Flüchtlingsaufnahme: wie 58 Kindern geholfen werden soll | Deutschland | DW | 15.04.2020
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Von Griechenland nach Deutschland

Flüchtlingsaufnahme: wie 58 Kindern geholfen werden soll

Luxemburg hat es vorgemacht und einige schwer kranke Kinder aus Griechenland aufgenommen. Auch Deutschland will helfen. 58 Flüchtlingskinder sollen bald kommen dürfen. Wie bereiten sich Helfer und Städte darauf vor?

Natürlich haben die deutschen Behörden auch für sie ein Kürzel: UMF lautet das in den Amtsstuben, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 58 UMF unter 14 Jahren werden bald auch in Deutschland erwartet. Am Wochenende soll eine erste Gruppe eintreffen. Sie sind der Hölle entkommen - haben Flucht, Hunger, Enge und oft Gewalt erlebt. Zunächst müssen die Kinder auch in Deutschland - wie in Luxemburg - in eine zweiwöchige Quarantäne, weil sie sich möglicherweise in den Lagern in Griechenland mit dem COVID-19-Erreger infiziert haben. Wie geht es dann mit den oft kranken und schwachen Kindern weiter?

Einer, der sich von Anfang um die Kinder kümmern will, ist Frank Mischo von der Organisation "Kindernothilfe". Dass es für die Kinder gleich in die Quarantäne geht, macht ihm Sorgen. "Es darf nicht sein, dass sie in ihren Zimmern eingesperrt bleiben", sagt Mischo. Er ist Experte für Kinderrechte bei der Organisation mit Sitz in Duisburg. Die Kinder müssten auch an die frische Luft dürfen, eine "Einzelhaft" dürfe es nicht geben, sagt er im Interview mit der Deutschen Welle. Viele der Kinder und Jugendlichen seien nämlich traumatisiert. Und es sei sehr wichtig, dass ihnen erklärt werde, "warum sie isoliert werden, und wie lange das andauern wird." Die "Kindernothilfe" ist mit den zuständigen Behörden in Kontakt, will - sobald das möglich ist - die Kinder besuchen. Wichtig sei weiterhin, dass es ausreichend Übersetzer gebe, damit sich die Kinder auch mitteilen können.

58 Kinder - ein Tropfen auf dem heißen Stein

Für Mischo - wie für die beiden großen Kirchen und viele Politiker aus fast allen Parteien - ist die Hilfe für die 58 jungen Flüchtlinge aber nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein". Auch wenn es bald 300 bis 500 Kinder würden, wie die Politik in Deutschland versprochen hat, wäre das nicht genug. "Durch die Kinder, die jetzt kommen, wird sich aber der Druck in der Zivilgesellschaft erhöhen", hofft Mischo. Die Misere der Flüchtlingskinder würde so tiefer ins Bewusstsein der Deutschen dringen.

Frank Mischo, Referent Kindernothilfe (Kindernothilfe)

Frank Mischo von der Kindernothilfe fordert: Keine "Einzelhaft" für die Kinder in Quarantäne

Besonders kritisch ist die Lage nach Einschätzung der "Kindernothilfe" in dem völlig überfüllten Lager Moria auf der Insel Lesbos. Insgesamt schätzt die Organisation, dass auf einigen griechischen Inseln mehr als 40.000 Flüchtlinge leben. Mischo rechnet damit, dass rund 5000 davon unbegleitete Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren sind. Offizielle Zahlen gebe es nicht. Besonders gefährdet seien Mädchen, denn durch die Enge in den Lagern komme es immer wieder zu sexueller Gewalt gerade gegen sie.

Städte gemeinsam für Flüchtlinge

Viele Kommunen hatten sich schon vor rund zwei Jahren bereit erklärt, Bootsflüchtlinge und auch unbegleitete Kinder aus den Flüchtlingscamps aufzunehmen. In dem Bündnis "Sichere Häfen" haben sich mittlerweile rund 140 Städte und Gemeinden in ganz Deutschland zusammengefunden. In ihrer gemeinsamen Erklärung heißt es, dass sie sich "als humanitäre Wertegemeinschaft mit hoher Kompetenz für die Aufnahme und Integration geflüchteter Menschen" verstehen.

