Festnahmen nach Studentenprotesten in Türkei | Aktuell Europa | DW | 05.01.2021
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Türkei

Festnahmen nach Studentenprotesten in Türkei

Nach Protesten an einer Istanbuler Universität hat die Polizei mehrere Studenten festgenommen. Sie hatten kritisiert, dass der neue Direktor durch Staatspräsident Erdogan bestimmt wurde, anstatt durch freie Wahlen.

Türkei I Proteste an Bogazici Universität in Istanbul

Proteste an der Bogazici Universität in Istanbul am Montag

Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu habe die türkische Polizei 16 Personen in Gewahrsam genommen, nach zwölf weiteren werde gefahndet. Ihnen würden Verstoß gegen das Versammlungsgesetz und Widerstand gegen Beamte vorgeworfen.

Mehrere hundert Studenten der Boğaziçi-Universität hatten am Montag in Istanbul gegen die Ernennung des neuen Direktors durch Präsident Recep Tayyip Erdogan protestiert. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die Sicherheitskräfte setzten unter anderem Tränengas und Plastikgeschosse ein.

Parteifreund an der Hochschulspitze 

Erdogan hatte den neuen Direktor Melih Bulu, der 2015 für die islamisch-konservative Regierungspartei AKP als Abgeordnetenkandidat angetreten war, am Wochenende ernannt. Als Präsident hat Erdogan das Recht, Rektoren einzusetzen. So sicherte er sich nach dem Putschversuch im Jahr 2016 den Zugriff auf die Hochschulen. Davor waren die Rektoren immer hochschulintern gewählt worden. Die Studenten kritisieren unter anderem die Nähe des Direktors zur AKP und die Ernennung als undemokratisch. 

AKP-Sprecher Ömer Celik wies die Vorwürfe zurück und sagte, es sei kein Verbrechen, wenn eine Person eine politische Identität habe. Am Mittwoch sind weitere Proteste geplant.

Kritik aus den Reihen der Professorenschaft  

Der emeritierte Professor Faruk Birtek war 40 Jahre an der Boğaziçi-Universität tätig. Gegenüber der DW erklärte Birtek, es sei notwendig, die Ernennung des neuen Rektors im Gesamtkontext zu betrachten. "Heutzutage werden Hunderte von Bürgermeistern (im Südosten der Türkei) von Zwangsverwaltern ersetzt. Millionen von Wahlstimmen wurden ignoriert. Es gibt ein totalitäres Regime, in dem diejenigen, die der AKP die Treue schwören, die Führung übernehmen."

Der ehemalige Hochschullehrer geht davon aus, dass Präsident Erdoğan die Boğaziçi-Universität als Feindbild sieht. "Wir sind eine dem Westen offen stehende Universität, wo Freiheiten gelebt werden. Erdogan kann damit nichts anfangen."

Türkei | Bogazici Universität | Faruk Birtek

Faruk Birtek sieht die umstrittene Personalentscheidung in einem größeren Zusammenhang

Bülent Küçük ist Professor für Soziologie an der Boğaziçi Universität. Im Gespräch mit der DW verweist er darauf, dass fast 20 Rektoren, die für ihre politische Haltung bekannt sind, in den letzten Jahren ernannt wurden. Daran sehe man eine zunehmende Politisierung des Universitätsbetriebs. "Das wird als Zeichen für einen autoritären Zentralismus wahrgenommen, der die Freiheit in der akademischen Forschung und Lehre beraubt"

Seda Altuğ, die als Assistenzprofessorin an der Universität tätig ist, warnt davor, dass sich durch die präsidentielle Entscheidung die Atmosphäre an der Hochschule radikal verändern könnte. "Es sollte jemand von Innen ernannt werden. Jemand, der unsere Gesetze und Praktiken kennt", fordert sie gegenüber der DW. 

Erdogan: Verräter und Terroristen 

An der Boğaziçi-Universität, an der die Veranstaltungen auf Englisch abgehalten werden, hat sich über die Jahre eine starke linksgerichtete Studentengemeinde versammelt. Im Jahr 2018 wurden mehrere Studenten festgenommen, weil sie an einer Demonstration gegen eine türkische Militär-Offensive in Syrien teilgenommen hatten. Erdogan beschimpfte sie als "Verräter" und "Terroristen".

Türkei Istanbul | Bogazici-Universität: Proteste gegen Ernennung eines Direktors durch Erdogan

Protest auf dem Gelände der Bogazici-Universität gegen Einflussnahme Erdogans

Die Istanbuler Universität blickt auf eine lange Vergangenheit zurück. Sie wurde 1863 unter dem Namen Robert College als erste amerikanische Universität außerhalb der USA gegründet. 1971 wurde sie nach dem Bosporus umbenannt, in dessen Nähe sie im europäischen Teil Istanbuls liegt.

bri/qu (dpa, afp, dw, ard)