Flüchtlinge helfen in der Corona-Krise | Kultur | DW | 02.05.2020
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Engagement

Flüchtlinge helfen in der Corona-Krise

Sie kochen für Bedürftige und Angestellte von Supermärkten und nähen Masken: Nach Deutschland geflüchtete Menschen helfen in Zeiten von Corona – in Eigeninitiative und unterstützt von der Plattform GoVolunteer.

Es klopft an der verschlossenen Tür von Malakeh Jazmatis syrischem Restaurant. Ein Stammgast steht davor, leider muss sie ihn vertrösten, Montag ist Ruhetag. Aber für ein paar Worte nimmt sie sich Zeit: Zum Ramadan biete sie ein besonderes Menü an, erzählt sie ihrem Kunden. Der ist von dem Preis überrascht, der deutlich günstiger ist als gewöhnlich.

"Es ist gerade nicht die Zeit zum Geschäftemachen", sagt Malakeh. Wegen der Coronakrise gehe es vielen finanziell nicht gut. Eigentlich arbeiten bis zu zehn Mitarbeiter im Restaurant, doch momentan steht die Betreiberin von Dienstag bis Sonntag allein in der Küche. Ihre Gerichte – neben traditionellen syrischen Speisen wie Fahitta und Okra gibt es Cordon Bleu mit orientalischen Zutaten  – bietet sie derzeit zum Mitnehmen an. Wie alle Gastronomen ist auch sie wegen der aktuellen Situation besorgt.

Malakeh Jazmati in ihrem leeren Restaurant (privat)

Malakeh Jazmati in ihrem leeren Restaurant

Trotzdem kocht Malakeh derzeit an zwei Tagen die Woche Extraportionen – für Mitarbeiter von Supermärkten. Vorab spricht sie mit den Filialleitern, jeden interessierten Markt bekocht sie einmal – kostenlos. Malakeh erzählt von der Filialleiterin einer großen Kette, die sehr zurückhaltend auf das Angebot reagiert habe.

"Sie fragte: 'Warum willst du das machen?'", erzählt Malakeh und übernimmt dabei den skeptischen Gesichtsausdruck der Marktleiterin. Für Malakeh Jazmati ist die Sache einfach: Auch Ärzte und Pflegepersonal würden momentan Großes leisten, sagt sie, aber in ihrem Beruf rechne man schon mal mit Ausnahmesituationen. Aber bei den Supermarktangestellten sei das anders. "Was würde passieren, wenn sie nicht arbeiten wollen und auch zu Hause bleiben? Wir alle hätten dann große Probleme."

In Syrien auf der schwarzen Liste

Seit 2015 lebt Malakeh Jazmati in Berlin. Syrien hatte sie schon vorher verlassen. In ihrer Heimatstadt Damaskus sei sie während des Studiums auf einer schwarzen Liste der Regierung gelandet, erzählt sie. Sie habe Kleiderspenden und private Hilfszahlungen an Familien organisiert, deren Angehörige im Gefängnis saßen.

Nach der Flucht lebte sie mit Mutter, Schwester und Bruder in Jordanien, wo sie ihren heutigen Ehemann kennenlernte. Durch einen Zufall landete Malakeh erst beim Radio, dann beim Fernsehen, sie wurde das Gesicht einer Kochshow. Weil ihr Mann nicht arbeiten durfte, reifte der Entschluss, weiterzuziehen. Ihr Mann brach nach Europa auf, kam nach Berlin, eineinhalb Jahr später folgte Malakeh im Rahmen des Familiennachzugprogramms.

"Ich habe alles zurücklassen und hier bei Null angefangen", sagt sie. Sie habe damals begonnen, im privaten Kreis zu kochen, doch dann kamen immer mehr richtige Aufträge. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft habe sie vom Catering leben und sich beim Jobcenter abmelden können.

Rezept für die Kanzlerin

Bei einer Veranstaltung, für das sie das Catering machte, habe sie dann ein Mann namens Steffen Seibert angesprochen und gefragt, ob sie für ein Event im Bundestag kochen würde. "Ich habe 'ja' gesagt, obwohl ich noch gar nicht wusste, was der Bundestag ist", erzählt sie lachend. Genauso wenig, wie sie damals wusste, dass sie Angela Merkels Regierungssprecher vor sich hatte.

Malakeh Jazmati steht mit ihrem Kochbuch in einer Küche (DW)

2017 brachte Malakeh Jazmati ihr Kochbuch mit syrischen Rezepten raus

Bei der Veranstaltung habe sie dann auch kurz mit der Bundeskanzlerin gesprochen. "Sie hat sich sehr kenntnisreich nach bestimmten Zutaten erkundigt und mich nach einem Rezept gefragt." Das habe sie ihr selbstverständlich gegeben.

2017 brachte Malakeh Jazmati ein Kochbuch heraus, "Sehnsuchtsrezepte aus meiner syrischen Heimat", vor eineinhalb Jahren eröffnete sie schließlich ihr Restaurant in Berlin-Schöneberg. "Essen überliefert die Kultur und Tradition eines Landes", sagt sie, "und es baut Brücken."

