Flüchtlinge weichen nach Kroatien aus | Aktuell Europa | DW | 16.09.2015
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Aktuell Europa

Flüchtlinge weichen nach Kroatien aus

Nach der Grenzschließung durch Ungarn weichen viele Flüchtlinge offenbar an die serbisch-kroatische Grenze aus, um die Europäische Union zu erreichen. Kroatiens Präsidentin rechnet mit einem "Ansturm".

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Ungarn schottet sich ab

Nach der völligen Schließung der ungarischen Grenze zu Serbien haben sich die ersten Flüchtlinge auf den Weg nach Kroatien gemacht. Ein Reuters-Kameramann beobachtete, wie mindestens 50 Flüchtlinge über Felder versuchten, von Serbien aus das EU-Land Kroatien zu erreichen. Nach serbischen Medienberichten sind mindestens zehn weitere Busse mit Flüchtlingen auf dem Weg zur kroatischen Grenze. Die Menschen seien an der rund 500 Kilometer entfernten Grenze zu Mazedonien gestartet.

So traf beispielsweise eine Gruppe von rund 30 Flüchtlingen mit einem Bus in der serbischen Stadt Šid ein, die weniger als zehn Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt ist. Dies berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Der Bus war am Dienstagabend in Presevo im Süden Serbiens losgefahren. Für die Fahrt wurden 35 Euro verlangt. Die meisten der Flüchtlinge, die in Šid ankamen, waren Syrer oder Afghanen. Ein 35-jähriger Mann aus Mauretanien sagte, er habe zuvor noch nie etwas von Kroatien gehört und auch nicht gewusst, dass das Land zur Europäischen Union gehöre. "Wir wollen irgendwohin, wo es Frieden gibt", sagte der Flüchtling.

Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic (Foto: AP)

Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic

Die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic verlangte nach einem Medienbericht von der Regierung die Einberufung des nationalen Sicherheitsrates. Es müsse mit einem Ansturm von Flüchtlingen gerechnet werden, begründete sie ihre Forderungen in einem Brief, aus dem die Zeitung "Jutarnji list" zitierte. Bisher hatte die Regierung versichert, sie habe ausreichende Vorbereitungen für die eventuelle Ankunft der Flüchtlinge getroffen, ohne aber Details mitzuteilen.

In den vergangenen Wochen waren Flüchtlinge aus Serbien mit Bussen weiter nach Norden an die ungarische Grenze gebracht worden. Nach der Grenzschließung Ungarns am Dienstag ist der Übertritt dort nicht mehr möglich. Etwa 300 Flüchtlinge steckten weiter hinter dem ungarischen Grenzzaun im Nicht-EU-Land Serbien fest. "Warum tun sie das", frage eine Afghanin mit einem Kind auf dem Arm an der serbischen Grenze zu Ungarn. "Es war wirklich schlimm letzte Nacht", beschrieb der 17-jährige Baschir aus Afghanistan die Lage der Flüchtlinge. "Es war kalt, besonders für Familien mit kleinen Babys", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Ungarn plant schon den nächsten Zaun

Ungarn hatte seine 175 Kilometer lange Grenze zu Serbien in der Nacht zum Dienstag geschlossen. Wenige Stunden darauf kündigte die Regierung in Budapest an, auch die Grenze zu Rumänien mit einem Zaun abzuriegeln. Dieses Nachbarland gehört anders als Serbien zur EU. Ungarn wolle verhindern, dass sich Schlepper Ausweichrouten über Rumänien suchten, sagte Ungarns Außenminister Peter Szijjarto. Mit dem Bau des neuen Zauns werde am ungarisch-serbisch-rumänischen Dreiländereck begonnen. Die rumänische Regierung verurteilte den Plan umgehend. Am Dienstag trat überdies eine weitere Verschärfung der ungarischen Einwanderungsgesetze in Kraft, wonach illegaler Grenzübertritt nun mit bis zu drei Jahren Haft bestraft wird.

Die Zahl der in Ungarn aufgegriffenen Flüchtlinge hat sich nach Polizeiangaben seither drastisch verringert. Von mehr als 9300 am Montag, sei die Zahl auf 366 am Dienstag gefallen, teilte die ungarische Polizei mit. Dennoch hält der Zustrom nach Europa an.

Mehr Flüchtlinge in Deutschland aufgegriffen

Deutschland hatte am Sonntag mit vorübergehenden Grenzkontrollen begonnen. Die deutsche Bundespolizei griff am zweiten Tag nach Wiederaufnahme der Grenzkontrollen deutlich mehr Flüchtlinge an der Grenze zu Österreich auf. Nach Angaben eines Sprechers der Bundespolizei in Rosenheim kamen am Dienstag rund 3500 Flüchtlinge aus dem Nachbarland nach Deutschland. Am Montag seien es noch etwa 1200 gewesen. Die Beamten hätten 13 Schlepper festgenommen.

Kontrolle an der deutsch-österreichischen Grenze (Foto: Reuters)

Kontrolle an der deutsch-österreichischen Grenze

Die Behörden rechnen auch in den kommenden Tagen ungeachtet der ungarischen Grenzschließung mit einem weiteren Zustrom von Flüchtlingen. "Wenn man sich anschaut, wie viele Menschen noch in Österreich unterwegs sind zum Beispiel, dann wird da noch einiges auf uns zukommen", sagte der Sprecher. Auch Österreich führte inzwischen wieder Kontrollen an seinen südlichen und östlichen Grenzen ein.

In den vergangenen Tagen waren Zehntausende Flüchtlinge über die sogenannte Balkanroute aus Ungarn nach Österreich gekommen. Ihr Ziel ist meist Deutschland. Kanzlerin Angela Merkel und ihr österreichischer Kollege Werner Faymann beantragten gemeinsam mit mehreren anderen EU-Staats- und Regierungschefs einen Sondergipfel für nächste Woche. Die EU-Staaten konnten sich bislang nicht auf ein gemeinsames Vorgehen in der Krise einigen. Die EU-Innenminister wollen am kommenden Dienstag bei einem Sondertreffen einen neuen Anlauf zur verbindlichen Verteilung von weiteren 120.000 Flüchtlingen nehmen.

stu/rb (afp, dpa, rtr)

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