Fans kritisieren DFB: ″Ignorant, arrogant, unprofessionell″ | Sport | DW | 11.09.2018
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Fußball

Fans kritisieren DFB: "Ignorant, arrogant, unprofessionell"

Nach einem zweiten Treffen mit dem Deutschen Fußball-Bund kündigt ein Fan-Bündnis die Gespräche auf. Zwei der beteiligten Unterstützer kritisieren im Interview mit einem BVB-Fanzine die Herangehensweise der Verbände.

Die Gespräche sind (vorerst) beendet. Das Thema ist jedoch (noch längst) nicht erledigt. Im Gegenteil. Die Proteste vieler deutscher Fußballfans gegen die zunehmende Entfremdung und Kommerzialisierung durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sollen sogar intensiviert werden. Aber woran scheiterte der gemeinsame Austausch zwischen den Verbänden und dem Fan-Bündnis nach nur zwei Treffen eigentlich?

In einem Interview mit dem unabhängigen Borussia-Dortmund-Fanzine Schwatzgelb haben zwei aktive BVB-Fans, die an den Gesprächen mit dem DFB beteiligt waren, beschrieben, wie die Diskussionen organisiert waren, was sie mit sich brachten und was erreicht wurde - ober eben auch nicht. "Man labert und kommt nicht zum Ergebnis. Das ist eigentlich das, was wir seit Jahrzehnten beobachten. Man sieht das beim Verband wahrscheinlich als große Leistung an, dass man sich mal zur Basis herab begibt, um sie ruhig zustellen", meint Nicolai, ein Mitglied von The Unity, der größten Ultra-Gruppe der Dortmunder Südtribüne.

"Nicht der kleinste gemeinsame Nenner"

"Wenn man da in so ein Gespräch reingeht, dann sitzen da Leute wie der Chef der Pressekommunikation, der in vier Stunden nicht ein einziges Wort sagt, dann sitzen da Sozialarbeiterinnen, die nichts beitragen. Dann spielen Herr Grindel und Herr Koch an ihren Handys rum, während man mit ihnen redet, die gucken die Person nicht mal mehr an. Das hat mit normaler Gesprächsführung nichts mehr zu tun. Und als wir dann in den Gesprächen gemerkt haben, dass wir nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kommen, habe ich mich schon gefragt: Warum sitze ich hier eigentlich noch herum?", erklärt Nicolai.

Seit Jahren versuchen engagierte Anhänger ihre Anliegen beim DFB vorzubringen. Bisher ohne großen Erfolg. Dabei geht es unter anderem um verbindliche Regelungen zu erlaubten Fahnengrößen im Stadion, um Pyrotechnik, um Fragen der Sicherheit oder ganz allgemein um Mitspracherechte der Anhänger. Und es geht um das ganz große Thema: die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. Die Fans fühlen sich nicht ernst genommen.

Ausschreitungen, Plünderungen, Verletzte

Fußball 2. Bundesliga Karlsruher SC Dynamo Dresden Fans von Dynamo Dresden (picture-alliance/dpa/U. Anspach)

Dynamo Dresden-Anhänger beim Auswärtsspiel in Karlsruhe im Mai 2017

Ernst wurde es, als Anhänger von Dynamo Dresden, die schon seit Jahren immer wieder durch Ausschreitungen negativ auf sich aufmerksam machen, im Mai 2017 im Auswärtsspiel in Karlsruhe dem DFB den "Krieg erklärten". In Camouflage-Kleidung mit der Aufschrift "Football Army Dynamo Dresden" stürmten sie den Eingangsbereich, plünderten Imbissstände - dabei wurden laut Polizei 21 Ordner und 15 Polizisten verletzt. Daraufhin suchte der DFB das Gespräch mit den Dynamo Dresden Ultras. Doch zu dem geplanten Treffen kamen überraschend auch 30 Vertreter von Fangruppen aus ganz Deutschland.

