deutschland in Sicherheit wähnen" - Jan Korte

Das Verschwindenlassen müsse auch in Deutschland als eigener Straftatbestand eingeführt werden, um künftig Straflosigkeit zu verhindern. "Da Deutschland eigene Staatsbürger nicht ausliefert, besteht die Pflicht und Verantwortung, dass die hiesige Justiz endlich in solchen Fällen - und es geht hier ja immerhin um mehrfachen Mord - konsequent eigene Ermittlungen aufnimmt", so Korte, "solange dies nicht passiert, werden Leute wie Klug und Hartmut Hopp, der Arzt der Colonia Dignidad,oder der deutsch-argentinische Folterer Luis Esteban Kyburg die Bundesrepublik weiter als sicheren Hafen nutzen."

Folter und Mord an chilenischen Oppositionellen 

Denn Chile ist für Walther Klug Rivera im Oktober 2014 längst kein sicherer Hafen mehr, der Oberste Gerichtshof verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Haftstrafe. Die Justiz in Santiago sieht es als erwiesen an, dass der Militär von September bis November 1973 am Mord und Verschwindenlassen von 23 Arbeitern aus zwei Wasserkraftwerken in der Nähe von Santa María de los Ángeles beteiligt gewesen ist.

Übersetzt heißt die 200.000-Einwohner Stadt "Heilige María von den Engeln", doch auf viele Chilenen wartet vor knapp 50 Jahren nichts anderes als die Hölle. General Augusto Pinochet, der sich am 11.September 1973 an die Macht geputscht hat, lässt im Süden Chiles ein Gefangenen- und Folterlager errichten. Die Drecksarbeit soll ein 23-jähriger Oberleutnant erledigen. Sein Name: Walter Klug Rivera.

Chile | Augusto Pinochet, Jose Toribio MerinoCastro, Gustavo Leigh Guzman | 1973

"Für die Wiederherstellung des Landes" - Augusto Pinochet am 20.September 1973 mit seiner Militärjunta

In den Pferdeställen des 3. Infanterieregiments werden Hunderte oppositionelle Gefangene, die für den Diktator nichts anderes sind als subversive Kräfte, gefoltert und ermordet. Unter ihnen ist auch der Studentenführer vom Kommunistischen Jugendverband, Luis Cornejo Fernández. Klug Rivera leistet ganze Arbeit, Überlebende beschreiben ihn als besonders brutal und sadistisch. Das Regime belohnt ihn standesgemäß: Er klettert auf der militärischen Karriereleiter nach und nach bis zum Oberst hinauf.

Flucht nach Deutschland, zunächst Fluchtende in Italien

Als Klug Rivera ein halbes Jahrhundert später seine Vergangenheit einholt, erinnert er sich an seinen Großvater. Und beantragt bei der Deutschen Botschaft in Santiago einen deutschen Pass. Das Auswärtige Amt zieht sich darauf zurück, dass die Auslandsvertretungen nur einen Blick in die deutschen Fahndungsbücher werfen würden. Mit den Fahndungslisten der Gastländer finde dagegen kein Abgleich statt.

Dreiländer Eck Koblenz

Beliebtes Ziel von Touristen: das Deutsche Eck bei Koblenz

Wahrscheinlich würde Klug Rivera auch noch heute in Vallendar leben, doch Anfang 2019 wird er leichtsinnig. Zusammen mit seiner Frau besucht er Parma, in einem Hotel wird der über Interpol gesuchte Deutsch-Chilene wegen eines internationalen Haftbefehls geschnappt. Kurze Zeit später beantragt Chile seine Auslieferung. Der Oberste Gerichtshof Italiens gibt dem chilenischen Ersuchen am 4. Dezember 2019 statt. Begründung: Es handele sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Klug Rivera will ein zweites Mal nach Deutschland

Nach einem Jahr Untersuchungshaft in Chile wird Klug Rivera unter Auflagen entlassen. Und flieht vor drei Wochen erneut, diesmal nach Buenos Aires. Doch Argentinien soll nur Zwischenstation sein, wieder tut Walther Klug Rivera alles dafür, in den sicheren Hafen zurückzukehren. Er versucht, an Bord eines Fluges über Spanien nach Deutschland zu kommen, doch den argentinischen Behörden fallen Unregelmäßigkeiten in seinem Pass auf.

Im Hotel in der argentinischen Metropole wird er schließlich vor zwei Wochen gefasst. Jetzt hat Argentinien grünes Licht für seine Auslieferung gegeben. Es scheint, als würde der Folterknecht seinen Lebensabend in einem chilenischen Gefängnis verbringen. Und nicht in Vallendar.