Fibelprinzip statt Schreiben nach Gehör – NRW stellt Rechtschreibunterricht um | Deutschlehrer-Info | DW | 22.08.2019
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Fibelprinzip statt Schreiben nach Gehör – NRW stellt Rechtschreibunterricht um

Nordrhein-Westfalen schafft das Schreiben nach Gehör in der Grundschule ab. Seit Jahren wird dieser Lehrmethode die Schuld an der schlechten Rechtschreibung von Kindern gegeben. Doch die Meinungen dazu sind geteilt.

„Fata", „Hunt" und „Mama, ich hap dich lip" – wenn Grundschüler so drauflos schreiben, dann kocht bei vielen Eltern die Wut hoch. Damit ist nun auch im Bundesland Nordrhein-Westfalen mit Beginn des Schuljahrs 2019/2020 Schluss. „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden", erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Mit einem Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer und erstmals auch mit einem verbindlichen Grundwortschatz will man künftig den Rechtschreibunterricht an den Grundschulen stärken.

Vorgesehen ist, dass die Methode „Schreiben nach Gehör" nicht mehr in Reinform unterrichtet wird. In dem 70-seitigen Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer gibt es fachdidaktische Informationen und konkrete Hinweise für einen systematischen Rechtschreibunterricht. Darüber hinaus soll ein Grundwortschatz mit 533 Wörtern von allen Grundschülern bis zur vierten Klasse erlernt werden.

Die Methode „Schreiben nach Gehör" oder „Lesen durch Schreiben" ist in den letzten Jahren allgemein zum Sündenbock für das sinkende Rechtschreibniveau geworden. Das umstrittene Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen aus den 1980er-Jahren steht inzwischen in vielen Bundesländern auf dem Index. Jahrelang sollten ABC-Schützen nach dieser Methode anfangs nach Gehör schreiben, ohne von Lehrenden oder Eltern korrigiert zu werden.

In Hamburg, Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg sowie in den meisten Bundesländern im Osten Deutschlands kommt „Lesen durch Schreiben" nicht zum Einsatz. Bestätigt fühlen sich die Kritiker durch eine Bonner Studie, wonach Grundschüler Orthografie am besten nach der klassischen Fibelmethode lernen, also erst Buchstabe für Buchstabe und dann ganze Wörter.

Mehr als jeder fünfte Viertklässler in Deutschland erfüllt bei der Rechtschreibung laut einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) aus dem Jahr 2016 die Mindeststandards nicht.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn nur zwei bis drei Prozent der Grundschulen wenden bundesweit die Methode des Schreibens nach Gehör in Reinform an, so die Schätzungen. „Das ist so ein Schlagwort, aber nicht die Unterrichtsrealität", sagt Anne Deimel vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Das reine „Lesen durch Schreiben" nach der Reichen-Methode werde kaum praktiziert.

Hanna Sauerborn, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, sieht vor allem das zu späte Korrigieren als eines der Hauptprobleme. Der Grund für sinkende Rechtschreibleistung sei nicht allein das Schreiben nach Gehör, meint Sauerborn. „Sie werden ein so komplexes Bedingungsgefüge nicht auf einen Faktor reduzieren können." Zu heterogen seien die Klassen heutzutage. Letztlich komme es immer auf den Lehrer an.

Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, räumt ein: „Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben." Auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, sinke das Niveau. „Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen", so Meidinger.

So spiele das zusammenhängende Lesen nur noch eine geringere Rolle bei Kindern. Stattdessen würden täglich Hunderte Kurznachrichten gelesen. „In sozialen Netzwerken spielt die Rechtschreibung keine Rolle", kritisiert Meidinger. Lehrende gäben inzwischen die Rückmeldung, dass Schüler Quellentexte oder literarische Texte nicht mehr verstehen.

Auch Bildungsforscher Hans Brügelmann sieht viele Ursachen des Rechtschreibdramas. „Seit Jahrzehnten wird über die Rechtschreibkatastrophe geklagt", sagt er. „Schon frühere Studien haben immer wieder schlechte Rechtschreibleistungen erbracht." Relativieren will Brügelmann nichts. „Aber die Illusion, wenn wir wieder so unterrichten würden wie früher, dann hätten wir das Problem nicht, die müssen wir uns abschminken."

rh/bwar (mit dpa)

 

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