″Flucht übers Meer″: der Versuch, Krieg, Hunger und Katastrophen hinter sich zu lassen | Bücher | DW | 03.06.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Literatur

"Flucht übers Meer": der Versuch, Krieg, Hunger und Katastrophen hinter sich zu lassen

Wann sind Flüchtlinge willkommen - und wann nicht? Diese Frage treibt den Historiker Erik Lindner um. Ein Blick zurück in die Geschichte gibt ihm Antworten. Nachzulesen sind sie in seinem Buch "Flucht übers Meer".

Kubanische Boots-Flüchtlinge 1994 (picture-alliance/AP Photo/H. Deryk)

Kubanische Flüchtlinge auf dem Weg in die USA (1994)

Das Thema beschäftigt Erik Lindner schon lange - und es gibt unzählige Beispiele. Mitte der Nuller Jahre war die Flucht auf die Kanarischen Inseln in den Schlagzeilen. Menschen, die von der afrikanischen Westküste aus mit Fischerbooten hunderte Seemeilen Fahrt auf sich nahmen, viele von ihnen ertranken im Atlantik. Dramen, die sich später im Mittelmeer wiederholen sollten. Was tun? Die Frage stellt sich heute wie damals. Und sie hat sich schon immer gestellt. Denn Fluchtbewegungen gab es auf diesem Planeten zu allen Zeiten.

Willkommen - ja oder nein?

In seinem Buch blickt Erik Lindner zurück auf verschiedene  Regionen und Zeiten, in denen Menschen geflüchtet sind, und ihm fallen Gemeinsamkeiten auf: "Da waren beispielsweise die 'Boat People' aus Vietnam, die DDR-Flüchtlinge, die zum Teil über die Ostsee nach Schleswig-Holstein oder Dänemark zu gelangen versuchten, und die Kubaner, die in Florida ankamen. Das sind drei Beispiele, in denen Menschen, die aus kommunistischen Staaten oder Diktaturen geflüchtet sind, willkommen geheißen wurden."

Grund war der Ost-West-Konflikt: "Wer aus Kuba flüchtete oder aus der DDR oder aus Vietnam vor den Kommunisten, der zeigte damit, dass der Westen überlegen war. Und das war etwas, das jahrzehntelang stattfand: Die USA hatten immer so eine "open door policy" gegenüber den kubanischen Flüchtlingen - solange es nicht Hunderttausende waren. Wer also aus der Unfreiheit in die Freiheit kam, der war willkommen."

Vietnamesische Flüchtlinge gehen in Hamburg von Bord der Cap Anamur. (ullstein bild - Poly-Press)

Vietnamesische Flüchtlinge gehen in Hamburg von Bord der "Cap Anamur". Zwischen 1979 und 1986 wurden mit dem umgebauten Rettungsschiff mehr als 11.000 Menschen auf See geborgen und in sichere Häfen gebracht.

Anders war das im Dritten Reich. "Viele Staaten haben damals zugemacht, man musste teilweise Jahre auf ein Visum warten", erzählt Lindner. Ausnahme war damals Shanghai, wo man ohne Visum einreisen und sich im Exil dort aufhalten durfte. "Amerika steckte damals mitten in der Wirtschaftskrise und der amerikanische Präsident Roosevelt konnte es sich nach 1933 nicht erlauben, in kurzer Zeit hunderttausend deutsche Emigranten ins Land zu holen. Das sind ja Dinge, die wir heute auch kennen." 

Nicht zu vergessen ist auch, dass die Einreise in ein anderes Land 1933 sehr viel aufwendiger war als es teilweise heute der Fall ist. Der Grenzübertritt war sehr viel schwieriger, auch eine Flucht musste gut vorbereitet werden. Das könne man diesen Ländern auch nicht ankreiden, meint der Historiker Erik Lindner. "Das war einfach üblich, die wollten die Einwanderung steuern. Menschen, die dem Sozialsystem zur Last fallen, wollte man nicht." Eine weitere Parallele, die sich zur heutigen Situation ziehen lässt. 

