Faktencheck: Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich? | Wissen & Umwelt | DW | 26.11.2020
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Corona-Todeszahlen

Faktencheck: Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

410 Menschen sind in Deutschland an nur einem Tag an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben - ein neuer Höchstwert. Was bedeutet der Anstieg der Todeszahlen? Und sterben jetzt mehr Menschen als im Frühjahr?

Wie ist der aktuelle Anstieg der Todeszahlen zu erklären?

Die Kurve der Corona-Neuinfektionen ist in Deutschland seit Anfang Oktober stark angestiegen. Seit Mitte November lässt sich - mit täglichen Ausschlägen nach oben und unten - eine Seitwärtsbewegung bzw. ein leichter Rückgang der Zahlen feststellen, dies allerdings auf hohem Niveau.

Insgesamt haben sich hierzulande zuletzt deutlich mehr Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, die Gesamtzahl seit Ausbruch der Pandemie Anfang des Jahres hat die Millionen-Grenze überschritten. Seit Wochen warnen Experten davor, dass die Fälle mit schwerem Krankheitsverlauf sowie die mit Todesfolge zeitverzögert auf den Anstieg der Neuinfektionen folgen werden. So sagte der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, am 2. November gegenüber "Bild" voraus: "In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen."

Er behielt recht: Aktuell (Stand: 26.11.2020) sind 3826 COVID-Patienten in Deutschland in intensivmedizinischer Behandlung, im April waren es in der Spitze 2850 Menschen. Und der Report des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt eine klare Tendenz: Der Anteil freier Intensivbetten schrumpft weiter. Für Ralf Krumkamp vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung hat sich der Anstieg der Todeszahlen in Deutschland abgezeichnet: "Die steigenden Todeszahlen sind zeitversetzt zu den Fallzahlen. Aktuell steigen die Infektionszahlen bei den über 80-Jährigen. Es kann also gut sein, dass wir weiter steigende Sterbezahlen beobachten", sagte Krumkamp der DW. Studien haben gezeigt, dass ältere Menschen mit Blick auf COVID-19-Erkrankungen statistisch ein wesentlich höheres Sterberisiko haben. Eine Untersuchung der amerikanischen Yale Universität ergab, dass die Sterblichkeit der über 64-Jährigen 62 Mal größer ist als die von Menschen unter 55. 

Ist die zweite Corona-Welle in Deutschland schlimmer als die erste?

Das kommt darauf an, welche Zahlen man zugrunde legt. Gemessen an den Neuinfektionen ist die zweite Welle deutlich gravierender als die erste. Während der ersten Welle kletterten die Werte auf gut 6000 tägliche Fälle, während der zweiten Welle auf teilweise gut 23.000 Fälle. Allerdings muss man diese Zahlen ins Verhältnis zu den durchgeführten Tests setzen: Wurden im Frühjahr laut RKI-Teststatistik rund 300.000 bis 400.000 Corona-Tests pro Woche in Deutschland ausgewertet, waren es zuletzt zwischen 1,2 und 1,7 Millionen wöchentliche Tests. Die Dunkelziffer dürfte im Frühjahr deutlich höher gewesen sein.

Infografik COVID-19: Tägliche Todesfälle in Deutschland DE

Beim Blick auf die Todeszahlen ist das Bild etwas anders. Hier erreicht die Entwicklung jetzt erst den Höchstwert der ersten Welle. Zwar wurden am 25. November mit 410 verstorbenen COVID-19-Patienten in Deutschland so viele wie noch nie binnen eines Tages gezählt. Doch im 14-Tages-Mittelwert zeigt die Kurve einen ähnlichen Verlauf wie während der ersten Welle.

Ist die Sterblichkeit während der zweiten Welle höher als während der ersten?

