FC Bayern München: Die Moral des Meisters | Sport | DW | 10.05.2021
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Bundesliga

FC Bayern München: Die Moral des Meisters

Wer neunmal deutscher Meister in Serie wird, kann eigentlich nichts falsch gemacht haben. Schaut man hinter die Kulissen des FC Bayern, stimmt dieses makellose Bild nicht so ganz. Doppelmoral statt Doppelpass?

Manche, die den FC Bayern schon länger beobachten, erinnern sich noch an die unterhaltsamen Zeiten. Als der Klub zwar nicht unschlagbar war, aber - wegen der über einschlägige Boulevardblätter gestreute Insider-Geschichten -  "FC Hollywood" genannt wurde. Der Präsident in jenen Jahren hieß Franz Beckenbauer - und der hatte schon aus Prinzip recht. Selbst, wenn er nicht recht hatte. 1996 war die Lage mal so, dass Präsident Beckenbauer, damals noch so genannte Lichtgestalt des deutschen Fußballs, sogar den Trainerposten für einige Monate einnehmen musste. Deutscher Meister wurde damals Borussia Dortmund. Nebenbei bemerkt.

Zwei Tage später im Fan-Shop

Das sei Schnee von vorgestern, werden die Fans des inzwischen ja höchst ruhmreichen FC Bayern einwenden. Der Verein funktioniert inzwischen derart geschmiert, dass man zum Beispiel das T-Shirt mit der stilisierten "9" - für die neun Meistertitel in Folge - schon zwei Tage nach der Präsentation auf den Brüsten der stolzen Helden im Fan-Shop erwerben kann. Kostenpunkt vierundzwanzig Euro fünfundneunzig, für weibliche Fans auch in Schwarz. Ein Schnapper.

Fußball Bundesliga | FC Bayern München vs. Borussia Mönchengladbach | Deutscher Meister

Die Bayern feiern die nächste Meisterschaft - mit der "9" auf der Brust

Wobei man bei einem heiklen Thema angekommen wäre: der FC Bayern und das liebe Geld. Wie viele Parameter des heutigen Erfolgs geht auch das oft zitierte Festgeldkonto des Vereins auf den Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß zurück. Und sowohl Hoeneß als auch der heutige Vereinschef Karl-Heinz Rummenigge haben über all die Jahre immer wieder betont, dass sie keinesfalls das Spiel des großen Geldes mitmachen wollten, das etwa in der von arabischen Ölmilliardären befeuerten Premier League gespielt wird. Motto: koste es, was es wolle. Doch wenn es darauf ankam, nahmen es die Bayern nicht so genau. Für Leroy Sané etwa wurde eine Ablösesumme von 49 Millionen Euro ("Bild"-Zeitung) genannt, in anderen Quellen war gar von 60 Millionen Euro ("The Times") die Rede. Selbst für die Empfänger der Überweisung in Manchester war das kein kleines Geld.

Hätte man das auch mit Klopp gemacht?

Und nun leistet man sich mit Julian Nagelsmann den teuersten Trainer-Einkauf aller Zeiten. Ganz gleich, ob es nun 25 oder 30 Millionen Ablöse sind, die man auf das Konto von Liga-Konkurrent RB Leipzig transferiert hat. Um die von der Liga zu Beginn der Corona-Pandemie ausgerufene kollektive Demut zu erkennen, benötigt man dann doch ein wenig Fantasie. 

Nun könnte man einwenden, dass angesichts des Zerwürfnisses zwischen Noch-Coach Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic Gefahr im Verzug war. Aber man hätte ja auch einmal verschärft darüber nachdenken können, den wirklich ungemein erfolgreichen und bei der Mannschaft höchst respektierten Trainer Flick zu halten, aufzuwerten - oder wenigstens den Zwist zu kitten. Preisfrage: Hätten die Bayern auch einen Trainer Jürgen Klopp so einfach gehen lassen, wenn mal schlechte Stimmung an der Säbener Straße geherrscht hätte? Wohl kaum.

Fußball FC Bayern | Symbolbild

"Mia san mia": der Spruch der Bayern hat in manchen Ohren durchaus einen etwas negativen Klang. Da muss man nicht einmal Preuße sein

Apropos "schlechte Stimmung": Man muss bei diesem Stichwort noch einmal auf den verdienten Ehrenpräsidenten Hoeneß und seinen inzwischen bereits klassischen Ausruf bei einer Jahreshauptversammlung zurückkommen: "Eure Scheiß-Stimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir", rief Hoeneß 2007 im Festsaal der Paulaner Brauerei den eigenen Fans entgegen, die mürrisch waren ob der Vereinspolitik. Mürrisch sind inzwischen nicht nur einige Anhänger in München selbst, sondern auch Fußballfreunde in der ganzen Republik: Denn die Liga ist ob der Dominanz der Bayern schlicht langweilig geworden. Und kaum kommt ein Verein wie RB Leipzig mal in der Tabelle heran, siehe oben, kaufen die Münchener zum Beispiel den Trainer weg. Der Junge sei aus dem Süden und wollte schon immer zu den Bayern. Kannste halt nix machen.

Der "Platin Partner" aus Katar

Doch, kannste schon! Jedenfalls dann, wenn ein Verein nicht den Eindruck festigen will, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Oder Weißbier, je nach Geschmack oder Sponsor. Nächstes Stichwort: Sponsoring. Aus dem "Platin Partner" Qatar Airways wird sich kein politisch korrekter Partner eines auf Nachhaltigkeit bedachten Vereins mehr schnitzen lassen. Die Äußerungen der Vereinsmanager zu den regelmäßigen Ausflügen nach Katar werden jedenfalls nicht überzeugender, je häufiger sie vorgetragen werden. Fast schon kann man schmunzeln über den Vorgang, als die Bayern im Februar von Berlin aus wegen des Nachtflugverbots nicht mehr zur Klub-WM nach Doha abheben durften. Hoeneß sprach von einem "Skandal ohne Ende", während die Spieler die sieben Stunden Wartezeit im Flugzeug mit mehr Gelassenheit zu Ende spielten.

Jahreshauptversammlung FC Bayern München 2019 | Herbert Hainer & Uli Hoeneß

Große Verdienste, große Aufgaben: Bayern-Präsident Hainer und sein erfolgreicher Vorgänger Hoeneß (rechts)

Fazit: Man kann dem FC Bayern keinesfalls seinen Erfolg vorwerfen. Und dass der Verein - nimmt man einmal die Causa Flick/Salihamidzic aus - heute über ziemlich professionelle Strukturen verfügt, steht auch außer Zweifel. Aber wenn man sich als Fußballfreund etwas wünschen dürfte, dann dies: mehr Doppelpass als Doppelmoral. Der heutige Präsident, Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer, ist dafür eigentlich genau der richtige Mann. Und der Umstand, dass die unsinnige Super League unter anderem am klugen Beharrungsvermögen des deutschen Vorzeige-Klubs gescheitert ist, war da ein wirklich gutes Zeichen. Auch dazu Glückwunsch, FCB!

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