Falschen Zitaten auf der Spur | Kultur | DW | 23.03.2021
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Kuckuckszitate

Falschen Zitaten auf der Spur

Einstein, Churchill oder Brecht: Diese Geistesgrößen der klugen Worte werden gerne zitiert. Aber haben sie wirklich gesagt, was man ihnen zuschreibt?

Deutschland | Graffiti von Albert Einstein an einer Hauswand von der Firma lackaffen

Nobelpreisträger Albert Einstein gehört zu den am häufigsten falsch zitierten Persönlichkeiten

"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten", lautet eines der bekanntesten Zitate des österreichischen Schriftstellers und Satirikers Karl Kraus. Doch es stamme gar nicht von Kraus, sagt der Literaturwissenschaftler und Zitatforscher Gerald Krieghofer. Der Satz sei in Wirklichkeit von einem Mitarbeiter Karl Kraus' geäußert worden und somit ein "Kuckuckszitat". 

Krieghofer hat mehr als 500 falsche Zitate bekannter Persönlichkeiten gesammelt, um ihren wahren Ursprung zu ergründen. Mit dieser Entdeckerlust ist er nicht allein: Internetseiten in sämtlichen europäischen Sprachen nehmen sich des Themas an, listen die beliebtesten 10 Falsch-Zitate oder machen sich über falsche Zitate lustig, etwa mit diesem karikierenden Zitat neben einem Foto von Abraham Lincoln, das auch bei Twitter kursiert: "Glauben Sie nicht alles, was Sie im Internet lesen, nur weil ein Foto mit einem Zitat daneben steht."

Nach den Recherchen von Gerald Krieghofer gehört Abraham Lincoln neben Mark Twain und Winston Churchill zu den Persönlichkeiten, die sehr oft falsch zitiert werden. Im deutschen Sprachraum seien es vor allem die Schriftsteller Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Karl Kraus oder der Staatsmann Otto von Bismarck. Der am häufigsten falsch zitierte Mensch weltweit, so sagt Krieghofer im Gespräch mit der DW, sei jedoch Albert Einstein.

Falsche Zitate, ein Phänomen unserer Zeit

Gerald Krieghofer hat viele Jahre für die österreichische Akademie der Wissenschaften über Karl Kraus geforscht. Allein von ihm hat er mehr als 50 falsche Zitate gesammelt. Mittlerweile hat er seine Sammlung auf bekannte Persönlichkeiten der Politik, Kultur und Wissenschaft erweitert. Ihre vermeintlichen Zitate kursieren im Netz oder in den Medien und werden auch gerne in Politiker-Reden verwendet. Vieles bekommt Krieghofer auch von findigen Mitstreitern zugespielt. "Falschzitate gab es immer schon, und immer haben sich Leute darüber aufgeregt."

So hat sich der Autor Georg Büchmann 1868 mit den "Geflügelten Worten" beschäftigt und versucht, die wahren Quellen für gängige Sprüche und Zitate zu finden. Ein Buch, das bis heute immer wieder aktualisiert wird und in anderen Sprachen um jeweils eigene "Bonmots" ergänzt wurde.

Zeichen und Parolen zur Friedensbewegung an einer Wand

"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" - ein Zitat das fälschlich Bertolt Brecht zugeschrieben wird

"Was heutzutage neu ist, sind Fotos mit Zitaten im Internet. Und ich wette mit Ihnen, dass die Hälfte davon falsch zugeschrieben ist", vermutet Krieghofer. Auch die vielen Online-Zitatsammlungen seien eine Quelle falscher Zitate, so wie dieses: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Fälschlicherweise wird es oft als Zitat des Autors Bertolt Brecht genannt. "Es ist in den 70er-Jahren aufgekommen, in der Anti-Atomkraftbewegung und wurde irgendwann einfach Brecht zugeschrieben", sagt Krieghofer. Ähnlich verhalte es sich mit dem Spruch: "Stell dir vor, es gibt Krieg und keiner geht hin." Nach Krieghofers Recherchen ist der Slogan in den USA entstanden und wird in Deutschland ebenfalls gerne Bertolt Brecht zugeschrieben.

Warum wir so gerne zitieren

Falsche Zitate findet Gerald Krieghofer überall: Nicht nur in den Medien, sondern auch in Eingangszitaten für Dissertationen oder in verschiedensten Reden. "Sehr viele falsche Zitate sind in Management- Ratgebern zu finden. Offensichtlich gibt es für Motivationsreden immer einen Bedarf, gebildet zu erscheinen. Da existieren meiner Meinung nach besonders viele unseriöse Sammlungen", sagt der Zitatforscher.

Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, sich mit fremden Zitaten zu schmücken. Die einen wollen ihrem Gegenüber mit Zitaten Bildung suggerieren und belesen wirken, andere wiederum ihr Publikum mit kraftvollen Zitaten mitreißen. "Wenn etwas witzig ist, dann schiebt man es im deutschen Sprachraum gerne Kurt Tucholsky oder Mark Twain unter", weiß Krieghofer.

Deutschland Reichskanzler Otto von Bismarck

Rechte Gruppierungen verwenden gerne vermeintliche Zitate von Reichskanzler Otto von Bismarck

Neonazis oder Rechtspopulisten wie Alexander Gauland (von der Partei 'Alternative für Deutschland') würden dagegen gerne falsche Bismarck-Zitate verwenden. "Irgendein Spruch, der gerade ins politische Konzept passt, da sagt man dann einfach, das sei von Bismarck." Solch ein Zitat verleihe dann mehr Autorität. Und ein Witz sei eindeutig witziger, wenn man ihn Albert Einstein zuschreibe, meint Krieghofer.

Was berühmte Leute angeblich gesagt haben

Außerdem gibt es noch das, was man in der Fachsprache "Sekundärzitate" nennt. Etwa Biographen, die eine berühmte Persönlichkeit zitieren, die sie gekannt haben, auch wenn die Zitate womöglich erfunden sind. Beethovens Sekretär und erster Biograph, Anton Schindler, prägte zum Beispiel die vermeintlichen Beethoven-Worte "So pocht das Schicksal an die Pforte." Die soll Beethoven ihm in Bezug auf das berühmte Eingangsmotiv seiner fünften Sinfonie gesagt haben, woraufhin die Sinfonie bis heute den Namen "Schicksalssinfonie" trägt. Der Beethovenforscher Jens Dufner hält Anton Schindler jedoch für eine zwielichtige Person und zweifelt an diesem Zitat.

Grabstein von Franz Kafka auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag

Was hat er wirklich gesagt? Das wusste nur Kafka selbst. Fragen kann man ihn nicht mehr

"Bei fast jeder berühmten Person findet sich irgendjemand, der sich durch die Nähe zu dieser Person wichtig machen will", sagt Gerald Krieghofer. So sei es auch bei Franz Kafka und Gustav Janouch, der das Buch "Gespräche mit Kafka" 1951 herausbrachte. "Aus diesem Buch stammen ganz viele populäre Kafka-Zitate, die Janouch aber erst 20 Jahre nach Kafkas Tod eingefallen sind", sagt Krieghofer. Über die Gespräche habe Janouch nie Tagebuch geführt und sie würden deshalb in der Kafka-Forschung nicht ernst genommen.

Wie man "Kuckuckszitate" erkennt

Einfach ist es, ein Zitat als falsch zu entlarven, wenn es jemandem zugeschrieben wird, der zu der Zeit, als das Zitat erstmals auftauchte, noch gar nicht geboren war. Schwieriger wird es bei Zitaten aus vermeintlichen Werken oder Schriften. Da wiederum helfen die Bibliotheken, sagt Zitatforscher Gerald Krieghofer. Die Sprichwort- und Zitatforschung sei schließlich eine philologische Disziplin und es gäbe entsprechende Standardwerke.

Doch auch Laien können sich auf Spurensuche begeben. In den vergangenen 20 Jahren wurden Millionen von Büchern und Zeitungsseiten digitalisiert, die frei zugänglich sind. GeraldKrieghofer ist seit einem Jahr dabei, mit seiner "Zitatforschung" im Internet ein seriöses digitales Lexikon zu schaffen.

Auf der Suche nach der Quelle

Für seine Zitatleidenschaft erhält der Literaturwissenschaftler überwiegend positive Reaktionen. "Ich bin aber auch ein bisschen verhasst bei Neonazis, weil ich ihnen ihre schönen Pseudozitate wegnehme." Zwar wird er nicht bedroht, aber gerade auf Twitter immer wieder beschimpft. Krieghofer nimmt es gelassen.

Sein derzeit liebstes Falschzitat lautet: "Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Gerald Krieghofer hat herausgefunden, dass es seit 30 Jahren weltweit dem Komponisten Gustav Mahler zugeschrieben wird. Aber auch Papst Johannes und Johann Wolfgang von Goethe standen schon Pate. Tatsächlich ist der Satz nach Krieghofers Recherchen erstmals im französischen Parlament 1910 aufgetaucht. Den Zitatforscher erfüllt es mit Stolz, wenn er die echte Quelle eines Zitats letztendlich gefunden hat.

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