Familiennachzug: wie eine Lotterie | Deutschland | DW | 12.10.2018
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Flüchtlinge

Familiennachzug: wie eine Lotterie

Es ist die Geschichte eines kranken Flüchtlings-Mädchen. Aisha Daboul hoffte, dass ihr Vater nach drei Jahren Trennung mithilfe des Familiennachzugs zu ihr nach Deutschland kommen könnte. Doch ihr Herz spielte nicht mit.

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Härtefall: Syrische Flüchtlingsfamilie

Zerbrechlich sieht sie aus, die 27-jährige Aisha. Aus ihrer Nase führen dünne Plastikschläuche zu dem großen Sauerstoffgerät neben dem Bett in der Flüchtlingsunterkunft. Herzinsuffizienz dritten Grades lautet die Diagnose. Hände und Füße sind dunkelblau, weil ihr Herz zu wenig Blut in den Körper pumpt. Daneben ein großer Ventilator, doch erbarmunslos brennt die Sonne in den 17 qm großen Raum, den sie sich mit ihrer Mutter in Berlin-Hohenschönhausen seit über zwei Jahren teilen muss, zum Schlafen, Essen und Kochen. Es strengt sie ganz offensichtlich an, doch sie will ihre Geschichte erzählen, weil sie auf eine Zukunft mit ihrem geliebten Vater hofft. Als die beiden über WhatsApp telefonieren, nennt er sie meine Seele, meine große Liebe. Für Aisha ist ihr Vater alles. Mehrmals während des Gespräches fällt der Satz: "Ich habe auch meine Träume."

Im Fernsehen sah ihr Vater eine Zukunft für seinen Augenstern

Rückblick: Sommer 2015 in Aleppo. Seit vier Jahren wütet in Syrien der Bürgerkrieg. Achmad, der 21-jährige Sohn der Familie Daboul, hat sich allein auf die Flucht gemacht. Er will studieren und nicht in Assads Armee auf die eigenen Leute schießen. Deutschland ist sein Ziel. Aufmerksam verfolgt sein Vater die Nachrichten über die Fluchtrouten nach Deutschland. Seine erstgeborene Tochter Aisha ist sein Augenstern. 

Aisha Daboul (DW/B. Stehkämper)

Täglich spricht die herzkranke Aisha mit ihrem Vater in Aleppo

Fünf Jahre studierte Aisha Psychotherapie. Sie ist intelligent und ehrgeizig. Doch die Krankheit frisst an ihr. Irgendwann ist sie so schwach, dass sie nicht mehr zur Universität gehen, das Haus kaum noch verlassen kann. Eine medizinische Versorgung ist nach vier Jahren Krieg nicht mehr möglich. Herr Daboul hat Angst, dass seine Tochter stirbt. Und auch dem Jüngsten, dem 17-jährigen Ali, droht demnächst der Militärdienst. 5000 Dollar wollen die Schlepper haben, wenn sie seine Frau, die kranke Tochter und Ali aus Syrien herausbringen. Soviel Geld hat der selbstständige Tischler nicht. Also leiht er sich das Geld von den Schleppern, vertraut ihnen seine Liebsten an und bleibt als Faustpfand für sie in Aleppo allein zurück.

Die Flucht ist für Aisha die Hölle. "Ich war so erschöpft, dass ich kurz davor war zu sterben. Aber sie haben mich immer weiter auf dem Rücken getragen." Sie, das sind ihre Mutter, ihr Bruder, andere Flüchtlinge, die Mitleid haben mit der jungen Frau. In der Türkei kommt ihr der Rollstuhl abhanden, ab dann ist sie völlig auf andere angewiesen. Manchmal nimmt sie ein Auto mit. Wie sie es bis Deutschland ohne Medikamente und Rollstuhl schaffte, kann man sich nicht wirklich vorstellen.

