Flutkatastrophe wird Iran lange belasten | Asien | DW | 30.04.2019
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Flutkatastrophe im Iran

Flutkatastrophe wird Iran lange belasten

Nach der Flutkatastrophe zeigte die Führung mit dem Finger auf die USA, die mit ihren Sanktionen Hilfe verhinderten. Aber der Iran muss sich auch eigenen Defiziten stellen.

Seit Mitte März kämpft der Iran mit den Folgen der heftigsten Überschwemmungen, die das Land seit Jahrzehnten heimgesucht haben. Offiziellen Quellen zufolge kamen über 70 Menschen ums Leben, oppositionelle sprechen von über 200 Toten. Mindestens  26 der 31 Provinzen des Landes sind betroffen, rund 2000 Städte und Ortschaften wurden überschwemmt. Geert Jan van Oldenborgh, Klimaforscher am Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institut, sagte gegenüber DW, dass innerhalb von zehn Tagen im Westen des Irans eine Menge an Regen fiel, die dem gesamten jährlichen Niederschlag in diesem Gebiet entspricht.

Laut dem Sender Radio Farda gab es in der letzten Aprilwoche neue Überflutungen auch in den südöstlichen Provinzen Sistan und Belutschistan. Über 360.000 Bewohner mussten in allen betroffenen Regionen Irans ihre Wohnungen verlassen, über zwei Millionen brauchen laut dem norwegischen Flüchtlingshilfswerk NRC Hilfe bei der Rückkehr in den Alltag. 

Nach offiziellen Zahlen des Irans wurden über 14.000 Kilometer Verkehrswege beschädigt, mindestens 314 Brücken sind komplett eingestürzt.  Die Kosten für die Behebung der entstandenen Schäden belaufen sich auf umgerechnet bis zu 2,25 Milliarden Euro

Iran Überschwemmungen (Reuters/Tasnim News Agency)

Zelte schützen nicht ausreichend vor Hitze und Insekten

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Private Hilfe und staatliche Maßnahmen

Der Rote Halbmond hat bislang über 200.000 Flutopfer mit provisorischen Unterkünften versorgt. Allerdings schildert ein Rechtsanwalt aus Ahwaz die Lage in der an den Irak und den Persischen Golf angrenzenden Provinz Chusistan so: "Die vorhandenen Zelte bieten keinen Schutz vor Hitze und Insekten, das ist ein großes Problem für die betroffenen Einwohner. Mindestens 250 Dörfer wurden in unserer Region überschwemmt und evakuiert, dort ist die Situation sehr kritisch."

Der größte Teil der Hilfe wird dem Anwalt zufolge von zivilen Helfern aus der Bevölkerung vor Ort geleistet, zum Beispiel bei der Bereitung von Mahlzeiten.  Mit seinen wenigen Mitarbeitern könne der Rote Halbmond  nur wenig ausrichten, staatliche Hilfe treffe nur mit starker Verzögerung und punktuell ein. Der stellvertretende Generalstaatsanwalt für Internetkriminalität, Javad Javidnia, hatte kurz nach den Überflutungen erklärt, dass die Mittelbeschaffung durch Privatpersonen oder Prominente sowie die Gründung von Hilfsvereinen zur Organisation von Spenden verboten sei. Sie dürfe nur über offizielle Konten des Roten Halbmonds und der staatlichen Hilfsorganisationen abgewickelt werden.

Iran Überschwemmung (Irna)

Zerstörte Infrastruktur und Felder in der Provinz Lorestan im Westen Irans

Wiederaufbau bei schlechter Wirtschaftslage

Zivilgesellschaftliche Hilfe stößt also schnell an Grenzen. Die ländlichen Häuser, die mehr als 30 oder 40 Tage unter Wasser stehen, sind nicht mehr bewohnbar und müssen komplett neu gebaut werden. Das ist nur mit staatlicher Finanzierung zu schaffen, auch brauchen die Bauern Entschädigung für Ernteausfälle und die zerstörten Felder. Ob die nötigen Mittel bereitgestellt werden können, bleibt abzuwarten. Gerade erst hat der IWF vorausgesagt, dass Irans Wirtschaft  aufgrund der verschärften US-Sanktionen in diesem Jahr weiter schrumpfen und dass die Inflation stark ansteigen wird.

Iran Überschwemmungen | Präsident Hassan Rouhani (AFP/Iranian Presidency/HO)

Schwere Aufgabe für die Regierung

Sünden der Vergangenheit rächen sich

Während die iranische Regierung die von der US-Regierung verhängten Sanktionen für mangelnde Hilfeleistungen verantwortlich machte, steht sie auch selbst in der Kritik. Zum einen wegen als zu langsam und schwerfällig erachteter staatlicher Hilfeleistungen, zum anderen aufgrund rücksichtsloser Baumaßnahmen und Eingriffe in Flussläufe.

Hesameddin Naraghi, Experte des iranischen Hilfswerks bei Naturkatastrophen, sagte der Zeitschrift "Iran Journal", dass Straßenbau und das Verlegen von Eisenbahnschienen im Einzugsgebiet von Flüssen zu der Katastrophe beigetragen hätten. Solche Baumaßnahmen seien der Gegend von Shiraz und in der nordostiranischen Provinz Golestan von den Revolutionsgarden durchgeführt worden.

Das Ausmaß der Schäden sei dadurch zusätzlich erhöht worden, dass zur Ableitung von Hochwasser benötigte Kanäle und Flussbetten für Projekte der Stadtentwicklung umgebaut wurden, ohne die Folgen zu bedenken. In der Provinz Chusistan an der südlichen Grenze zum Irak waren dem Experten zufolge zum Schutz von Ölförderanlagen und Rohrzucker-Fabriken Arme des Flusses Karche so umgeleitet worden, dass das Hochwasser nicht in die Lagune im iranisch-irakischen Grenzgebiet abfließen konnte, sondern das Ackerland überschwemmte.

Iran Wald Park in Ilam (Mohsen Rahimi)

Iran will Wälder besser schützen

Folgen der Entwaldung lange ignoriert

Als eine wesentliche Ursache der Flutkatastrophe sehen Experten den massiven Rückgang der iranischen Waldfläche in den vergangenen Jahrzehnten. Etwa die Hälfte der Wälder im Westen und Norden des Landes sei vernichtet worden, berichtete die iranische Organisation für natürliche Ressourcen und Forstwirtschaft. Waldflächen seien demnach durch industrielle oder illegale Abholzung sowie natürliche oder vorsätzliche Waldbrände verloren gegangen, unter anderem, um Bauland im Grünen für Luxusvillen und -wohnungen zu gewinnen. Am 1. Januar 2017 verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz zum Verbot weiterer Abholzung für zunächst vier Jahre.

 

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