Experten: Sprachförderung an Schulen muss gestärkt werden | Deutschlehrer-Info | DW | 11.11.2021
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Deutschlehrer-Info

Experten: Sprachförderung an Schulen muss gestärkt werden

Der Bericht zur Lage der deutschen Sprache hat die Situation an Schulen untersucht. Fazit: Wie viele Probleme Schüler dort haben, hängt immer noch stark vom Elternhaus ab. Aber es gibt auch positive Ergebnisse.

Mehrere Schüler mit Schulranzen auf dem Rücken laufen durch ein Tor.

Wie steht es um die Sprachkompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler?

Sätze wie „Ich fühl' dich“ oder „Isch hab Geistesblitz“, und dann erst die ganzen Emojis. Mit der Jugend und der Sprache von heute geht es bergab – diese Klage hat Tradition. Denn schon im Mittelalter haben sich Schulmeister darüber beschwert, dass die Schüler nicht mehr wüssten, was korrektes Deutsch sei. So ist es in einem neuen Sammelband zu lesen: Im „Dritten Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften geht es um die Sprachkompetenz in den Schulen.

Sprachförderung muss verbessert werden

Sogenannte bildungsferne Milieus werden der Untersuchung zufolge im deutschen Schulsystem bei der Sprachförderung weiter benachteiligt. Schülerinnen und Schüler, die nicht schon von zuhause viele Kenntnisse mitbringen oder aus bildungsorientierten Milieus stammen, hätten bei der Vermittlung von Sprachfähigkeiten an den Schulen weiter das Nachsehen, sagte die Sprachwissenschaftlerin Prof. Ursula Bredel von der Universität Hildesheim, die Projektleiterin des Berichts ist.  Schule und Bildungspolitik hätten hier großen Nachholbedarf. 

Um Verbesserungen zu erreichen, seien eine große Kraftanstrengung und auch die Bereitschaft zu mehr Investitionen in das Bildungssystem nötig, so Bredel. Didaktische Konzepte lägen zum Teil bereits vor, müssten jedoch auch umgesetzt werden. Die Weichen würden zwar bereits vor der Schulzeit in den Familien gestellt, die Vermittlung guter Sprachfähigkeiten sei jedoch Aufgabe der Schulen. „Wir können die Eltern nicht ändern“, sagte Bredel: „Die Schule muss das leisten.“

Fortbildungen für Lehrkräfte benötigt

Zugleich betonte sie, die Anforderungen an Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler seien in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich gestiegen. Die Schulen müssten nun unterstützt werden, damit sie ihre Aufgaben auch bewältigen können. Der Linguist Helmuth Feilke von der Universität Gießen, Co-Projektleiter des Berichts, sagte, die Schule erfülle „sehr viele der Aufgaben, die an sie gestellt werden“, müsse jedoch besser werden. Zudem forderte er für die rund 800.000 Lehrkräfte an den Schulen in Deutschland auch verpflichtende Fort- und Weiterbildungen.

Mit der Rechtschreibung geht es bergab – mit dem Wortschatz nicht

Insgesamt zeichneten die an der Studie Beteiligten ein differenziertes Bild, so Feilke: Von einem Verfall der deutschen Sprache, wie zum Teil behauptet, könne nicht gesprochen werden, hieß es. Es würden auch neue Kompetenzen vermittelt. Die Normtreue nehme jedoch ab, wenn auch nicht in gravierender Weise.

Aber das ist nicht erst seit Kurzem so: Die Sicherheit in der Rechtschreibung ließ insgesamt über die Jahre hinweg nach. Ein Bruch sei dabei bereits in den 70er- und 80er-Jahren festzustellen. Hintergrund sei eine „Umstellung von formaler auf funktionale Sprachbildung“ in dieser Zeit. Es zeige sich nun, dass die formale Orientierung wieder gestärkt werden müsse, heißt es.

Genauer untersucht hat das für die Studie der Ludwigsburger Sprachwissenschaftler Dirk Betzel – mit 1000 Texten von Grundschülern aus Nordrhein-Westfalen von 1972 bis 2012. Sein Ergebnis: Die Zahl fehlerloser Texte hat im untersuchten Zeitraum von 40 Jahren stark abgenommen: Während 1972 noch 60 Prozent der untersuchten Texte ohne Fehler waren, waren es 40 Jahre später nur noch 20 Prozent.

In die allgemeinen Klagen, mit der Sprache von Kindern und Jugendlichen gehe es den Bach hinunter, stimmen die Experten allerdings nicht ein. „Unter historischer Perspektive haben Grundschüler mit Gymnasialempfehlung heute einen größeren Wortschatz und flexiblere Ausdrucksmöglichkeiten, während die Sicherheit in der Rechtschreibung eher zurückgegangen ist“, sagte Bredel.

rh/sts (mit epd, dpa)

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