Flucht - seit Jahrtausenden ein Thema

Seinen Blick zurück beginnt Erik Lindner mit der griechischen Mythologie: mit der Geschichte von Aeneas, der aus Troja flüchtet und es nach gefahrvoller Irrfahrt schafft, im Westen ein neues Leben zu beginnen. "Es ist die erste auf literarische Weise überlieferte Flucht von Ost nach West über das Mittelmeer - in ein neues Leben. Und das steht am Anfang der Geschichte Europas."

Im Grunde hofft er, sagt Lindner, dass sein Buch dazu beitragen könne, den Blick zu weiten und zu sehen, dass die Fluchtmotive seit Jahrtausenden dieselben sind. "Man flieht vor Krieg, Not, Hunger, Umwelteinflüssen - also Katastrophen -, vor religiöser Unterdrückung, vor Diktatur und Unfreiheit. Das sind eigentlich eine Handvoll triftiger Gründe, die gibt es heute und die gab es vor tausend Jahren." 

Ein wiederkehrendes Muster sieht er beispielsweise auch in der Hunger-Flucht: Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Irland aufgrund von jahrelangen Missernten eine große Hungersnot. Fast jeder achte Ire starb damals. Eine Million verließen ihre Heimat, die meisten in die USA, nach Kanada oder Australien. Auch als die Katastrophe vorbei war, hörte der Exodus nicht auf. Bis 1911 verlor Irland fast die Hälfte seiner Bevölkerung durch Migration. "Dieses Muster der Iren könnte ein Muster sein für das, was heute in den afrikanischen Krisenstaaten stattfindet. Da sehe ich viele Parallelen als Historiker", so Lindner. Mit unter den irischen Hunger-Flüchtlingen war übrigens auch Patrick Kennedy, der Urgroßvater des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy.

Europa muss sich seine Humanität bewahren

Erik Lindner vor dem Maritimen Museum in Hamburg, in der Hand das Steuerrad der SKYLUCK (F. W. Kramer)

Historiker Erik Lindner

Die Grundaussage von Erik Lindners Buch ist im Grunde: Fluchtbewegungen hat es immer und allerorten gegeben und das wird auch so bleiben. Bleibt die Frage, wie in der jeweiligen Gegenwart damit umzugehen ist. Leichte Antworten gibt es hier nicht, wichtig aber sei, so der Historiker, der Respekt vor den flüchtenden Menschen und ihren Motiven. Europa müsse sich seine Humanität bewahren, denn das sei der "Kern seiner Identität". Und das Thema Flucht werde sicherlich nicht kleiner.

"Ich bin Historiker und kann die Zukunft nicht prognostizieren, aber die Flüchtlingsbewegungen werden sich meiner Meinung nach nicht einfach irgendwie abstellen lassen durch Entwicklungshilfe oder durch Frontex oder dergleichen. Das wird weitergehen."

Neben dem Buch hat Lindner auch als Kurator an einer Ausstellung mitgewirkt, die vom 5. Juni 2019 bis zum 2. Februar 2020 im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg zu sehen sein wird - unter dem gleichnamigen Titel "Flucht übers Meer. Von Troja bis Lampedusa". Zu sehen sind - neben zahlreichen Fotos - Exponate, die dem Besucher das Geschehene näher bringen wollen. Darunter beispielsweise selbstgebaute Surfbretter, mit denen zwei junge Männer im November 1986 von der Insel Rügen, die damals zur DDR gehörte, nach Dänemark geflüchtet sind - und es tatsächlich in die Freiheit geschafft haben.

Erik Lindner: "Flucht übers Meer - Flight Across the Sea. Von Troja bis Lampedusa - From Troy to Lampedusa". Zweisprachig deutsch - englisch. 288 Seiten. ISBN 978-3-8132-0987-7

Flucht übers Meer – die Sonderausstellung. Internationales Maritimes Museum Hamburg. 5. Juni 2019 - 2. Februar 2020.

Die Redaktion empfiehlt