Mit dabei ist seit September 2018 auch Berlin. Hier regiert die SPD zusammen mit den Grünen und der Linken in einer Koalition. "Allein Berlin kann kurzfristig 50 unbegleitete Kinder aufnehmen. Wir haben in den vergangenen Monaten immer wieder unsere Bereitschaft betont", erklärt Sandra Scheeres (SPD) auf Anfrage der DW. Sie ist Senatorin für Bildung, Jugend und Familie und damit zuständig für die Flüchtlingskinder aus Griechenland. Auch wenn noch gar nicht klar ist, wie viele nach Berlin kommen; die Hauptstadt fühlt sich gut gerüstet.

Ein Netzwerk für Flüchtlingskinder – Berlin hat viel Erfahrung

In den Jahren der sogenannten "Flüchtlingskrise" 2015/2016 hatte Berlin weit über 5000 Kinder und Jugendliche aufgenommen. Die Behörden in der Hauptstadt haben in diesen Jahren eine Menge Erfahrungen sammeln können.

Deutschland Coronavirus Symbolbild Ankerzentrum (picture-alliance/dpa/K. J. Hildenbrand)

Sicher, aber isoliert? Ein Asylsuchender in einem Flüchtlingsheim in Bayern

Erst nach der Quarantäne-Phase werden die Kinder auf die Bundesländer verteilt. Dann stelle sich die Frage, ob sie möglicherweise noch weiter zur Behandlung in ein Krankenhaus müssten, heißt es aus der Berliner Senatsverwaltung. Mit zwei Kliniken arbeite man eng zusammen. Und natürlich würden die jungen Menschen, die Monate oder sogar Jahre auf der Flucht waren, die Gewalt, Hunger, Enge erlebt hätten, auch psychologisch betreut. Dafür sei ebenfalls gesorgt, erklärt eine Senatssprecherin.

In Sicherheit; aber auch in den Mühlen der deutschen Bürokratie

Die Schützlinge aus Griechenland werden dann vom Landesjugendamt in Obhut genommen, in sogenannten "Clearing-Einrichtungen". In dieser Erstaufnahmestelle wird zunächst noch einmal die Identität überprüft, mögliche Fragen der Vormundschaft oder des Aufenthaltsrechts geklärt.

Sandra Scheeres, SPD | Berliner Senatorin für Bildung, Jugend, Familie (Senat Berlin)

Berlin ist gut gerüstet, sagt Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD)

Dann werden die Kinder in sogenannten stationären Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht. In Berlin sind dafür die Stadtbezirke zuständig. Die Minderjährigen werden nicht in großen, anonymen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, sondern von der Jugendhilfe intensiv betreut. Es ist auch möglich, dass sie in eine Pflegefamilie kommen. So oder ähnlich verläuft das Verfahren auch in den anderen Bundesländern.

Familien ziehen nach

Erfahrungsgemäß folgen jedem Jugendlichen später im Rahmen des Familiennachzugs vier bis fünf weitere Personen. Die Aufnahme unbegleiteter Flüchtlinge kostet im Jahr rund 50.000 Euro pro Person. Für diese Kosten müssen überwiegend die aufnehmenden Bundesländer aufkommen. Der Bund zahlt nur einen Bruchteil davon.

Deutschland ist auch darauf vorbereitet. Berlins Familiensenatorin Sandra Scheeres gibt sich optimistisch: "Berlin hat in den vergangenen Jahren sehr viel Erfahrung mit der Unterbringung, Betreuung und auch Beschulung von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gesammelt. Darauf bauen wir auf."

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Griechenland: Flüchtlinge in der Sackgasse