Im Frühjahr sollte ihre Familie aus Jordanien nachziehen, alle Formulare waren ausgefüllt, das Verfahren vor dem Abschluss. Dann machte Corona die Pläne zunichte. Auch deshalb zieht Malakeh Energie aus ihrem gesellschaftlichen Engagement: "Ich glaube fest daran, dass etwas Gutes zu dir zurück kommt, wenn du Gutes tust."

 Malakeh Jazmati mit Angela Merkel und Mitarbeitern

Malakeh Jazmati (r. neben Angela Merkel) kochte schon für die Kanzlerin

Newcomer gegen Corona 

Wie Malakeh Jazmati organisieren viele Menschen Corona-Hilfe in Eigeninitiative. Einige Aktionen unterstützt GoVolunteer: Die Plattform vermittelt Menschen, die sich gesellschaftlich engagieren wollen, an Projekte und Initiativen und ermöglicht Geflüchteten den Start ins Arbeitsleben.

"Durch Corona sind viele Projekte momentan nicht möglich", sagt Thomas Noppen, Geschäftsführer und Programmdirektor bei GoVolunteer. Weil das Bedürfnis zu helfen dennoch groß sei, wurde das Programm "Newcomer*innen gegen Corona"  ins Leben gerufen, 40 Leute beteiligen sich bereits daran. "Sie gehen für andere einkaufen, kochen, nähen Masken, ein Teilnehmer übersetzt am Telefon zwischen Ärzten und Patienten", so Noppen.

Bei dem vom Berliner Senat unterstützten Projekt wie auch generell bei GoVolunteer gehe es darum, "das Engagement der Geflüchteten sichtbar zu machen und das häufig negative Narrativ über sie zu ändern", sagt Noppen. Viele geflüchtete Menschen seien sehr dankbar und suchten daher Wege, etwas zurückzugeben.

530 "Newcomer" haben sich bereits über GoVolunteer engagiert: Sie können das im Sprachkurs Erlernte praktisch anwenden, erhalten Zertifikate und nehmen an Qualifizierungen teil. Drei Viertel aller Teilnehmer haben nach Angaben von GoVolunteer innerhalb von sechs Monaten eine Arbeit gefunden oder ein Studium aufgenommen.

Sandy Alhambri (DW/T. Landsberg)

Sandy Alhambri floh 2014 aus Damaskus. Im Wohnheim übersetzte sie für andere Bewohner.

 

Masken für Bedürftige

Auch der Begegnungsort LouLou für Geflüchtete und Menschen aus der Nachbarschaft im Stadtteil Moabit ist bei GoVolunteer gelistet. Die Einrichtung gehört zu StadtRand, einem Verbund von Anlaufstellen der freien Wohlfahrtshilfe.

Weil die Räumlichkeiten wegen der Pandemie momentan geschlossen sind, müssen sich die 15 geflüchteten Frauen einer Selbsthilfegruppe online treffen. "Der direkte soziale Kontakt fehlt ihnen sehr", sagt Sandy Alhambri, die seit einem Jahr im LouLou arbeitet und die Treffen organisiert. Die Frauen würden sich über Probleme in ihrer neuen Heimat austauschen, "häufig kennt eine andere das schon und kann bei der Lösung helfen."

Eine Frau aus der Gruppe arbeite als Betreuerin in einem Wohnheim, erzählt Sandy Alhambri. "Weil dort der Bedarf an Masken groß war, hat sie angefangen, welche zu nähen." Daraus entstand die Idee, Masken kostenlos an Bedürftige abzugeben. Wer es sich erlauben kann, gibt eine kleine Spende, damit die Materialkosten gedeckt sind.

Kenntnisse aus der Heimat

Sandy Albahri flüchtete 2014 mit ihrer Familie vor dem Krieg aus Damaskus. Anfangs lebte die Familie in Berlin in einem Wohnheim. "Nach den ersten Sprachkursen habe ich dort für andere Bewohner übersetzt", erzählt sie. Neben ihrer Arbeit in einem kleinen Laden studiert sie nun Sozialarbeit. Im vergangenen Jahr erhielt sie beim "Farben bekennen"-Award der Berliner Senatskanzlei einen Sonderpreis für Geflüchtete, die sich gegen Antisemitismus engagieren. "Wir wollen zeigen, dass wir aus unserer Heimat etwas mitgebracht haben: Kenntnisse, die wir hier einsetzen können, auch zum Wohl anderer Menschen."

Flüchtlinge auf einem Feldweg (picture-alliance/NurPhoto/M. Bunel)

Menschen flüchten vor großer Not. In Sicherheit wollen viele aus Dankbarkeit etwas zurück geben.

Als einer älteren Dame der Einkauf nach Hause gebracht worden sei und sie bei der Gelegenheit auch einen Mundschutz überreicht bekommen habe, sei diese sehr gerührt gewesen. "Sie sagte: 'Endlich kann ich wieder rausgehen'", erzählt Sandy Albahri. Momente wie diese seien besonders schön, weil sie zeigten, dass das Engagement anderen Menschen wirklich helfe.

Acht Frauen aus der Gruppe würden zudem im Wechsel zweimal die Woche kochen, das Essen wird dann an Obdachlose verteilt. Auch hier ist natürlich immer ein Satz Masken zum Verteilen dabei.

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