"Koch [Rainer Koch, DFB-Vizepräsident, Anm. der Red.] war durchweg ignorant und arrogant, wenn natürlich auch überrascht von der Situation, das muss man ihm zu Gute halten - aber er ist sehr weit weg von der Basis", berichtet Christian, wie Nicolai ein ebenfalls Mitglied von The Unity. "Er hat immer wieder versucht, uns in eine Ecke zu drängen, hat auch offensichtlich gelogen und ist überhaupt nicht auf uns eingegangen. Nach einer halben bis dreiviertel Stunde sagte er dann 'Es geht euch doch eigentlich nur um Pyrotechnik', was erstmal zu lautem Gelächter und Geraune führte. Da fühlten wir uns schon ein bisschen verarscht und haben gemerkt, dass kaum Interesse besteht, sich die wirklichen Probleme anzuhören."

"Mangelnde Wertschätzung"

Trotz der missglückten Kommunikation entscheidet sich ein Teil der Fanszene, weiter mit dem DFB in Kontakt zu bleiben, arbeitet Positionspapiere aus. "Man muss sich aber auch mal klar machen. Dass wir das alles ehrenamtlich machen und erarbeiten, teilweise unter Hinzuziehen von Anwälten, dass wir richtig Zeit investieren für solche Konzepte - und dann hört man drei Monate von den Verbänden, die hauptamtlich organisiert sind, gar nichts", sagt Nicolai. "Das ist kein gutes Zeichen, gerade wenn die sich vorher um Floskeln wie Wertschätzung und Augenhöhe bemühen. Das ist einfach unprofessionell. Es gab keine Rückmeldung, bis wir dann wieder auf die Verbände zugegangen sind."

Das zweite Treffen sei nicht besser gewesen als das erste - besonders die Präsentation seitens des DFB kam bei den beiden BVB-Anhängern nicht gut an. "Das war eine Verarsche, einfach hingerotzt. Der Inhalt war schwach, die Aufbereitung war schwach, die Darstellung war katastrophal", erinnert sich Nicolai. In der offiziellen Begründung zur Aufkündigung der Gespräche seitens des Fan-Bündnisses liest sich das so: DFB und DFL seien sich "weder des Gegenwertes dieser ausgestreckten Hand der Fanszenen Deutschlands, noch der Konsequenzen dieser mangelnden Wertschätzung der Basis in den Stadien bewusst." Und weiter ist zu lesen: "Stattdessen manifestierte sich viel mehr der Eindruck, dass der Fußballsport noch weiter seiner sozialen und kulturellen Wurzeln beraubt werden soll, um ihn auf dem Altar der Profitgier von den Verbänden auszunehmen."

"Wir wollen etwas verändern"

Fußball DFB-Pokal 2018 Fans Proteste (picture-alliance/dpa/P. Seeger)

Friedlicher Protest gegen den DFB im DFB-Pokal zwischen SV Linx und dem 1. FC Nürnberg

Auf Anfrage der DW wollte der DFB dazu keine Erklärung abgeben, er verwies auf eine Pressmitteilung von der vergangenen Woche. Darin äußerte der Fußball-Bund sein "Bedauern" über die Entscheidung der Unterstützer, sich aus den Gesprächen zurückzuziehen, vor allem angesichts des intensiven und kritischen Austausches im vergangenen Winter, der als offen und konstruktiv betrachtet wurde. Der DFB und die DFL blieben offen für den Austausch von Meinungen und Ideen mit Fangruppen, hieß es weiter. "Jeder Austausch muss jedoch objektiv und faktenbasiert sein. Generalisierte Vorwürfe gegen die Verbände oder Einzelpersonen sind nicht produktiv."

Unterdessen arbeitet ein großer Teil der aktiven Fanszene an einer neuen Protest-Aktion. Als die neue Saison im letzten Monat mit der ersten Runde des DFB-Pokals begann, waren in vielen Stadien Transparente zu lesen mit der Aufschrift: "Sie werden von uns hören!" In welcher Form das sein wird, verraten die beiden BVB-Anhänger nicht. "Wir haben alle Jobs und wir alle haben ein Privatleben", sagten sie. "Wir wollen etwas verändern, aber die Form des Dialogs muss sich ändern. Wir sind definitiv flexibel und kreativ."

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