Deutschland heißt Warten

In Deutschland bekommen sie subsidiären Schutz. Aishas Mutter Mariam, eine schöne Frau von 45 Jahren, ist der Bundeskanzlerin Merkel bis heute dafür dankbar. "Mein großer Traum ist, Frau Merkel einmal persönlich zu danken, dass sie uns aufgenommen hat", sagt sie. Ihr Ältester hat es tatsächlich allein nach Deutschland geschafft. In diesem Wintersemester wird er mit dem Studium anfangen. Auch der Jüngste wird demnächst sein Abitur machen. Die Dankbarkeit erstaunt, denn viele Hoffnungen haben sich auch zerschlagen. Aisha wird in Berlin im Herzzentrum der Charité behandelt. Doch noch immer steht sie nicht auf der Warteliste für ein neues Herz. "Sie sagen immer, warte, wir haben eine Fachkonferenz", sagt sie verzweifelt. Mittlerweile sind auch Nieren und Leber in Mitleidenschaft gezogen. " Ich bin enttäuscht, ich hatte gehofft, dass ich schnell geheilt werde, deutsch lernen kann, wieder studieren", und dann fällt wieder dieser Satz: "Ich habe auch meine Träume".

Ihre Mutter Mariam spricht nicht von ihren Träumen. 28 Jahre ist sie mit ihrem Mann verheiratet. Eine sehr gute Ehe, wie sie sagt, und dass die drei Jahre Trennung ihr langsam alle Kräfte nehmen. Tag und Nacht muss sie bei ihrer Tochter sein. Sie würde gern häufiger in den Deutschkurs gehen, Freunde kennenlernen, kochen. All das geht nicht. Aisha kann höchstens zwei Stunden allein sein. Kochgerüche verträgt sie nicht, der Herd ist ja auch gerade einmal drei Meter von ihrem Bett entfernt.

Mariam Al Abdullah Alremmo und Aisha Daboul (DW/B. Stehkämper)

Mariam Al Abdullah Alremmo kann ihre Tochter nicht länger als zwei Stunden alleine lassen

Dass sie den Nachzug ihres Mannes schon vor Jahren hätte beantragen müssen, hat Mariam Al Abdullah Alremmo nicht gewusst. Schließlich war der Familiennachzug ausgesetzt, das heißt, ihrem Mann war verboten nachzukommen. Wie sollte sie es auch wissen, sie kommt ja auch kaum raus aus dem 17 qm großen Zimmer. Alles dauert. Das mobile Sauerstoffgerät zu beantragen, den Rollstuhl für Aisha, eine barrierefreie Wohnung zu finden. Dass es Pflegeberatungszentren gibt, wissen sie nicht. Schon ein eigenes Schlafzimmer wäre für sie ein Fortschritt, denn das Brummen des Sauerstoffgerätes raubt ihr Nacht für Nacht den Schlaf.

Die Härtefallregelung scheint willkürlich

All ihre Hoffnung setzt sie nun in ihre junge Anwältin Cana Mungan vom Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und MigrantInnen in Berlin. Ihre Dolmetscherin hat den Kontakt hergestellt. Die Anwältin hat einen Antrag auf Härtefallklausel nach § 22 Aufenthaltsgesetz gestellt. Ein Versuch, so Cana Mungan.

Das Auswärtige Amt betrachte vor allem zurückgebliebene Kinder als Härtefälle. "Je jünger der Antragsteller, desto größer die Chancen", das beobachte sie auch bei ihren Fällen. Abgelehnt wurde der Antrag eines Vaters, der ab der Brust gelähmt ist und dessen ganze Familie in Deutschland ist. Ein Visum für Deutschland zuerkannt bekam ein Vater, der dringend eine Nierentransplantation benötigt. Seine minderjährigen Kinder bekamen jedoch keines. Für Cana Mungan ist völlig unklar, nach welchen Kriterien das Auswärtige Amt jemanden als Härtefall einstuft. "Manchmal hängt es von den Prüfern in den Botschaften ab, auf jeden Fall ist das Verfahren intransparent und willkürlich", beklagt sie.

Das Leben der Familie Daboul findet im Wartesaal statt. Darauf warten, dass Aisha auf die Liste für eine Herztransplantation kommt. Auf die Antwort des Auswärtigen Amtes warten. Auf eine Wohnung, die rollstuhlgeeignet ist.

Aisha Daboul verstarb im September. Ihr Vater konnte nicht an der Beerdigung teilnehmen.

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