Ferkel-Kastration - ein internationaler Vergleich | Deutschland | DW | 29.11.2018
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Tierschutz

Ferkel-Kastration - ein internationaler Vergleich

Die deutsche Regierung verschiebt das Verbot für eine betäubungslose Kastration von Ferkeln auf 2021 - für Tierschützer und Tiere ein schmerzhafter Rückschlag. Wie regeln das andere Länder?

Deutschland Ferkel trinken beim Mutterschwein (picture-alliance/dpa/W. Rothermel)

Etwa eine Woche alt sind die männlichen Ferkel, wenn sie kastriert werden

Etwa 20 bis 25 Millionen männliche Ferkel werden in Deutschland pro Jahr ohne Betäubung kastriert. Ihnen wird der Samenstrang mit einer Zange abgequetscht und der Hoden abgeschnitten, ohne jede Betäubung.

Im Tierschutzgesetz steht eigentlich: Ein schmerzhafter Eingriff darf bei einem Wirbeltier nicht ohne Betäubung durchgeführt werden. Bisher galt aber eine Ausnahme für die Kastration von Ferkeln bis zu ihrem siebten Lebenstag. Diese Ausnahme sollte 2019 enden. Doch nun schiebt die große Koalition auf Druck der Fleischindustrie die Frist um zwei Jahre nach hinten.

Wie steht Deutschland damit im europäischen Vergleich in punkto Tierschutz da? Welche Methoden werden in anderen Ländern verwendet?

Deutschland ab 2021

Ab 2021 gibt es für deutsche Schweinebauern drei Möglichkeiten: Sie können die Ferkel unter Narkose setzen lassen für die Kastration, sie können eine sogenannte Immunokastration durchführen - ein Verfahren, bei dem das Schwein gegen Geschlechtshormone geimpft wird - oder: Sie können auf die Kastration verzichten.

Deutschland Freilandschweine | Eber (picture-alliance/imageBROKER/A. Luhr)

Glück gehabt: Diese Freilandschweine blieben unkastriert - wie derzeit nur wenige ihrer Artgenossen in Deutschland

Kastration ohne Betäubung: In den meisten Ländern erlaubt

Derzeit ist in der EU die betäubungslose Kastration in nur einem Land verboten - in Schweden. In einigen Ländern jedoch hat sich die Fleischbranche Selbstverpflichtungen zur Schmerzlinderung auferlegt. So schreibt das deutsche QS-Prüfzeichen vor - mit dem etwa 90 Prozent des in Deutschlands produzierten Schweinefleisches vertrieben werden -, dass Ferkeln vor und nach der Kastration Schmerzmittel gegeben werden müssen. Das allerdings lindert den Schmerz beim Herausschneiden ihrer Hoden kaum.

Lokale Betäubung: Schweden und Norwegen

Zwei Länder in Europa schreiben vor, dass ein Schwein lokal betäubt werden muss, bevor die Kastration durchgeführt wird: Schweden und Norwegen. In Norwegen muss ein Tierarzt den Eingriff vornehmen, im Nachbarland können die Bauern selbst die Betäubung und Kastration durchführen. In Dänemark soll die lokale Betäubung bei der Ferkel-Kastration ab 2019 Pflicht werden - auch hier dürften sie die Landwirte durchführen.

Viele deutsche Landwirte sprechen sich für diese Methode aus - schließlich ist sie wesentlich kostengünstiger als zum Beispiel eine Vollnarkose. Aber Experten und Tierschützer halten eine lokale Betäubung für kaum besser als gar keine.

"Die lokale Betäubung ist unter Wissenschaftlern sehr umstritten", erläutert Nutztierforscherin Professor Ulrike Weiler von der Universität Hohenheim. Schließlich muss dafür eine Spritze in den Hoden eines sehr jungen, kleinen Tieres geführt werden, was beim Tier ebenfalls starke Schmerzen verursachen kann. "Zahlreiche Studien zeigen, dass die Injektion von Lokalanästhetika einen zusätzlichen Stress- und Schmerzfaktor (...) darstellt und die Betäubung ungenügend ist, um den Kastrationsschmerz vollständig auszuschalten", schreibt der deutsche Tierschutzbund. Bis 2021 will das deutsche Landwirtschaftsministerium prüfen, ob eine lokale Betäubung hinreichend schmerzlindernd ist.

Vollnarkose: Nur in der Schweiz vorgeschrieben

Das weltweit einzige Land, in dem Schweine nur unter Narkose kastriert werden dürfen, ist seit 2010 die Schweiz. Dort dürfen Bauern mit einem Sachkundenachweis selbst ihren Schweinen durch ein Gas für die Dauer der Operation das Bewusstsein nehmen. 

In Deutschland darf derzeit nur ein Tierarzt die Narkose durchführen. Doch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat angekündigt, deutschen Bauern die Verwendung des Narkosemittels Isofluran nach Schweizer Vorbild erlauben zu wollen.

Deutschland Ferkelkastration (picture-alliance/dpa/H. Hollemann)

Dieses Ferkel aus Niedersachsen wird vor der Kastration narkotisiert. Das machen in Deutschland bisher nur wenige Betriebe

Kastration durch Impfung? Bisher wenig verbreitet

Internationaler Vorreiter im Impfen gegen die Geschlechtsreife istAustralien. Dort wurde die Immunokastration schon vor 20 Jahren eingeführt. Einer 2016 veröffentlichten wissenschaftlichen Umfrage zufolge werden etwa 35 Prozent aller männlichen Schweine dort so kastriert. In Brasilien, wo seit 2008 immunokastriert wird, werden ganze 60 Prozent aller Eber per Impfung kastriert.

In Europa ist das Verfahren in Belgien am weitesten verbreitet - hier werden etwa 18 Prozent der Eber gegen die Geschlechtsreife geimpft. Laut Nutztierexpertin Weiler liegt dies vor allem daran, dass große Handelsketten dort diese Methode der Kastration gezielt unterstützt haben.

Die deutsche Fleischbranche stand der Immunokastration bisher eher skeptisch gegenüber. Es gibt Sorgen, das Fleisch könnte als "Hormonfleisch" wahrgenommen werden - auch wenn Wissenschaftler diese Sorge als unbegründet erachten.

Fast keine Kastration: Großbritannien und Irland

In Großbritannien und Irland spielt die Frage, wie männliche Ferkel kastriert werden sollen, kaum eine Rolle. Der Grund: Sie werden fast nie kastriert. Auch in Portugal, Spanien und den Niederlanden werden höchstens je 20 Prozent der männlichen Mastschweine kastriert - in Deutschland hingegen liegt die Zahl bei 80 Prozent.

Woran liegt das? In Deutschland gilt das Fleisch von Ebern - unkastrierten männlichen Schweinen - als schwer verkäuflich, da dieses einen herben Geruch und Beigeschmack entwickeln kann, den viele Verbraucher als unangenehm empfinden. Zudem gelten unkastrierte Eber durch ihren stärkeren Sexualtrieb und erhöhte Aggressivität als schwieriger in der Haltung

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Betäubungslose Ferkel-Kastration geht weiter

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Das wird aber in England, Irland und Co. nicht zum Problem, da die Schweine traditionell sehr viel jünger und leichter geschlachtet werden - bevor sie einen "Ebergeruch", Aggressionen oder Sexualtrieb entwickeln. "In Deutschland sind die Schweine im Schnitt meist mit etwa 120 Kilo Gewicht schlachtreif, in Ländern wie Irland, Großbritannien oder Spanien werden Eber traditionell wesentlich leichter geschlachtet", sagt Landwirtschaftsexpertin Weiler.

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