Faktencheck: Gibt es Langzeitfolgen von Corona-Impfungen? | Wissen & Umwelt | DW | 10.11.2021
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Coronavirus

Faktencheck: Gibt es Langzeitfolgen von Corona-Impfungen?

Viele Menschen, so auch Fußballstar Joshua Kimmich, stehen einer COVID-Impfung kritisch gegenüber. Ein häufig genannter Grund ist die Angst vor Langzeitfolgen. Doch gibt es diese überhaupt? Ein Faktencheck.

Deutschland Corona-Ambulanz Ulm

Schwere Impfnebenwirkungen sind statistisch sehr selten - und treten immer kurz nach den Impfungen auf.

Der Fußballprofi Joshua Kimmich vom FC Bayern hat durch ein Sky-Interview eine Debatte entfacht, die unter Ungeimpften allerdings nicht neu ist: Er habe noch Bedenken gegenüber Corona-Vakzinen, weil Langzeitstudien fehlten. Noch immer ist jeder vierte Deutsche nicht gegen COVID-19 geimpft. Manche Ungeimpfte begründen ihr Zögern mit der Angst vor möglichen Langzeitfolgen der Impfstoffe. Impfskeptiker zeigen auf Twitter Beispiele von anderen Impfstoffen auf, beispielsweise gegen die Schweinegrippe, bei denen es angeblich Langzeitfolgen gegeben hätte. Doch stimmt das wirklich? Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Impfreaktionen, Nebenwirkungen, Langzeitfolgen - was sind die Unterschiede? 

Impfreaktionen treten in der Regel kurz nach einer Impfung auf und können mehrere Tage anhalten - das sind bei den Corona-Impfungen beispielsweise Schmerzen an der Einstichstelle oder Kopfschmerzen. Diese Reaktionen des Körpers zeigen, dass sich das Immunsystem mit dem Impfstoff auseinandersetzt. 

Deutschland Bundesliga | Joshua Kimmich

Joshua Kimmichs Bekenntnis hat eine Debatte ausgelöst: Ist die Impfskepsis angesichts fehlender Langzeitstudien berechtigt?

Nebenwirkungen sind sozusagen stärkere Impfreaktionen. Sie sind "eine unerwünschte Reaktion des Körpers auf den Impfstoff, die zusätzlich zu der ganz normalen Impfreaktion auftauchen", sagt Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Professorin am Institut für Transplantationsimmunologie in Hannover, im DW-Interview. Sie sind schwerwiegender als übliche Impfreaktionen und können im äußersten Fall zu Impfschäden führen, die sich längerfristig auf die Gesundheit auswirken. Sehr seltene Nebenwirkungen wie (Sinusvenen-)Thrombosen oder Herzmuskelentzündungen wurden bei den COVID-19-Impfstoffen bereits entdeckt.

Der im Volksmund geläufige Begriff "Langzeitfolge" kann in Bezug auf Impfungen nicht von Nebenwirkungen getrennt werden. Es sind Nebenwirkungen, die erst nach einiger Zeit mit der Impfung in Zusammenhang gebracht werden, erklärt der Immunologe Carsten Watzl in einem viralen TweetEin Beispiel: Wenn eine Nebenwirkung nur bei einer von einer Million Personen auftritt, fällt dieser Zusammenhang erst auf, wenn mehrere Millionen Menschen geimpft sind. 

Spritze gegen Blutgerinnsel

Thrombosen gehören zu den sehr seltenen Impfnebenwirkungen, können aber gut behandelt werden

Der Vorteil bei den COVID-19-Impfstoffen ist, dass bisher mehr als 7,2 Milliarden Impfdosen weltweit verabreicht wurden - und seltene Nebenwirkungen somit rasch erkannt werden können. "Weil schon so viele Menschen geimpft wurden, und der Zeitpunkt der Verabreichungen bei vielen Menschen schon viele Monate her ist, sind wir uns jetzt so sicher über mögliche Nebenwirkungen", erklärt der Immunologe Förster. 

Infografik Corona Impfquote nach Kontinent (27.10.21) DE

Was hatte es mit den zunächst unentdeckten Thrombose-Fällen durch AstraZeneca auf sich? 

Dies ist eine seltene Nebenwirkung, die erst nach der Einführung des AstraZeneca-Impfstoffs von Gesundheitsämtern entdeckt wurde, bestätigt Förster. Darunter waren einige schwere Fälle mit Blutgerinnseln an unterschiedlichen oder ungewöhnlichen Stellen (zum Beispiel im Gehirn als Sinusvenenthrombosen). "Die Zulassungsstudien können die häufigeren Reaktionen auf den Impfstoff aufzeigen, aber die seltenen aufgrund der relativ kleinen Fallzahlen leider nicht", erklärt auch die Immunologin Falk. Deswegen sei diese Nebenwirkung erst nach der Zulassung aufgefallen. 

Laut australischen Gesundheitsbehörden tritt eine Thrombose nur bei höchstens vier bis sechs Personen von einer Million Menschen auf, die mit AstraZeneca geimpft werden.

Die Mehrzahl der Thrombose-Fälle trat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge meistens zwei bis drei Wochen nach der Impfung auf, überwiegend bei Personen unter 60 Jahren. Deswegen wird in Deutschland seit dem 1. April nur noch empfohlen, Menschen ab 60 Jahren mit AstraZeneca zu impfen. Wenn die Nebenwirkung früh genug erkannt wird, kann sie behandelt werden. 

Wie lange dauert es, bis der Impfstoff im Körper abgebaut wird? 

