Europas Gefängnisse: Überbelegung, kaum Frauen und ein Ost-West-Gefälle | Europa | DW | 09.04.2021
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Justiz

Europas Gefängnisse: Überbelegung, kaum Frauen und ein Ost-West-Gefälle

Ein jährlicher Bericht der Universität Lausanne skizziert die Lage der Gefängnisse und ihrer Insassen in Europa. Wir haben die - teils überraschenden, teils erwartbaren - Ergebnisse zusammengefasst.

Symbolbild Deutschland Gefängnis Amnestie

Symbolbild: Gefangener am Fenster einer Justizvollzugsanstalt in Freiburg

1.528.343 Menschen waren zum Stichtag 31. Januar 2020 in Europa im Gefängnis. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der "Schule der Kriminalwissenschaften" der Universität Lausanne in der Schweiz. Für ihren jährlichen "SPACE I Report" versenden sie Fragebögen direkt an die zuständigen Ämter. Dem Bericht nach haben - mit Ausnahme der Ukraine und Bosnien-Herzegowina - die Behörden in allen 47 Mitgliedstaaten des Europarates bereitwillig geantwortet.

Ost-West-Gefälle bei der Gefängnispopulation

Zum Stichtag 21. Januar 2020 waren also mehr als anderthalb Millionen Menschen in den Mitgliedsländern des Europarates inhaftiert. Wenig überraschend wiesen die beiden bevölkerungsreichsten Länder, Russland und Türkei, auch die größten Gefängnispopulationen auf. Allerdings nicht nur in absoluten Zahlen: Mit 357,2 (Türkei) und 356,1 (Russland) von 100.000 Einwohnern lag auch die relative Zahl der Gefängnisinsassen deutlich über dem Wert aller anderen Länder. In der Liste folgen Georgien mit 263,8 und Litauen mit 219,7 Häftlingen pro 100.000 Einwohnern.

Infografik Gefängnispopulation in Europa

Von den 21 Ländern, die über dem europäischen Schnitt von 124 liegen, sind liegen nur drei nicht in Osteuropa: Malta, Großbritannien und Portugal. Von den 23 Ländern mit unterdurchschnittlich vielen Häftlingen liegen nur neun in Osteuropa, darunter Griechenland und Zypern.

Den geringsten Anteil an Häftlingen - unter den Ländern mit mindestens 500.000 Einwohnern - haben die vier skandinavischen Länder, die Niederlande sowie Slowenien und Armenien gefolgt von Deutschland mit 76,1 Insassen pro 100.000 Einwohner. Das einzige Land ohne Häftlinge war der Zwergstaat San Marino.

Kaum Frauen in Gefängnissen

In ganz Europa ist der Anteil von Frauen in Gefängnissen deutlich geringer als in der Gesamtbevölkerung. Im Durchschnitt sind nur fünf von 100 Häftlingen weiblich. Die Bandbreite ist allerdings recht groß. In den Ländern mit mehr als 100.000 Einwohnern reicht sie von 1,8 Prozent in Albanien bis hin zu 8,6 Prozent in Lettland. Deutschland lag mit 6,0 Prozent leicht über dem europäischen Durchschnitt von 5,6 Prozent.

Russland: Polizei verhaftet Nawalny-Unterstützer

Warum Zahlen kleinerer Länder mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt das Beispiel Liechtenstein: Hier waren unter den 14 Gefängnisinsassen zwei Frauen - ein Prozentsatz von 14,3 Prozent. Würde nur eine von ihnen entlassen, würde der Anteil auf 7,8 Prozent sinken.

Herkunft der Gefangenen sehr unterschiedlich

Extrem unterschiedlich ist der Anteil ausländischer Häftlinge. Nimmt man wiederum die Länder mit mehr als 100.000 Einwohnern, reicht die Bandbreite von 1,1 Prozent in Rumänien bis hin zu 73,9 Prozent in Luxemburg. Auch in drei weiteren dieser Länder hat mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassen eine fremde Nationalität: in der Schweiz (69,6 Prozent), in Griechenland (57,8 Prozent) und Österreich (53,1 Prozent). Der europäische Durchschnitt liegt bei 24 Prozent, allerdings haben nur 43 von 47 Ländern diese Statistik geliefert. Deutschland etwa hat diesen Wert nicht ausgewiesen.

Häftlinge in großen Gefängnispopulationen kennen ihre Strafe

Ebenfalls erhoben wurde, ob die Gefängnisinsassen ihre Haftzeit bereits kennen oder noch auf ein abschließendes Gerichtsurteil warten. Auch hier ist die Bandbreite recht groß: In Tschechien, Russland und Rumänien stand das Urteil bei mindestens 90 Prozent der Gefangenen das Urteil bereits fest. In Armenien, Albanien, Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz warteten 42 bis 36 Prozent der Häftlinge noch auf ihr Urteil. Deutschland liegt hier mit 21 Prozent ein Stück unter dem europäischen Durchschnitt von 26 Prozent.

Auffällig ist, dass in vielen Ländern mit einer verhältnismäßig großen Gefängnispopulation der Anteil der Häftlinge groß ist, die ihr Urteil bereits empfangen haben.

Griechenland | Gefängnis Korydallos nahe Athen

Griechenland hat unterdurchschnittlich viele Häftling, dennoch sind sie Gefängnisse überfüllt

Hohe Gefängnispopulation nicht gleich Überbelegung

Eine ähnliche Korrelation wäre bei der Belegung der Gefängnisse zu erwarten. Nach den offiziellen Zahlen stimmt dies aber nur zum Teil. So findet sich in der Türkei sowohl die anteilig größte Gefängnispopulation Europas als auch die höchste Belegung: Auf 100 Gefängnisplätze kamen hier 127,4 Häftlinge. Dies ist der negative Spitzenwert, doch nur eines von 14 Ländern, die weniger Gefängnisplätze als Gefangene haben. Darunter sind auch Griechenland, Dänemark und Österreich, also Länder, wo unterdurchschnittlich viele Menschen inhaftiert sind. Im europäischen Durchschnitt sind 90,1 Prozent der Gefängnisplätze belegt, in Deutschland sind es 86,8 Prozent.

Den vollständigen SPACE I Report finden Sie hier, eine 30-seitige Zusammenfassung hier.


Türkei: Knastkinder auf Freigang