Nein, bisher ist das Gegenteil der Fall. Der Anteil der verstorbenen Menschen an der Gesamtheit der Fälle ist aktuell niedriger als im Frühjahr. So registrierte das RKI zum Beispiel Mitte April 2020 noch einen Anteil von Verstorbenen von 6,98 Prozent (Kalenderwoche 16). Ende Oktober 2020 lag der Wert bei 0,94 Prozent, also deutlich niedriger. Die Sterblichkeits-Daten für November seien laut RKI noch nicht aussagekräftig, da der Ausgang der Erkrankungen in diesen Wochen noch unklar sei.

Auch beim Anteil der Verstorbenen gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass die Bezugsgröße die Gesamtzahl der erfassten Fälle ist und diese durch die erhöhten Testkontingente höher liegt. Doch selbst vor diesem Hintergrund liegt der Anteil der Verstorbenen niedriger als im Frühjahr. Dies könnte auch dem besseren Schutz von Risikogruppen geschuldet sein. 

Infografik COVID-19: Tägliche Todesfälle verschiedne Europäische Länder DE

Dass auch die absoluten Zahlen an Verstorbenen aktuell (KW 44: 1045 Tote) niedriger sind als im Frühjahr (KW 14: 2252), ist ein positives Signal (die Werte markieren jeweils die Höchststände der ersten und zweiten Welle). "Wir haben bei den Todeszahlen einen Wert, den man besser beobachten kann", meint Ralf Krumkamp. "Milde Verläufe übersieht man bei den Fallzahlen, wenn man nicht konsequent testet. Die schweren Fälle und die Todesfälle werden hingegen besser erfasst, weil sie klinisch relevant sind."

Sterben eigentlich aktuell mehr Menschen als sonst?

Ja, wie in vielen anderen Ländern sterben 2020 auch in Deutschland mehr Menschen als in den Vorjahren. Allerdings zeigen die Daten in einzelnen europäischen Staaten völlig unterschiedliche Ausschläge. In Deutschland gab es zwar deutlich weniger Todesfälle als in anderen europäischen Ländern. Aber auch hier hat die Ausbreitung des Coronavirus zu einer erkennbaren Übersterblichkeit geführt, also der Anzahl an Todesfällen, die phasenweise über dem jährlichen historischen Mittel liegen.

Zwischen Ende März und Anfang Mai starben laut Statistischem Bundesamt mehr Menschen als im selben Zeitraum in den vergangenen Jahren, in der 15. Kalenderwoche (Anfang April) lag die Abweichung bei 14 Prozent über dem vierjährigen Durchschnitt. Aufgrund der nun wieder steigenden Todeszahlen in Verbindung mit dem Coronavirus liegt die Sterblichkeit aktuell wieder leicht über dem Mittelwert der vergangenen Jahre. 

Video ansehen 26:06

COVID-19 Spezial vom 10.12.2020

Aus den Zahlen lässt sich nicht ableiten, dass es für die Monate März bis Mai über die erfassten Corona-Todesfälle hinaus eine Dunkelziffer an nicht erkannten Corona-Fällen gab. Für die zweite Welle im Herbst sind die bisher vorliegenden Zahlen noch nicht aussagekräftig genug. 

Mit Blick auf Europa wird der Trend indes noch deutlicher: Nach den Daten des Projekts European mortality monitoring (Euromomo) liegt die erfasste Sterblichkeit des Kontinents im Frühjahr 2020 weit und aktuell deutlich über dem üblichen Korridor.

Der Blick in die Statistiken von 26 europäischen Länder offenbart dabei große Unterschiede: Staaten wie Spanien, Frankreich oder Belgien zeigen hohe Übersterblichkeitswerte, andere wie Finnland oder Griechenland bleiben in ihrem Durchschnittskorridor.

Unsere Infografik mit Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) verdeutlicht ebenfalls die unterschiedlichen Werte der nachgewiesenen Corona-Todesfälle in den Staaten. Die Antwort auf die Frage, ob aktuell mehr Menschen sterben als üblich, fällt also je nach Ort sehr unterschiedlich aus. 

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