Bei den Impfstoffen, die in der EU zugelassen sind, gibt es zwei verschiedene Arten von Impfstoffen: mRNA-Impfstoffe von Biontech-Pfizer oder Moderna und Vektor-Impfstoffe wie die von AstraZeneca oder Johnson & Johnson. "Wir reden hier von wenigen Tagen und Wochen, bis die Impfstoffe komplett abgebaut und nicht mehr in unserem Körper vorhanden sind", erklärt die Immunologin Falk für beide Arten.

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Zum Verständnis: Die mRNA-Impfstoffe enthalten sozusagen den Bauplan für einen bestimmten Bestandteil des Virus - nachdem sie gespritzt werden, wird das Immunsystem angeregt und Antikörper gegen dieses kleine Teil gebildet. Im Anschluss wird die mRNA nach Angaben von Biontech-Pfizer wieder vollständig abgebaut - und kann damit keine spät auftretenden Langzeitfolgen auslösen"Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es zu späteren Reaktionen kommen kann", sagt auch Reinhold Förster im DW-Interview. 

Auch Vektorimpfstoffe enthalten einen Bauplan für einen bestimmten Teil des Virus und regen das Immunsystem an, um Antikörper zu bilden. Die Impfvektoren werden laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nach kurzer Zeit abgebaut - und können damit auch nicht erst nach längerer Zeit eine Reaktion auf den Körper hervorrufen.

Wurden Nebenwirkungen nach anderen Impfstoffen erst Jahre später entdeckt? 

Bei der Impfung Pandemrix gegen die Schweinegrippe fiel eine sehr seltene Nebenwirkung erst spät nach der Einführung des Impfstoffs auf: Narkolepsie, eine Schlafkrankheit. Zunächst wurden nur vergleichsweise wenige Menschen geimpft, weshalb die Nebenwirkung erst Monate später, nachdem viele Menschen geimpft wurden, auf die Impfung zurückgeführt wurde. "Dass man das überhaupt feststellen konnte, hatte nichts damit zu tun, dass man die Geimpften besonders lange beobachten musste, bis diese Nebenwirkung auftrat, sondern dass sehr viele Menschen geimpft wurden", erklärt der Immunologe Förster im Interview. Sehr seltene Nebenwirkungen würde man eben erst sehen, wenn es eine große Gruppe Geimpfte gebe.

Schlaflosigkeit: Ein Mann liegt am 31.10.2016 in Hamburg wach in seinem Bett und schaut auf den Wecker auf seinem Nachttisch (gestellte Szene). (Foto: Christin Klose/dpa)

Bei einer Narkolepsie ist die Schlaf-Wach-Regulation gestört

Diese Nebenwirkung des Pandemrix-Impfstoffes trat innerhalb weniger Wochen vereinzelt bei Kindern zwischen vier und 19 Jahren auf. Aufgrund von epidemiologischen Studien geht man von zwei bis sechs zusätzlichen Fällen von Narkolepsie pro 100.000 verimpfter Dosen bei Kindern und Jugendlichen aus. Aktuell wird der Impfstoff in der EU nicht mehr eingesetzt. 

Welche Nebenwirkungen wurden nach COVID-19-Impfstoffen gemeldet? 

Bekannte und gleichzeitig sehr seltene Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe, die das Paul-Ehrlich-Institut in seinem Sicherheitsbericht aufführt, sind beispielsweise Myokarditis, eine Entzündung des Herzmuskels, und Perikarditis, eine Entzündung des Herzbeutels, wobei bei den bisher gemeldeten Fällen der kausale Zusammenhang noch nicht abschließend geklärt ist. Dennoch empfiehlt die Ständige Impfkommission nun (Stand 10. Novemeber), Menschen unter 30 Jahren nicht mehr mit dem Impfstoff Spikevax von Moderna zu impfen - da hier häufiger Herzbeutelentzündungen beobachtet wurden als bei der Biontech-Impfung.
Des Weiteren wurden nach Impfungen beispielsweise anaphylaktische Reaktionen, (Sinusvenen-)Thrombosen, das Guillain-Barré-Syndrom sowie Thrombozytopenie oder Immunthrombozytopenie gemeldet. Weitere Erläuterungen, auch zur Häufigkeit der Nebenwirkungen, kann man in dem monatlich aktualisierten PEI-Sicherheitsbericht der Impfstoffe nachlesen. 

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Fazit: Führende Immunologie-Experten in Deutschland schließen weitgehend aus, dass Menschen noch Jahre später als Folge der COVID-19-Impfungen erkranken können. Der Körper reagiert bereits direkt nach der Impfung oder wenige Wochen später auf den Impfstoff – und kann dann Impfreaktionen oder gegebenenfalls stärkere Nebenwirkungen ausbilden. Diese können in den schlimmsten, aber auch sehr seltenen Fällen beispielsweise (Sinusvenen-)Thrombosen oder Herzmuskelentzündungen sein, die sich auch längerfristig auf die Gesundheit eines Menschen auswirken können. Da weltweit schon über sieben Milliarden Impfdosen verimpft wurden, konnten bisher auch sehr seltene Nebenwirkungen entdeckt werden. Wissenschaftliche Studien zu möglichen Langzeitfolgen liegen derzeit noch nicht vor.

Aber: Langzeitfolgen im Sinne von Spätfolgen, die erst Jahre nach einer Impfung erstmals auftreten, wie manche Impfskeptiker befürchten, sind nach Meinung der von uns befragten Immunologen nicht möglich und sind auch von anderen Impfungen nicht bekannt. Denn die Impfstoffe werden vom Körper schnell abgebaut und können damit keine nachträglichen Reaktionen hervorrufen.

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Dieser Artikel wurde am 28. Oktober 2021 veröffentlicht und zuletzt am 10. November aktualisiert.

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