Experte: ″Attentat wohl von Russland choreographiert″ | Europa | DW | 05.09.2019
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Mord in Berlin

Experte: "Attentat wohl von Russland choreographiert"

Ende August wurde in Berlin ein Tschetschene aus Georgien erschossen. Der mutmaßliche Täter soll russischer Staatsbürger sein. War es ein politisches Attentat? Einschätzungen vom Russland-Experten Mark Galeotti.

Mann in Berlin-Moabit erschossen - Motiv unklar (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Spurensicherung im Park: Berliner Polizeibeamte in Moabit

Deutsche Welle: Herr Galeotti, Zelimkhan Khangoshvili hat im zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft. Ist der Mord an ihm in einem Berliner Park mit der versuchten Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien vergleichbar?

Mark Galeotti: Das ist schwer zu sagen. Es war wahrscheinlich ein Attentat, das von staatlichen Elementen in Russland choreographiert wurde. Wir wissen nicht, ob der erste Impuls dazu von Moskau oder von Kadyrow, dem tschetschenischen Führer, ausging. Kadyrow ist eine rachsüchtige Person und wird mit der Ermordung tschetschenischer Dissidenten in Europa und darüber hinaus in Verbindung gebracht. Bellingcat (ein internationales investigatives Recherchenetzwerk, Anm. d. Red.) untersucht, wie der mutmaßliche Mörder Vadim Sokolov an seinen Reisepass kam und wo er im Einsatz war. Dass er kein Tschetschene ist, zeigt, dass dies wahrscheinlich auf Moskaus Befehl hin geschah.

Was könnte das Motiv für den Mord an Khangoshvili sein?

Klar ist, dass er auf diesen langen Listen mit Menschen stand, die der russische Staat offen gesagt lieber tot als lebendig sehen würde. Warum gerade er und warum jetzt? Es gibt Hinweise darauf, dass er in Versuche involviert war, in Tschetschenien Probleme zu schaffen, und überhaupt dabei war, tschetschenische Dissidenten in ganz Europa zusammenzubringen.

Was wissen Sie über den mutmaßlichen Mörder?

Man geht davon aus, dass er Mitarbeiter eines russischen Geheimdienstes sein könnte oder zumindest bei einem unter Vertrag stehen könnte. Er könnte für den Föderalen Sicherheitsdienst FSB arbeiten, der für seine Beziehungen zu Tschetschenen berüchtigt ist. Aber er ist wahrscheinlich kein herkömmlicher Geheimdienstoffizier, da er Berichten zufolge mehrere Tätowierungen hat. Er könnte ein Gangster sein, der vom FSB angeheuert wurde.

Mark Galeotti (privat)

Mark Galeotti ist Historiker und Experte für russische Geheimdienste

Laut Medien sind auf der linken Hand des mutmaßlichen Täters eine Krone und ein Panther, auf seiner rechten Hand eine Schlange tätowiert. Welche Bedeutung hat das?

Die Zeiten, in denen Tätowierungen in der russischen kriminellen Subkultur eine feste Bedeutung hatten, sind vorbei. Im Allgemeinen ist eine Krone jedoch ein Symbol für einen relativ hochrangigen Gangster-Anführer, aber nicht für einen Paten. Panther-Tattoos sind typisch für Häftlinge aus Gefangenenlagern in Sibirien oder im russischen Fernen Osten. Die Schlange kann viele Bedeutungen haben. Aber es sind Tattoos, die unter Kriminellen und nicht in der Armee üblich sind.

Warum sollte so ein Krimineller angeheuert werden, um jemanden zu töten?

Die Welt der Informationen verändert die Welt der Spionage. Es wird immer schwieriger, einen Undercover-Spion zu haben, der unter mehreren Identitäten und in mehreren Ländern operiert. Videoüberwachung, biometrische Pässe und so weiter erschweren das alles.
Die Russen setzen zunehmend Leute ein, die man als "Attentäter zum einmaligen Gebrauch" bezeichnen könnte. Wir haben das bei den Skripals gesehen. Die mutmaßlichen Attentäter waren ebenfalls keine professionellen Agenten, sondern Angehörige der russischen Spezialeinheit Speznas. Die Russen wissen, dass die Identitäten aufgedeckt werden, also suchen sie sich Leute aus, die einen Job erledigen können und dann zu ihrer regulären Arbeit zurückkehren.

Die mutmaßlichen Täter, die den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal vergiftet haben sollen, reisten vor dem versuchten Attentat durch Westeuropa. Vadim Sokolov war vor dem Berliner Attentat offenbar nirgendwo gesehen worden…

Die mutmaßlichen Skripal-Attentäter waren möglicherweise an nachrichtendienstlichen Operationen beteiligt, aber sie haben möglicherweise auch Referenzen aufgebaut, um ein britisches Visum zu erhalten.
Ungewöhnlich ist, wie schnell und einfach Sokolov ein Visum vom französischen Konsulat bekam. Er hatte sehr schwache Unterlagen: Er gab eine Adresse an, die es nicht gab, und eine Firma, ohne zu sagen, um welche Firma es sich handelte. Wir wissen, wie schwierig es für normale Russen ist, ein Visum zu bekommen.

Der mutmaßliche Mörder wollte das Land einen Tag nach dem Mord verlassen, nicht sofort wie die Skripal-Attentäter. Warum?

Es wird viel spekuliert, aber wahrscheinlich befürchteten diejenigen, die die Operation geplant haben, dass die Behörden die Flughäfen sofort schließen würden. Indem sie ihm einen Tag gaben, konnte er leichter durchs Sieb fallen. Russische Geheimdienste sind normalerweise ziemlich gut in dem, was sie tun. Aber auch sie machen Fehler, zum Teil weil sie so aktiv sind und manchmal nicht nur aus ihrem A-Team, sondern auch aus ihrem B- oder C-Team auswählen müssen.

Wenn die Untersuchung ergibt, dass es ein politisches Attentat war, sollten Deutschland und andere Länder neue Sanktionen gegen Russland verhängen?

Dann muss es irgendeine Antwort geben. Die NATO besitzt zwar eine militärische Beistandsverpflichtung, aber im Hinblick auf solche nicht-militärischen Angriffe, die alles von Hacking bis zu Attentaten umfassen, ist unklar, wie weit diese Verpflichtung geht. Nicht nur Deutschland wird Stellung beziehen müssen, auch seine Verbündeten werden Position beziehen müssen.

Mark Galeotti ist ein britischer Historiker und Experte für russische Geheimdienste. Er ist Honorarprofessor am University College London.

Das Gespräch führte Roman Goncharenko.

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