Fall Skripal: Experten zweifeln an Darstellung der Verdächtigten | Europa | DW | 13.09.2018
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Öffentlicher Auftritt

Fall Skripal: Experten zweifeln an Darstellung der Verdächtigten

Sie seien Touristen, keine Spione. In einem öffentlichen Interview haben zwei von Großbritannien verdächtigte Russen ihre Verwicklung in den Mordanschlag bestritten. Experten halten ihre Darstellung für unplausibel.

Russland Alexander Petrow und Ruslan Boschirow TV-Interview (Reuters/RT)

Boschirow und Petrow im RT-Interview

Nachdem britische Behörden ihre Namen und Fotos veröffentlicht hatten, warteten Ruslan Boschirov und Alexander Petrov erstmal ab. Dann ging es ganz schnell. Wenige Stunden nachdem der russische Präsident Wladimir Putin am Dienstag am Rande eines Wirtschaftsforums in Wladiwostok an die Männer appellierte, sich den Medien zu zeigen, soll bei der Chefredakteurin des Auslandsenders Russia Today (RT) Margarita Simonjan das Handy geklingelt haben. Am gleichen Tag hat sie dann offenbar ein rund 25-minütiges Interview mit den beiden Männern aufgezeichnet, die verdächtigt werden, den Giftgasanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Salisbury verübt zu haben. Einen Tag später, an diesem Mittwoch hat RT das Video ausgestrahlt.

Keine Details über Identität

Großbritannien: Scotland Yard veröffentlicht Fotos der Hauptverdächtigen im Fall Skripal (picture-alliance/Met Police UK)

Am 5. September hat Scotland Yard die Fotos der Verdächtigten publiziert

Darin bestätigen die beiden, Anfang März zum fraglichen Zeitpunkt in Salisbury gewesen zu sein. Sie seien jedoch keine Geheimagenten, sondern als einfache Touristen wegen der Sehenswürdigkeiten nach Salisbury gekommen. In dem Interview stellen sie sich als Opfer der britischen Behörden dar. Ihr Leben sei seit Beginn der öffentlichen Fahndung zerstört.

Details über sich wollen die beiden in dem Interview nicht geben mit der Begründung, ihr berufliches und privates Umfeld schützen zu wollen. Nur so viel: Sie seien Kleinunternehmer aus der Fitness-Branche und bereits mehrmals nach Europa gereist, etwa in die Schweiz, um sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Markt zu informieren. Indizien, dass sie keine Agenten sind, präsentierten sie nicht.

Ein gestelltes Interview?

Experten erklären die lange Pause zwischen der Veröffentlichung der Namen und der ersten Stellungnahme der Betroffenen mit Bemühungen Moskaus, eine glaubwürdige Erklärung zu schaffen. "Ich glaube, die haben einfach über diverse Varianten nachgedacht", sagte Mark Galeotti, britischer Experte für russische Geheimdienste und Dozent am Institut für Außenbeziehungen in Prag, der DW. Die russische Politik-Expertin Tatjana Stanowaja sieht das ähnlich: "Auch wenn über alternative Darstellungen gesprochen wurde, hat man sie wohl als nicht umsetzbar verworfen. In einer modernen Welt ist es sehr schwer, jemanden zu verstecken."

Das Interview mit Boschirov und Petrov habe sie nicht überzeugt, sagt Stanowaja. "Es sieht sehr gestellt aus, man erkennt die Logik der 'Regisseure', die ein Personenprofil schaffen wollten, doch es wirkt künstlich." Ihr Gesamteindruck: schlecht durchdacht und eilig vorbereitet. Das wichtigste Ziel des Interviews sei, eine alternative Sichtweise zu den Anschuldigungen in Großbritannien zu schaffen, die man schwierig wiederlegen kann, so Stanowaja.

Bild Überwachungskamera (picture-alliance/dpa/Bildfunk/AP/Metropolitan Police)

Das Bild von einer Überwachungskamera

Auslandspublikum als Zielobjekt

Mark Galeotti nennt die Darstellung von Petrov und Boschirov gerade heraus "nicht plausibel": "Ich fand es besonders unterhaltsam, als diese zwei russischen Männer sagten, sie seien wegen ein bisschen Schneematsch zurück nach London gereist." Damit nämlich begründen die beiden ihre erste kurze Reise nach Salisbury am Vortag des Giftanschlags auf die Skripals. Britische Ermittler interpretieren den Tripp als Erkundungsfahrt. Galeotti verweist auch darauf, dass die RT-Interviewerin Simonjan unter anderem nicht fragt, warum ihre Reisepässe fast identische Seriennummern haben.

Sowohl die Auswahl des Senders, als auch die präsentierten Informationen werten die Experten als einen Versuch, Zweifel beim ausländischen Publikum zu säen. "Das Interview ist adressiert an alle, die den Mainstream-Medien misstrauen", sagt Stanowaja.

Galeotti sieht nun Großbritannien am Zuge. London könne jetzt Moskau um ein Gespräch mit den beiden in Russland bitten. "Wenn Moskau nein sagt, würde das verdächtig aussehen. Und wenn es zustimmt, dann werden sie mit deutlich schärferen Fragen konfrontiert", so der Geheimdienst Experte. In beiden Fällen würde diese Geschichte in den Nachrichten bleiben.

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