Finnland: Gleithörnchen ziehen die Wut von EU-Skeptikern auf sich | Global Ideas | DW | 02.07.2019
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Artenschutz

Finnland: Gleithörnchen ziehen die Wut von EU-Skeptikern auf sich

Gleithörnchen haben in Finnland einen schlechten Ruf. Die Europäische Union schützt ihren Lebensraum, den Wald, und stört die Interessen der Holzindustrie. Naturschützer wollen das Image der Pelztiere aufpolieren.

Große, schwarze Augen und die Mundwinkel nach oben gezogen, als würde es lächeln - kaum zu glauben, dass das süße Europäische Gleithörnchen (Pteromys volans) für so viel Ärger sorgt. In Finnland gelten die handtellergroßen Nager nicht nur Landbesitzern und Stadtentwicklern als Plage - sie sind auch Zielscheibe einer allgemeinen Wut gegen die Europäische Union geworden.

Die EU-Habitat-Richtlinie schützt den Lebensraum des Europäischen Gleithörnchens. Dabei handelt es sich hauptsächlich um wirtschaftlich wertvolle Wälder. Auf die Forstwirtschaft entfällt rund ein Fünftel der finnischen Exporte. Viele Landbesitzer empfinden die europäischen Schutzmaßnahmen als eine unerwünschte Einmischung. Außerdem sind Bauprojekte ins Stocken geraten, seit es Gleithörnchen auch in die Städte zieht.

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"Wenn die Leute über Gleithörnchen reden, dann geht es eigentlich gar nicht um die Tiere, sie nutzen es vielmehr als Symbol. Es symbolisiert die Macht der EU über die Menschen", sagt Maarit Jokinen der DW. Die Wissenschaftlerin von der Universität Helsinki hat die Einstellung der Menschen gegenüber den Gleithörnchen untersucht.

Gleithörnchen versus Holzfäller

in Europäisches Gleithörnchen gleitet zwischen zwei Bäumen in Finnland

Europäische Gleithörnchen segeln eher als dass sie fliegen. Sie bewegen sich so von Baum zu Baum

Auch wenn die Europäischen Gleithörnchen unter Schutz stehen, ist ihre Population in Finnland in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Wirtschaftliche Interessen, etwa durch die Holzgewinnung, sind ihr größter Feind.

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Europäische Gleithörnchen haben eine pelzige Haut zwischen ihren Vorder- und Hinterbeinen. Wenn sie von Baum zu Baum springen, spannt sie sich auf wie ein Gleitschirm. Deswegen werden sie auch als Flughörnchen bezeichnet. Auf dem Boden aber sind sie langsam und schwerfällig - und leichte Beute für Fressfeinde. Wenn nun ganze Waldflächen abgeholzt werden, kann für die Tiere eine unüberwindbare Barriere entstehen. 

Doch das Mitleid für die Tiere hält sich in Grenzen. Die Medien haben sich extreme Fälle herausgepickt, in denen Bauprojekte durch Schutzmaßnahmen behindert wurden. Mit Schlagzeilen wie "Gleithörnchen stehlen den weihnachtlichen Zauber" oder "Fliegender Handschuh kann sogar Autobahnen umleiten" wurde Stimmung gemacht.

PR-Problem der Pelztiere beheben

Ein neues, von der EU-finanziertes Projekt, soll nun die Situation der Gleithörnchen in Finnland verbessern. Das staatliche Unternehmen Metsähallitus, das die landeseigenen Wälder verwaltet, soll die Gleithörnchen in ein besseres Licht rücken und so einen Imagewandel herbeiführen.

Vier Menschen über eine Karte gebeugt in Rekijoki, Finnland

Umweltschützer beraten, wie das Europäische Gleithörnchen auf dem Land von Juho Korvenoja geschützt werden kann

Das sogenannte Flying Squirrel LIFE Project macht es möglich, die scheuen Waldbewohner per Livestream zu beobachten. Vor allem möchte das Projekt aber die Landbesitzer in die Erweiterungspläne für Schutzgebiete einbeziehen - anstatt sie zu bekämpfen.

Juho Korvenoja besitzt Ackerland und Wälder im Süden Finnlands. Er nimmt am LIFE-Projekt teil und hat zugestimmt, einige Waldflächen unberührt zu lassen, um die Tiere zu schützen. "Für das Gleithörnchen ist es, was sein Image angeht, ein langer Weg. Und ich denke die Menschen, die es schützen wollen, müssen noch viel lernen", sagt er DW.

Genau das versuchen die Naturschützer gerade. Manche fordern jedoch auch eine strengere Regulierung für die Gebiete, in denen sich die fliegenden Nagetiere niederlassen. Derzeit ist es den Landbesitzern überlassen, wie viele Bäume sie um die Nistplätze der Gleithörnchen stehen lassen. Andrea Santangeli, Wissenschaftler an der Universität Helsinki, bemängelt, dass es zu wenige sind und die Behörden nicht streng genug überwachen.  "Ich denke, das sollte klar und einheitlich geregelt werden, anstatt die Entscheidung den Waldbesitzern zu überlassen", sagt er DW.

Die finnische Forstbehörde sagt, Landbesitzer seien dafür bekannt, gerade die Bäume zu fällen, die den perfekten Lebensraum für Gleithörnchen darstellen, damit sie sich dort erst gar nicht niederlassen können.

Spürhunde sammeln Daten

Die Hundetrainerin Tanja Karpela mit dem Hund Vihi, der Europäische Gleithörnchen erschnüffeln kann, Finnland

Tanja Karpela mit Vihi, der darauf trainiert ist, Europäische Gleithörnchen aufzuspüren

Eija Hurme, Leiterin des LIFE-Projekts meint dagegen, dass eher Ignoranz als böse Absicht hinter dem Verhalten der Waldbesitzer steckt. Deshalb sammeln sie und ihr Team genaue Daten über die Gleithörnchen, unter anderem über die Größe der Population. Da die Tiere nachtaktiv sind, ist das nicht so einfach. Sie setzen dafür Spürhunde ein.

Tanja Karpela ist für die Ausbildung der Tiere zuständig. Sie sagt, die Hunde spüren den Kot der Gleithörnchen auf. So können sie einen Überblick über die Populationsgröße erhalten.

Gute Nachbarn

In Espoo, der zweitgrößten Stadt Finnlands, sind die Zahlen bereits vielversprechend. Etwa 800 Gleithörnchen leben dort. Es gilt als gelungenes Modell für die Vereinbarkeit von Naturschutz und Stadtplanung.

 Ein Europäisches Gleithörnchen sitzt in der Dämmerung auf einem Baum in Finnland, im Hintergrund ein Haus mit erleuchteten Fenstern

Umweltschützer glauben, dass viele Finnen gern mit Europäischen Gleithörnchen in ihrer Nachbarschaft leben würden

Das Gleithörnchen ist dort keineswegs ein Symbol für ausländische Einmischung. Die Einheimischen sind stolz auf ihre Tiere. Städte wie Espoo zeigen, "dass Erholungsgebiete und Gleithörnchen wirklich gut zusammenpassen", betont Eija Hurme.

Tatsächlich, fügt sie hinzu, könne das den Wert von Immobilien steigern, wenn in den nahegelegenen Grünflächen Gleithörnchen nisten. Dann wüssten die Käufer, dass, "wenn dort ein Gleithörnchen lebt, niemand die Bäume abholzen wird, sie also auch in Zukunft Wald vor ihrem Fenster haben werden."

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