Flüchtlinge: Die Antisemitismus-Frage | Deutschland | DW | 13.03.2016
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Deutschland

Flüchtlinge: Die Antisemitismus-Frage

Der Zentralrat der Juden fürchtet, dass Flüchtlinge Antisemitismus und Israel-Hass mit nach Deutschland bringen. Ein israelischer Flüchtlingshelfer reagiert mit Unverständnis. Naomi Conrad berichtet aus Berlin.

Erst kamen die Bilder aus dem Fernsehen, die verzweifelten, verängstigten Menschen, die aus winzigen Booten kletterten und erschöpft entlang von Autobahnen und durch Wälder stiefelten. Dann, wenig später, stand die Flüchtlingskrise plötzlich auch unmittelbar vor Shaked Spiers Haustür in Berlin: Überfüllte Turnhallen, Menschen, die tagelang auf die Registrierung warteten, überforderte Behörden: "Ich wusste sofort: Wenn jetzt Flüchtlinge in dem Land sind, aus dem meine Großeltern fliehen mussten, und Hilfe und Schutz brauchen, dann muss ich meinen Beitrag leisten."

Das, sagt er, sei eine Selbstverständlichkeit, keine Frage: Seitdem engagiert sich Spier, der Israeli, dessen Großeltern vor den Nazis nach Israel flohen, in einem Flüchtlingsheim in Friedrichshain, einem Bezirk voller Bars und hippen Cafés. Der 30-Jährige, ein eloquenter Mann, der als Projektmanager in einem IT-Unternehmen arbeitet und lange, reflektierte Antworten auf Fragen gibt, hilft bei der Essensausgabe, spielt mit den Kindern und hört die Geschichten von Flucht und Trauma der Eltern.

Er ist einer von vielen Juden, die Kleider spenden, in Flüchtlingsheime gehen oder Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Negative Erfahrungen? Spier wiegelt ab: Nie. Seine Identität und Herkunft, auch seine sexuelle Orientierung - Spier redet offen über seine Homosexualität - hätten nie eine große Rolle gespielt bei den Begegnungen. Wenn doch jemand sein hebräisches Tattoo am Arm oder seinen Akzent bemerkt, dann sei die normale Reaktion: "Ach, du kommst aus Israel? Cool, ich aus Afghanistan." Er lacht.

Flüchtlinge in einer Turnhalle (Foto: DW/Kate Brady)

Über eine Millionen Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen

Keine wissenschafltichen Untersuchungen

Dann wird er ernst: Es macht ihn wütend, sagt er, dass andere warnen, dass die Flüchtlinge, die aus Ländern stammen, in denen Antisemitismus und Israel-Hass oft zur Staatsräson gehören, diese Ressentiments mit ins Land bringen: Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden etwa, Josef Schuster, verweist immer wieder auf die Gefahr eines importierten Antisemitismus. Unter den Flüchtenden, erklärte er kürzlich in einem Zeitungsinterview, sei "ein erheblicher Anteil arabischstämmiger Menschen, die mit juden- und israelfeindlichen Stereotypen aufgewachsen sind. Diese Einstellungen streifen die Menschen ja nicht einfach an der Grenze ab."

Auch Dervis Hizarci findet solche pauschalen Aussagen problematisch: Es gebe keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema, inwiefern Geflüchtete Antisemitismus und Hass mit ins Land brächten. Hizarci, ein Berliner Geschichts- und Politiklehrer, leitet die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIGA), die ein Projekt zu dem Thema Antisemitismus bei Geflüchteten durchführt.#

Shaked Spier (Foto: privat)

Shaked Spier: Findet Schusters Aussagen "rassistisch"

Ende des Jahres sollen erste Ergebnisse vorliegen: Bis dahin findet Hizarci, dürfe man die Frage des Antisemitismus bei Geflüchtete nicht pauschalisieren, zu groß sei die Gefahr, dass damit Islamfeindlichkeit und Fremdenhass geschürt werde. Er will nur soviel sagen: 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland hege latent antisemitische Einstellungen. "Natürlich sind darunter auch Muslime, auch in der zweiten und dritten Generation, aber bei Weitem nicht ausschließlich!"

Dass es antisemitische Ressentiments bei jungen deutschen Muslimen gibt, deren Hass und Wut durch die Bilder, die das Grauen des Nahost-Konflikts auf ihre Smartphones und Fernsehen spülen, genährt wird, das will er auch gar nicht leugnen: Hizarci und seine Mitstreiter geben Workshops, führen Debatten über Antisemitismus, aber auch über Islamfeindlichkeit. Die Arbeit, sagt Hizarci, benötige viel Zeit und Ressourcen. "Wie auch bei der Bekämpfung von Homophobie oder Rechtsextremismus kann man solche Einstellungen nicht in einem Workshop umdrehen - das geht nicht von heute auf morgen." Nach den Osterferien will die Initiative ein Modellprojekt starten, das unter anderem in Willkommensklassen Workshops zu dem Thema anbietet.

Moscheen überfordert

Doch oft bleibt es bei Anstrengungen Einzelner, die sich in dem Bereich engagieren: Moscheegemeinden sind oft überfordert mit dem Problem - auch, da sie von Ehrenamtlichen geführt werden, deren Zeit und Energie sie auf vermeintlich größere Probleme wie Ausgrenzung, Islamfeindlichkeit oder Arbeitslosigkeit konzentrieren. Für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus blieben da kaum Ressourcen, erzählt ein Insider, der aufgrund der Brisanz des Themas anonym bleiben will. Hinzu komme, dass viele, besonders junge Menschen, gar kein integrativer Bestandteil der Moscheen seien: "Die kann man dann gar nicht erreichen."

Auch Spier weiß, dass Antisemitismus ein Problem ist: Er hat Freunde, die in einem Döner-Laden in Berlin nicht bedient worden sind, denen judenfeindliche Bemerkungen an den Kopf geworfen wurden, er weiß, dass Juden mit Kippas auch in Berlin beschimpft und auch angegriffen wurden. Das will er gar nicht leugnen: "Aber für mich sind die Erfahrungen, die ich gemacht habe, nun mal entscheidend: Und die waren immer positiv!" Viel mehr Sorgen, sagt er, macht ihm das rechte Gedankengut in Deutschland: Die brennenden Flüchtlingsheime, der Hass der Pegida-Umzüge, die NPD und der NSU: "Das bereitet mir sehr viel mehr Sorgen als die Einstellungen der Menschen, die zu uns kommen, weil sie Schutz brauchen."

Vor ein paar Monaten hat er seinen beiden Großmüttern, die einmal selbst vor Krieg und Verfolgung fliehen mussten, ein Foto von einem Bild geschickt, gemalt von einem syrischen Flüchtlingskind: Zwei Flugzeuge bombardieren einen Häuserblock, auf dem Boden liegen blutende Strichmännchen. Die Reaktion der beiden Frauen: "Sie haben mir gesagt, wie stolz sie auf mein Engagement sind!"

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